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24.11.14Leser-Kommentare

Deutschlands wirtschaftliche Zukunft im Digitalzeitalter: Wieso vernichtende Kritik und große Anerkennung berechtigt sind

Was Internet-Infrastruktur und Netz- und Gründerpolitik angeht, liegt in Deutschland viel im Argen. Doch während wir über die Versäumnisse klagen, sieht der amerikanische Ökonom und Publizist Jeremy Rifkin ausgerechnet die Bundesrepublik als Vorbild, was Standortfaktoren für eine gelungene Wirtschaft der Zukunft angeht. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch.

3D-Druck gehört zu den Hoffnungsträgern der kommenden Wirtschaftsära

Wir Deutschen gehen bekanntlich hart mit uns und den Entwicklungen im Land ins Gericht. Gerade was den Fortschritt, die Rechtsprechung und die politischen Vorstöße in Bezug auf die Regulierung und Formung der digitalen Welt angeht, liegt auch zweifellos einiges im Argen.

Ich formulierte es im September diplomatisch, als ich konstatierte, dass sich der hiesige Mittelstand auf dem Erfolg von “Made in Germany” ausruht. André Vatter greift in einem aktuellen, emotionalen Text zum Status Quo zu deutlicheren Worten: Die deutsche Digitalpolitik sei nicht das Ergebnis von Dummheit, Ignoranz oder Verbohrtheit, sondern Vorsatz. Seine These: Die ausbleibenden Investionen sind nichts anderes als Subventionen für die “Wirtschaft 1.0”. Er nutzt seine lesenswerte Brandrede auch dafür, einen Überblick über viele der kleinen und großen Missstände zu geben, die derzeit die Zukunftschancen für die deutsche Wirtschaft verschlechtern.

Bremsen Politik und Großindustrie bewusst? Unwahrscheinlich.

Wie es der Zufall wollte, kam mir am Samstag bei einer aktuellen Lektüre ein ähnlicher Gedanke wie Vatter: Was wenn es nicht fehlender Weitblick und eine auf die Prinzipien des analogen Zeitalters begrenzte Welt- und Wirtschaftssicht sind, die hiesige Politiker und Firmen zu einer Vogel-Strauß-Mentalität veranlassen, sondern tatsächlich Absicht?! Absicht als hilflose Antwort auf Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Erbes der “Deutschland AG” in der kommenden, nach ganz anderen Spielregeln funktionierenden Digitalökonomie?!

Die Idee hatte ich, während ich das Buch “Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus” von Jeremy Rifkin las (Englischer Titel: “The Zero Marginal Cost Society”). Es beschreibt die massiven Veränderungen für Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, die dadurch ausgelöst werden, dass das Internet die Produktions- und Distributionskosten pro Mehreinheit von immateriellen und materiellen Gütern konsequent Richtung null drückt.

In Kapitel sechs erläutert Rifkin, wie die Kombination aus einer leistungsfähigen Internet-of-Things-Infrastruktur und einer prognostizierten Omnipräsenz von 3D-Druckern flexiblen, innovativen Anbietern und Privatpersonen beziehungsweise sogenannten “Prosumenten” erhebliche Vorteile bei Herstellung, Marketing und weltweitem Vertrieb gegenüber den ressourcenintensiven vertikal-integrierten, zentralisierten Grosskonzernen des vergangenen Jahrhunderts verschafft.

“Die Voraussetzungen einer leistungsfähigen Internetinfrastruktur erfüllt Deutschland aber gar nicht”, war meine sofortige Reaktion. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, dass die deutschen Industriegroßkonzerne und mittelständischen Unternehmer bewusst darauf verzichten könnten, den Breitbandausbau oder zeitgemäße Regulierung laut genug einzufordern (die Macht hätten sie) - um die Demokratisierung der Produktion und damit den Einflussgewinn der Verbraucher nicht noch zu beschleunigen.

In meinem Kopf formte sich - trotz der vergleichsweise geringen Bedeutung der Binnennachfrage für die exportfreundliche deutsche Wirtschaft - bereits die Idee für einen spekulativen Artikel. Doch glücklicherweise verbrachte ich noch etwas mehr Zeit mit Rifkins Werk. So entging mir nicht, wie der Soziologe, Ökonom und Publizist kurze Zeit später ein Land neben den USA als besonders fortschrittlich anpreist, was die Schaffung von Grundlagen für die seiner Vorhersage nach vom breiten Einsatz von 3D-Druckern geprägte "Null-Grenzenkosten-Gesellschaft” angeht: richtig, ausgerechnet Deutschland.

US-Ökonom Jeremy Rifkin sieht Deutschland als Vorbild

Aufgrund der jetzt schon herausragenden Rolle von auf lange Sicht kostengünstigen erneuerbaren Energien, einem kräftigen Ausbau der für die effiziente Energieversorgung notwendigen Infrastruktur sowie des ingenieurwissenschaftlichen Know-hows, welches schon zahlreiche Firmen im 3D-Printing-Bereich hervorgebracht hat - er nennt EOS und Concept Laser als Beispiele - sei Deutschland für den kommenden Wandel sehr gut positioniert. Ausdrücklich attestiert er der Bundesrepublik gar gewisse infrastrukturspezifische Vorteile gegenüber den Vereinigten Staaten.

So sehr können die Einschätzungen auseinandergehen. Leser von Rifkins Werk erhalten angesichts des kurzen Exkurses ein Bild von Deutschland, das im kompletten Gegensatz zu den hierzulande üblichen kritischen Analysen der Standortvoraussetzungen steht. Während Netzaktivsten und Digitalapologeten aus Deutschland meist davon schwärmen, wie viel fruchtbarer der digitale Boden in den USA sei, löst der Amerikaner Rifkin bei seinen Lesern - viele von ihnen Landsleute - genau gegensätzliche Emotionen aus.

Kein Widerspruch sondern Motivation

Der scheinbare Widerspruch hat eine einfache Erklärung: In seinem Loblied auf Deutschland blickt Rifkin lediglich auf die deutschen Stärken im Green- und Smart-Energy-Sektor sowie auf die fast schon legendäre Ingenieurleistung. Die Frage der Breitbandversorgung, kontroverse netzpolitische Entscheidungen, die mangelnde Digitalkompetenz und den verbreiteten Kulturpessimismus spricht er gar nicht an. Dies wiederum sind die Themen, die in hiesigen Netzkreisen regelmäßig Nährboden für Wutanfälle und Resignation bieten.

Letztlich liegt die Wahrheit zwischen beiden Perspektiven: Rifkin beleuchtet essentielle Standortfaktoren, die wir Kommentatoren in Deutschland gerne vergessen oder in ihrer Bedeutung komplett unterschätzen. Gleichzeitig hält er den dieser Tage besonders populären Mythos vom (technologischen) Alleskönner Deutschland am Leben. Er kommt wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, dass ausgerechnet in diesem Land ein Grundpfeiler der digitalen Zukunft - eine schnelle, moderne High-Speed-Infrastruktur - im Jahr 2014 noch gar nicht vollständig errichtet wurde.

Die Erinnerung, dass die für die Schaffung der smarten Wirtschaftswelt von morgen erforderlichen Rahmenbedingungen abseits der bekannten Konfliktherde teilweise sehr gut sind und in fernen Ländern als vorbildhaft präsentiert werden, ist durchaus gesund. Und vor allem kann sie motivieren: Man stelle sich einmal die wirtschaftliche Schlagfertigkeit eines Viergespanns aus 3D-Printing-Expertise, einem effizienten Smart Grid, der traditionellen Ingenieur-Exzellenz und einem Blitzschnell-Internet mit erschwinglichem 1-Gigabit-Anschluss für alle Haushalte und Unternehmen sowie einer passenden, realitätsnahen und Bürokratie minimierenden Rechtslage vor.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Das Buch von Jeremy Rifkin würde ich übrigens trotz (oder gerade wegen) der einseitig optimistischen Perspektive Politikern und mittelständischen Unternehmern als Bettlektüre empfehlen. /mw

Grafik: 3d printer, printing car, Shutterstock

Kommentare

  • Patrick Stähler

    24.11.14 (09:17:46)

    Was mich immer wieder überrascht, ist dieser Extremehype um 3-D-Drucker. Warum? Es gibt so viele andere Computer-unterstützte Materialverabeitungsverfahren, die ein viel grösseres Spektrum an Materialien bearbeiten können als ein additives Auftragen, was 3-D letztendlich ist. Scheinbar können die Amis nur noch Drucker, weshalb sie diese so hypen. Fräsen, Drehen, Wasser- oder Laserschneiden, Auftragsschweissen, etc. werden nie besprochen, auch wenn sie sehr viel mehr können. Einzelteilfertigung ist mit Fräsen kein Problem. Ich amüsiere mich schon, wenn ich sehe, dass man ein Wanna-be Haus drucken kann und alle total fasziniert sind, aber die wenigsten wissen, wie heute der moderne Holzbau aussieht, der 100% computer geplant und teils von Roboter ausgeführt wird. Geht mal in eine moderne Schreinerei und dann werdet ihr sehen, was ich meine. Martin, vielleicht schreibt ihr mal über solche Technologien, die z.B. in der Schweiz weit verbreitet sind. Was noch fehlt ist die Vernetzung über Wertschöpfungstufen hinweg.

  • Torsten Williamson-Fuchs

    24.11.14 (14:33:46)

    Vielleicht hat Rifkin für die Null-Grenzenkosten-Gesellschaft auch die deutsche Tugend der Sparsamkeit - platt formuliert: die Geiz-ist-geil-Mentalität - im Hinterkopf gehabt. Ich weiß nicht, ob und wie oft er hier war. Aber wenn er in Frankfurt aus dem Flieger steigt und die Skyline sieht, dann hat er noch keinen Eindruck von (z. B.) der Realität verschiedener Schulbücher in den Bundesländern. Vielleicht will er auch nur Einladungen zu Vorträgen; nicht, dass ich ihm die missgönnen würde.

  • Ralf Wienken

    25.11.14 (09:55:33)

    Hallo Martin, der Mittelstand in Deutschland spielt eine bedeutende Rolle dabei, dass es uns im Moment wirtschaftlich gut geht. Es sind nicht nur zufällige Faktoren wie die Situation beim Euro, die wieder wegfallen, wenn die Situation sich ändert. Es sind wirklich die vielen mittelständischen Betriebe, die innovativ sind, gute Qualität liefern und flexibel reagieren, und die auf diese Weise der Motor des Wirtschaftswachstums auch in schwierigen Zeiten sind. Diese Stärken bleiben. Die Betriebe sind aber auch realistisch. Sie haben nicht die finanziellen Mittel von Großkonzernen, die schon längst auf den Zug der Digitalisierung der Produktion aufgesprungen sind. Und sie sehen auch, dass viele neue Dinge im Moment noch Marketingblasen sind. Daher die Tendenz zum Abwarten, die man ihnen wohl vorwerfen kann. Aber andererseits haben sie auf ihre realistische Weise ja auch ihren momentanen Erfolg erreicht. Ich bin ganz optimistisch. Sobald die mittelständischen Unternehmen sehen, dass sie einen echten und nachhaltigen Vorteil von der Einführung von Industrie 4.0 haben, werden sie das auch machen. Das Argument mit der Breitbandversorgung hat mich übrigens noch nie besorgt. Das gibt es doch schon seit langer Zeit, jedenfalls in den meisten Regionen. Es ist halt nur eine Frage des Preises. Sicherlich gibt es auf die Dauer ein Problem für die einzelnen Haushalte, aber wenn jemand die Produktion digital umstellen will, dürften die Kosten für eine eigene Standleitung doch wohl keine Rolle spielen. Und dass in hiesigen Netzkreisen Wutanfälle und Resignation auftreten, ist den Unternehmen herzlich egal. Gruß Ralf

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