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14.05.13

"Deutsches Google Voice": Regulatorischer "Eiertanz" und Kosten zwingen sipgate one in die Knie

Bei sipgate one konnten Nutzer kostenfrei eine deutsche Mobilfunknummer erhalten, diese auf bestehende Anschlüsse weiterleiten und sich Nachrichten automatisch transkribieren lassen. Doch das schwierige regulatorische Umfeld sowie hohe Kosten machen den Düsseldorfern einen Strich durch die Rechnung.

sipgate oneBevor Google mit selbstfahrenden Autos, Glass und Now die Fantasie von Technologiefreunden anregte, gehörte der webbasierte Telefonmanager Google Voice zu den innerhalb von Early-Adopter-Kreisen besonders hochgelobten Diensten des Internetunternehmens. Mit den neuen Schwerpunkten wurde es ruhiger um den bisher lediglich in den USA und Kanada verfügbaren Service, der angetreten war, um unter dem Motto "Eine Nummer für alle deine Telefone, für immer" die Telefonie zu revolutionieren. Nutzer von Google Voice erhalten eine einzige Telefonnummer, die sie mit Hilfe von Regeln je nach Anrufer an das private, dienstliche oder mobile Telefon weiterleiten und über eine Google Mail ähnliche Weboberfläche verwalten können.

Nach Deutschland gelangte Google Voice nie - abgesehen von einer in Gmail integrierten Telefonie-Funktion. Doch Anfang 2011 lancierte der 2004 gegründete Düsseldorfer VoIP-Dienstleister sipgate ein nicht unähnliches Angebot. Bei dem sipgate one genannten Dienst erhalten Anwender aus Deutschland eine 0157-Mobilfunknummer, welche auf eine beliebige Festnetz- und Handynummer sowie auf einen Skype-Benutzernamen weitergeleitet werden kann. Für die Verwaltung steht Usern eine Weboberfläche zur Verfügung, über die auch automatisch transkribierte Nachrichten vom Anrufbeantworter abgerufen werden können. Die Kernfunktionen von sipgate one sind kostenlos. Wer SMS versenden oder Anrufe in Fest- oder Handynetze initiieren möchte, zahlt dafür. Schwieriges Umfeld und große Abhängigkeiten

sipgate one wurde bisher als Beta-Produkt mit Einladungspflicht betrieben, unter anderem auch deshalb, weil der Dienst stark von externen Faktoren und regulatorischen Gegebenheiten abhängig ist. Und diese sind in Deutschland für einen virtuellen Mobilfunkdienst nicht ideal: Im vergangenen Jahr führte die Insolvenz des einzigen in Deutschland aktiven Zulieferers von Mobilfunknummern zu einem Ausfall aller sipgate one-Nummern. Die Düsseldorfer kritisierten damals die Blockadehaltung der Bundesnetzagentur bei der Zuteilung von Handynummern: “Die Bundesnetzagentur hatte gezielt die Entstehung eines Marktes für Handynummern, wie er für Festnetzrufnummern seit langer Zeit existiert, verhindert". Nur über die Firma Telogic waren Nummern erhältlich. Als diese in die Pleite schlitterte, stellte die Deutsche Telekom zeitweise die Weiterleitung der Anrufe ein. sipgate one-Kunden schauten in die Röhre.

Am 31. Juli stellt sipgate one den Betrieb ein

Schon in der damaligen Erklärung des Unternehmens, die auf erste Gespräche mit der Bundesnetzagentur im Jahr 2005 zu Modalitäten für die Zuteilung von Handynummern verweist, wurde deutlich, wie anstrengend der hiesige Telekommunikationsmarkt für junge, aufstrebende Firmen ohne die wirtschaftliche und politische Macht der großen Netzbetreiber ist. Nachdem sipgate fast anderthalb Jahre darum gekämpft hat, ein Produkt wie sipgate one wirtschaftlich nachhaltig anbieten zu können, ziehen die Rheinländer jetzt die Reißleine: In einer Mail wurden die Nutzer von sipgate one gestern darüber informiert, dass der Service zum 31. Juli eingestellt wird.

Mobilfunkanbieter und Bundesnetzagentur als Verantwortliche

Für diesen unfreiwilligen Schritt verantwortlich macht sipgate sowohl Mobilfunkanbieter als auch die Bundesnetzagentur. Das Unternehmen beschreibt, wie Anrufe und SMS an die von der mittlerweile insolventen Telogic bezogenen 01570-Rufnummern nur unzuverlässig zugestellt worden seien. Auch hätten Marktteilnehmer andere sipgate-Produkte aufgrund des "vermeintlich bösartigen sipgate one" behindert. Die Bundesnetzagentur, die als oberste Regulierungsbehörde die Aufrechterhaltung und Förderung des Wettbewerbs in Netzmärkten sicherstellen soll, wiederum habe sich große Mühe gegeben, ein Angebot wie sipgate one zu verhindern, indem sie dem direkten Bezug von Mobilfunknummern ohne den Umweg über Dritte zahlreiche Hürden in den Weg stellte. sipgate sieht den "jahrelangen Eiertanz" auch als Grund dafür, warum Google von der ursprünglich geplanten Einführung seines Voice-Angebots in Deutschland Abstand genommen habe.

Hohe Weiterleitungskosten

Ein anderer Grund dafür dürfte allerdings auch die von den USA abweichende Gebührenstruktur sein, welche hierzulande bei Weiterleitungen von Anrufen zu den Geräten der Nutzer deutlich höhere Kosten verursacht. Auch diesen Punkt greift sipgate in seiner Mail an die Kunden auf und konstatiert nüchtern, dass es deshalb in Deutschland faktisch nicht möglich sei, ein Produkt wie sipgate one kostenfrei anzubieten.

Selbstverständlich muss man die Anschuldigungen von sipgate one mit einer gewissen Vorsicht genießen, immerhin fehlen Einblicke in die Geschehnissen hinter den Kulissen. Dass sich die Düsseldorfer mit ihrem virtuellen Mobilfunkprodukt jedoch in einem juristischen und bürokratischen Minenfeld bewegen, dessen unbeschadetes Manövrieren erhebliche Ressourcen erfordert, daran gibt es keinen Zweifel. Es ist nachvollziehbar, dass ein mittelständisches Unternehmen mit 100 Mitarbeitern und diversen umsatzstarken Produkten nicht zu lange in einen Verlustbringer investieren kann, wenn dessen Zukunftsaussichten derartig stark von äußeren Ereignissen und dem Wohlwollen von Behörden und mächtigen Wettbewerbern abhängig sind. /mw

Hier ist die Mail von sipgate one in voller Länge:

Lieber sipgate one Kunde,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir das Produkt "sipgate one" aufgrund von externen Einflüssen nicht länger anbieten können. Wir werden daher "sipgate one" zum 31. Juli 2013 einstellen.

Was bedeutet das für Sie?

Wenn Sie kein Guthaben bei "sipgate one" haben, werden wir Ihren Account zum 31. Juli 2013 automatisch und vollständig löschen. Bitte sichern Sie bis zu diesem Tag alle Daten, die Sie noch benötigen - beispielsweise Rufnummern aus Ihrem Telefonbuch. Für die Rückerstattung von vorhandenem Guthaben (Testguthaben wird nicht erstattet) oder bei anderen Anliegen wenden Sie sich bitte an unsere Kundenbetreuung unter one@support.sipgate.de.

Zum Hintergrund:

Einerseits wurde das Produkt vom Wettbewerb schlicht boykottiert. Regelmäßig wurden von Mobilfunkanbietern Anrufe und SMS an 01570-Rufnummern, die wir von der mittlerweile insolventen Telogic bezogen haben, nur unzuverlässig zugestellt. Beim Aufbau eines virtuellen Mobilfunknetzes, mit dem wir SIM-Karten für Produkte wie "simquadrat" und "sipgate team" bereitstellen, wurden wir von mehreren Marktteilnehmern aufgrund dieses vermeintlich bösartigen "sipgate one "Produkts massiv behindert. So war sich beispielsweise die Telekom Deutschland nicht zu schade, die Zusammenschaltung und Freischaltung unserer Dienste derartig zu verschleppen, dass letztlich 27 Monate ins Land gingen, bis die Mobilfunknummern unseres virtuellen Mobilfunknetzes aus dem T-Mobile-Netz erreichbar waren.

Andererseits hat sich auch die Bundesnetzagentur große Mühe gegeben, ein solches Produkt zu verhindern. Wir diskutieren seit vielen Jahren mit der Bundesnetzagentur über die direkte Zuteilung von Mobilfunknummern an sipgate, um eben nicht auf Dritte im Markt angewiesen zu sein. Zwar wird sipgate möglicherweise, unabhängig von SIM-Karten, Mobilfunknummern erhalten können. Eine jahrelange Verzögerung und eine Aussicht auf eine Rufnummernzuteilung, die erst nach einer von uns gegen die Bundesnetzagentur angestrengten Klage möglich schien, ist jedoch nicht die Unterstützung, die wir uns von einer Wettbewerbsbehörde erhofft haben. Als Folge des jahrelangen Eiertanzes scheint mittlerweile sogar Google von der Einführung des Produktes "Google Voice" in Deutschland Abstand genommen zu haben. Zudem hat die Bundesnetzagentur mittlerweile die Position bezogen, dass ein Anbieter eines Produktes im Stile von "sipgate one" keinen Anspruch auf die Zahlung von Mobilfunkentgelten haben soll. Diese Entgelte zahlen sich Telefonanbieter untereinander für die Weiterleitung von Gesprächen zu bestimmten Rufnummern. Dadurch ergibt sich für Produkte wie "sipgate one" die Situation, dass für eingehende Gespräche keine Mobilfunkentgelte eingenommen werden, aber bei der Weiterleitung zu einem anderen Anbieter bezahlt werden müssen. Da das Entgeltniveau in Deutschland auch noch erheblich über dem in anderen westeuropäischen

Ländern liegt, ist es faktisch leider nicht möglich, ein Produkt wie "sipgate one" kostenfrei anzubieten.

Wir glauben weiterhin daran, dass ein virtuelles Mobilfunkprodukt im Stile von "sipgate one" nützlich sein kann. Dies hat unserer Meinung nach das große Interesse an diesem Produkt gezeigt. Schade, dass es unter den gegebenen Umständen keine Chance hat.

Wir möchten uns für Ihr Interesse bedanken und hoffen auf bessere Zeiten für den Wettbewerb.

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