<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

12.03.12

Deutschlandstart am Dienstag: Spotify scheucht die Konkurrenz mit Gratisangebot auf

Spotify startet am morgigen Dienstag in Deutschland. Auch eine unbegrenzte Gratisversion wird verfügbar sein. Doch dieses Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz ist teuer erkauft.

 

Vor zwei Wochen berichteten wir über einen wahrscheinlichen Deutschland-Start von Spotify am 13. März, also am morgigen Dienstag. Leider fehlte uns bisher noch eine offizielle Bestätigung des schwedischen On-Demand-Dienstes.

Axel Bringéus, Spotifys Chef für den deutschsprachigen Markt, hat nun den Termin in einem Interview mit Focus Online bestätigt. Ab morgen können auch Nutzer aus Deutschland offiziell auf 16 Millionen Songs zugreifen.

Das Entscheidende: Wie in den anderen zwölf Ländern, in denen der Service bisher bereits verfügbar ist, wird auch in Deutschland eine kostenfreie Version angeboten. Bringéus geht hierbei zwar nicht ins Detail, aber sofern das Unternehmen nicht von seiner bisherigen Produktstrategie abweicht, beinhaltet dieses werbefinanzierte Angebot sechs Monate lang unbegrenztes On-Demand-Streaming. Nachtrag: "Spotify Free ist in Deutschland unbegrenzt nutzbar", bestätigte uns Bringéus. Inwieweit die in anderen Märkten nach sechs Monaten eintretende Begrenzung auf zehn Stunden pro Monat greifen wird, ist bisher offen, so der gebürtige, in Deutschland lebende Schwede.

Für 4,99 Euro pro Monat gibt es eine werbefreie, unbegrenzte Variante, und für 9,99 Euro auch Zugriff über mobile Apps.

Die Preisgestaltung lehnt sich somit eng an die der zahlreichen bereits in Deutschland vertretenen Musikflatrates an - mit der Ausnahme des Free-Angebots. Mit diesem wird Spotify nach heutigem Stand fast einsam auf dem deutschen Markt sein - lediglich der Kölner Konkurrent simfy, der heute eine erneute Finanzierungsrunde in Millionenhöhe bekannt gegeben hat, bietet nach den ersten 60 Tagen fünf Stunden Gratis-Streaming pro Monat an. Im Vergleich zu Spotifys Free-Produkt erscheint dies allerdings eher bescheiden.

Teuer erkaufter Wettbewerbsvorteil

Spotify dürfte sich diesen Wettbewerbsvorteil allerdings teuer erkaufen: Denn sofern die Verwertungsgesellschaft GEMA auf ihrer morgigen Bilanz-Pressekonferenz nicht mit einem Flatrate-Tarif für Betreiber von kostenfrei angebotenen On-Demand-Diensten überrascht, gelten für den Musikservice aus Schweden die gleichen Tarife wie für alle anderen Anbieter:

Für jeden zahlenden Nutzer wird ungeachtet von der Anzahl gestreamter Titel eine pauschale monatliche Lizenzgebühr von etwa einem Euro fällig (bei einer typisch bepreisten Musik-Flatrate). Für jeden Gratis-Hörer dagegen zahlen Musikdienste (bei hohem Interaktivitätsgrad) die von der GEMA festgelegte Mindestvergütung von 0,6 Cent pro Song (oder, sollten die Werbeeinnahmen richtig sprudeln, eine Umsatzbeteiligung von 10,25 Prozent).

Spotify hat sich lange vor einem Deutschlandstart gedrückt, weil die fehlende Pauschalabgabe für Gratisnutzer die Kalkulation der Kosten erschwert - jeder von Hörern gestreamte Titel zieht damit eine Lizenzzahlung an die GEMA nach sich, was bei einer großen Zahl an Vielhörern schnell ins Geld gehen kann.

Dass die GEMA und Spotify sich auf einen exklusiven Deal geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, berichtet uns ein Branchenkenner: "Sollte irgendjemand herausbekommen, dass die GEMA eine Sondersuppe mit Spotify kocht, dann werden weder die Mitglieder noch die anderen Services das akzeptieren, denn die GEMA ist wie ein Patentpool jedem verpflichtet, die Konditionen gleichberechtigt zu geben".

Nachtrag: Die GEMA weist darauf hin , dass es momentan mit Spotify noch gar keine Einigung gibt. Das klingt fast, als habe sich der Musikdienst dazu entschlossen, die Verwertungsgesellschaft vor vollendete Tatsache zu stellen, um sie mit Unterstützung der Öffentlichkeit zur Schaffung eines besseren Tarifes für Gratis-Streaming zu bewegen. (Nachtrag Ende)

Den vielen, abgesehen von kurzzeitigen Testperioden ausschließlich gegen Bezahlung angebotenen Spotify-Kontrahenten in Deutschland, steht nun eine harte Zeit bevor. Entweder ziehen Juke, Music Unlimited, Deezer, Rara und Rdio nach und bieten ebenfalls Free-Produkte an - wozu den meisten auf Dauer das notwendige Kapital fehlen dürfte - oder sie finden sich damit ab, nur einen klitzekleinen Teil vom Musikstreaming-Kuchen zu bekommen. Was ebenfalls eine langfristige Existenz in Frage stellt.

Nutzerakquisition über Facebook

Ein Aspekt, der Spotify bei seinem US-Launch sehr geholfen hat, ist die enge Integration mit Facebook. Ohne ein Konto bei dem sozialen Netzwerk ist eine Nutzung des Musikdienstes gar nicht möglich. Das mag Anwender ohne Facebook-Mitgliedschaft irritieren, erhöht jedoch die Chancen für das aufstrebende Streaming-Startup, sich ins Gespräch zu bringen und schnell neue Nutzer akquirieren zu können. Nach unseren Informationen ist auch eine Werbekampagne auf Facebook geplant, in deren Rahmen Nutzer, die 100 Kontakte als Spotify-Mitglieder werben, zwei Jahre Spotify Premium kostenlos erhalten.

Für mich persönlich endet mit dem Deutschlanddebüt des Dienstes auch eine Ära: Seit meinem ersten Bericht über das Startup Ende 2007 habe ich dessen Entwicklung regelmäßig begleitet und mit Spannung auf den Markteintritt in Deutschland gewartet. Diesen nach fast fünf Jahren und dem stetigen Lauern auf Indizien für einen baldigen Launch endlich abhaken zu können, hat etwas Erleichterndes.

Für Spotify beginnt die wirkliche Reise allerdings erst: Vor kurzem lancierte das Unternehmen seine App-Plattform und verkündete beachtliche drei Millionen zahlende Nutzer. Auch ein Börsengang erscheint nicht mehr unmöglich - sofern die Firma zuvor nicht durch die Plattenfirmen erdrückt wird.

Nachtrag: Zum Deutschlandstart werden auch eine Reihe deutschsprachiger 3rd-Party-Apps lanciert, nämlich von Eventim, Fellody, Festivalguide, Interview Magazine, Intro, Last.fm, laut.de, Mit Vergnügen, Motor.de, tape.tv und VISIONS.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer