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06.09.13

Messejournalismus: Deutsche Techblogger sind besser als ihr Ruf

Deutsche Techblogger verstehen ihr Handwerk, das immer professionellere Strukturen annimmt. Schade nur, dass sie sich gegenseitig unter Druck setzen und sich von Herstellern vereinnahmen lassen.

Techblogger auf einer Konferenz (Beispielbild!) Techblogger auf einer Konferenz (Beispielbild!)

Ich dieser Woche besuchte ich verschiedene Pressekonferenzen auf der IFA, von der mir eine ganz besonders in Erinnerung blieb. Es ertönte laute Musik, ein Moderator stieg auf die Bühne und bat um Applaus, ein Produkt- oder Marketingchef trat auf und winkte in die Menge. So weit, so gängig. Doch dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Der Hersteller hatte nichts dabei, was eine Meldung gerechtfertigt hätte. Es gab den Nachfolger eines schon bekannten Technikprodukts zu sehen. Diesmal dünner, der Prozessor noch leistungsfähiger, die Kamera mit mehr Megapixeln, das Display mit höherer Auflösung. Alles wurde etwas besser, aber was, bitte, auch sonst? Der Produktchef lächelte gekünstelt, es fielen mehrfach die Worte "revolutionär" und "einzigartig".

Zwischendrin sah man emsig Menschen im Publikum mit der Kamera hochschnellen, Fotos machen, die gegebenen Informationen direkt eintippen, twittern, live bloggen oder Informationshappen für spätere Texte vorbereiten. Selbst der Marketingchef, der eine Weile unbeteiligt auf der Bühne saß, schaffte es nicht, seine Langeweile zu verbergen. Die Menschen im Publikum kümmerte das nicht. Die dort anwesenden Journalisten und Blogger arbeiteten den Termin emsig ab. Einige davon in der ersten Reihe kannte ich von verschiedenen Treffen: deutsche Techblogger an vorderster Front. Geht es nach Geschwindigkeit, Ausrüstung, Genauigkeit und Detailtreue, stehen deutsche Blogger denen ihrer US-amerikanischen Kollegen - obwohl meist schlechter finanziert - in kaum etwas nach.

 

Erstes Hands-on noch vor Ende der Konferenz

Dies hier ist keine Kritik an deutschen Bloggern. Denn noch etwas anderes fiel mir an diesem Nachmittag auf: Die Veranstaltung mochte es zwar eigentlich nicht wert sein, dass man über sie berichtet, vom Handwerklichen her war den anwesenden Bloggern hier wie auf anderen Veranstaltungen allerdings nichts vorzuwerfen. Das gängige Spiel geht inzwischen so: Noch während einer Konferenz posten Techblogger aus Deutschland die ersten Informationen eines Live-Events. Teams teilen sich auf, wenn mehrere Präsentationen zeitgleich stattfinden. Manche halten Kontakte zu Pressestellen oder Offiziellen eines Herstellers, um sich mit Vorabinformationen versorgen zu lassen. Nur Minuten nach einer Konferenz findet man die ersten Eindrücke (Hands-ons) eines Geräts online, in guter Bild- und Tonqualität.

So auch am Rande der oben genannten Vorstellung. Ich verlasse sie mangels Interesses noch vor dem offiziellen Ende und sehe auf dem Weg nach draußen einen Techblogger, der entdeckt hat, dass der Hersteller die gerade vorgestellten Geräte bereits ausstellt. Noch bevor die Menge mit ihrer Fragen-und-Antwort-Runde überhaupt durch ist, hat er bereits sein erstes Hands-on-Video gedreht und veröffentlicht. Er spricht deutsch, das höre ich im Vorbeigehen. Sein Video dürfte nur wenige Minuten später als erstes online gewesen sein.

Man mag und man muss über den Sinn dieses Wettlaufs streiten. Ich selbst tat das an dieser Stelle im Frühjahr und stehe nach wie vor dazu: Dass Blogger und Journalisten zu einem und demselben Thema nahezu zeitgleich dutzende Beiträge veröffentlichen, ist der Medienvielfalt nicht dienlich und sie überfordert Leser. Dass über jedes einzelne Produkt einer Pressekonferenz einzeln berichtet wird, verschlimmert die Informationsflut. Relativieren muss ich meine Kritik allerdings in einem Punkt. Auch wenn sie nicht genutzt werden: die Möglichkeiten sind da. Die meisten mir bekannten deutschen Techblogger können das, was sie da tun, sehr gut. Sie sind schnell, präzise, verfügen über ein enormes Fachwissen und sie leisten die zusätzliche Arbeit, englischsprachige Details erst zu übersetzen meist ohne nennenswerten Zeitverlust gegenüber ihren US-Kollegen.

Blogger machen Fehler, obwohl sie es besser wissen müssten

Dazu ist eine Fachkompetenz von Nöten, die viele andere und besser bezahlte Jobs in den Schatten stellt. Ich erinnere mich da noch mit Unglauben an eine Live-Präsentation des Weltkonzerns BMW vor einigen Wochen, auf der die Manager auf der Bühne in schlechtem Englisch mit stärkstmöglichem deutschen Akzent eine neue Ära des Automobilzeitalters ausriefen. Ich kenne aus gemeinsamen Gesprächen mit englischsprachigen Pressevertretern und mir bekannten deutschen Bloggern niemanden, der so schlecht Englisch spricht. Blogger benötigen ein gutes Verständnis für die Sprache, sie müssen ansprechend formulieren können, sie dürfen trotz ihres Status' als Blogger nicht mit unvorsichtigen Formulierungen gegen das Presserecht verstoßen und sie müssen ihre Texte (ob unbewusst oder wissentlich) wie journalistische Darstellungsformen aufbauen, damit sie gelesen werden, was jahrelange Übung erfordert. Selbst wenn es Massenware ist, was sie produzieren: das kann längst nicht jeder. Deutsche Techblogger sind besser als ihr Ruf.

Leider gibt es nach wie vor vieles, was an ihnen kritikwürdig ist:

  • Deutsche Blogger veröffentlichen nahezu alles. Sogar bis zu 20 Beiträge an einem Tag sind für einige deutsche Techblogs keine Seltenheit. Es wird alles rausgehauen, was irgendwie interessant erscheinen könnte, und wenn es nur die neue Farbe eines Tablet-Gehäuses ist. Zu den Aufgaben eines Journalisten und eigentlich auch denen eines Bloggers gehört aber auch das Gewichten und Aussortieren. Hier würde ich mir oft wünschen, dass Blogs zur Devise "Weniger ist mehr" umkehren.
  • Sie fühlen sich verpflichtet, den guten Kontakt, den sie zu Pressestellen und Unternehmen haben, mit Beiträgen zurückzuzahlen. Hier würde man sich wünschen, dass sie einfach mal nein sagen, wenn sie eine Meldung nicht interessiert.
  • Sie lassen sich vereinnahmen. Bei einer gesponserten Abendveranstaltung auf der diesjährigen IFA ging das Presseteam des Veranstalters mit einer Videokamera herum und bat die anwesenden Blogger um Stellungnahmen zu einem neu vorgestellten Produkt. Die Fragestellung war, was ihnen an dem neuen Gerät besonders gut gefiele. Einige Blogger kamen dem bereitwillig nach und lobten selbst kleinste Details des eigentlich nicht sonderlich spektakulären Produkts. Hier hätte ich mir ebenfalls gewünscht, dass die interviewten Blogger einfach einmal nein sagen oder zumindest eine weniger euphorische Antwort geben. Sonst machen sie sich zu Handlangern der Konzerne. Und das untergräbt schlicht die eigene Glaubwürdigkeit.
  • Sie bringen wenig Anderes als bloße Nachrichten. Ein Techblog-Artikel enthält fast immer auch eine Einschätzung, was ihn von der bloßen Meldung eigentlich abhebt. In der Fülle der Nachrichten kommen aber selbst Blogger kaum noch dazu, einmal einen Kommentar, einen Erlebnisbericht oder einen Hintergrundbeitrag zu verfassen. Hier würde ich mir von allen weniger News und mehr Originelles wünschen.
  • Sie machen unbewusst Werbung. Es ist eine Sache, wenn auf einem vietnamesischen Blog unscharfe Fotos von etwas auftauchen, was das Gehäuse des neuen Nexus-Tablets zeigen könnte, und ein Blog hierzulande das weiter verbreitet. Eine andere Sache ist, wenn Blogger gedankenlos dem mehr oder weniger offensichtlichen Marketing-Zeitplan eines Herstellers folgen. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa Android 4.4. Google kündigte Anfang der Woche eigentlich nichts anderes an als den neuen Namen der neuen Android-Version. Es gab weder Details, was es mit Android 4.4 Neues geben würde, noch wann die Version erscheinen solle. Die Meldung war ziemlich offensichtlich gesteuert, um etwas Aufmerksamkeit von Apple und Microsoft abzuziehen, die am gleichen Tag zur Präsentation des neuen iPhones eingeladen, beziehungsweise Nokia gekauft hatten. Googles Nachricht: eine glatte Nullmeldung. Allenfalls die kritikwürdige Benennung der Betriebssystem-Version mit einem Markennamen des Lebensmittelkonzerns Nestlé und die zeitgleich veröffentlichte Zahl von 1 Milliarde aktivierter Android-Geräte rechtfertigten in journalistischen Sinne eine Meldung.

Dies ist keine Kritik an einzelnen Bloggern oder an Bloggern generell. Viele Online-Medien, die sich nicht "Blog" nennen, machen die gleichen Fehler. Ich selbst nehme mich bei dieser Kritik übrigens nicht aus, und nicht zuletzt ist die Frage, ob hier nicht eher das Spiel als der Spieler zu kritisieren wäre. Dies hier ist nur ein freundlich gemeinter Hinweis: Es ginge besser. Die Protagonisten haben das Werkzeug und die Fähigkeiten dazu, um mehr aus ihren Mitteln zu machen. Allein das bloße Rennen nach Neuigkeiten und die Zeit, die dies kostet, erlaubt es ihnen kaum, einen Schritt weiter zu denken. Weiter, das würde bedeuten, an die Leser zu denken, sie vor der Informationsflut zu bewahren und sie mit Unterhaltendem, Kritischem, Hintergründigem, mit Einordnungen oder Kommentaren gezielter zu informieren.

Die deutsche Techbloglandschaft ist zu zerstritten, um mit einer Stimme zu sprechen. Sie könnte sich aber stillschweigend darauf einigen, ihre Rolle als bloßer Nachrichtenlieferant langsam abzulegen. Das Zeug dazu hat sie längst.

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