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11.12.13

Deutsche Startups auf USA-Kurs: "Vergesst, was euch in der Heimat erfolgreich gemacht hat"

Der Großraum San Francisco, samt Silicon Valley, ist das internationale Sprungbrett für Startups aus dem Web- und Technologiebereich. Oliver Hanisch vom German Silicon Valley Accelerator berichtet, wie seine Organisation deutschen Jungfirmen beim US-Markteinstieg hilft. Und woran sie denken sollten.

Die Gründer eines jeden deutschen Startups profitieren davon, einige Zeit in der Gegend rund um das Silicon Valley und die benachbarte Metropole San Francisco zu verbringen. Davon ist Oliver Hanisch, einer der drei Initiatoren des German Silicon Valley Accelerator (GSVA), überzeugt. Seit Anfang 2012 hilft die Organisation aufstrebenden Web- und Technologiefirmen aus Deutschland, im amerikanischen Markt Fuß zu fassen, dortige Koopertionspartner zu finden und die Kultur zu verinnerlichen, die seit dem Aufkommen der Informationstechnologie regelmäßig Giganten mit weltweiter Bedeutung hervorbringt. Sprungbrett in die Welt

Dass Hanisch Entrepreneuren empfiehlt, ungeachtet der eigenen Zielmärkte und Expansionspläne kalifornische Luft zu schnuppern, ist natürlich ein stückweit Werbung in eigener Sache. Andererseits macht er deutlich, dass die Lust auf einen Ausflug ins Valley allein nicht genügt, um in das von ihm und seinen Mitstreitern Prof. Dietmar Harhoff und Dirk Kanngiesser betriebene, drei- bis maximal sechsmonatige Accelerator-Programm aufgenommen zu werden. Dazu sind schon konkrete Ziele von Nöten, die sich durch die Präsenz an der US-Westküste eher verwirklichen lassen. Die "Bay Area", wie die Gegend auch genannt wird, sei aber nach wie vor das Sprungbrett in den internationalen Markt. Insofern dürften die meisten Startups mit großen Zielen einen guten Grund haben, die Region ins Visier zu nehmen. Hierfür bietet die mit Büros in Palo Alto und in der Innenstadt von San Francisco vertretene Institution ein den Einstieg erleichterendes Netzwerk, Mentoring, Workshops sowie eine Arbeitsumgebung mit allem, was fleißige Gründer benötigen.

Um auch die in der Region komplizierte Unterkunftsfrage zu lösen, hat Hanisch in Eigenregie eine "Startup-WG" ins Leben gerufen. Neun Schlafzimmer stehen in dieser im zentralen San Franciscoer Stadteil Nopa gelegenen Wohnung für Übergangs-Expats aus dem Technologie-Sektor zu guten Konditionen bereit - für die, die möchten, betont Hanisch. Ziel des GSVA sei es neben der Vermittlung von Know-how und Kontakten, Startup-Machern aus Deutschland sämtliche organisatorischen Aspekte abzunehmen, die mit einer temporären Dependance in den USA verbunden sind. Gründer sollen sich so vollständig auf die Weiterentwicklung ihres Produkts und ihre US-Mission konzentrieren können.

Investments nicht mehr ausgeschlossen

Rund 30 Jungfirmen wurden bislang von Hanisch und seinem Team unterstützt. Mittlerweile werden zweimal jährlich zwölf in mehreren Auswahlrunden selektierte Startups aufgenommen. Die Teilnahme kostet nichts, gleichzeitig ist mit ihr aber auch kein finanzielles Engagement seitens des GSVA verbunden. Noch nicht zumindest. Hanisch deutet an, dass eine Ergänzung der Initiative um ein Investmentvehikel geplant sei. Dazu würden die "Startup-Beschleuniger" Finanzmittel aus der Privatwirtschaft anwerben. Denn der GSVA als zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie finanziertes Förderprogramm beschränkt sich auf die nicht-monetäre Unterstützung.

Oliver Hanisch

Auf die Idee zum GSVA kam Oliver Hanisch, der 2005 nach diversen eigenen unternehmerischen Projekten nach Kalifornien zog, als er immer von Freunden und Bekannten aus Deutschland um das Herstellen von Kontakten gebeten wurde. Erst wollte er das Vorhaben alleine stemmen. Doch die Finanzkrise und ein wegen ihr in letzter Sekunde abgesprungener Investor machten ihm vorläufig einen Strich durch die Rechnung. Dann aber lernte er seine heutigen Kompagnons Prof. Dietmar Harhoff und Dirk Kanngiesser kennen. Das Trio nutzte Harhoffs gute Kontakte in die Politik, um der Bundesregierung das Konzept des GSVA smackhaft zu machen. Diese willigte ein und stellt seitdem jährlich rund eine Million Euro bereit. Bis Ende nächsten Jahres ist die Finanzierung gesichert. Sobald die neue Regierung offiziell ihre Arbeit aufgenommen hat, wollen Hanisch und seine Kollegen den Fortbestand des GSVA bis mindestens 2017 in trockene Tücher bringen.

Finanziert von der Bundesregierung

Da der GSVA nicht gewinnorientiert arbeitet und sich nicht wie Inkubatoren und VCs an "Exits" der partizipierenden Firmen messen lassen muss, ist der Erfolgsmaßstab eher variabel und abhängig von der jeweiligen Situation des Startups. "Wir sind erfolgreich, wenn unsere Firmen ihre der Teilnahme zugrunde liegenden Ziele erfüllen können", beschreibt Hanisch seine Perspektive. Stolz ist er natürlich, wenn sich ein Teilnehmer eine Kapitalspritze von namhaften Valley-VCs sichert - wie etwa im Falle des Big-Data-Dienstes ParStream geschehen - oder wenn ein Startup sich einen Platz im renommierten Inkubatorenprogramm von Y Combinator erkämpft, was jüngst den Entwicklern des smarten Laserentfernungsmessers Senic gelang.

Gründer müssen ihre Vorstellungen über Bord werfen

Um sich in dem schnelleren, informelleren und aggressiveren Klima der amerikanischen Webwirtschaft zu behaupten, müssen junge Entrepreneure aus Europa einige Herausforderungen meistern. Nach Hanischs Erfahrung gilt dabei besonders für solche Firmen, die sich in der deutschsprachigen Region schon etablieren und Meilensteine erreichen konnten, eine klare Regel: "Um hier in den USA zu bestehen, müssen Gründer aus Deutschland vergessen, was sie in ihrem Heimatmarkt erfolgreich gemacht hat". Der GSVA sieht es als eine seiner Aufgaben an, frisch angekommenen Startup-Leuten diese und andere Philosophien zu vermitteln. Ob man für das Programm zugelassen wird, hängt deshalb auch davon ab, inwieweit man bereit ist, die eigenen Vorstellungen über Herangehensweisen zu überdenken und zu modifizieren, erläutert Hanisch. Wer diese Bereitschaft zeigt, hat gute Voraussetzungen, findet der Deutsche. "Der GSVA ist für deutsche Startups der beste Weg für einen Einstieg in den US-Markt", gibt sich Hanisch selbstbewusst.  /mw

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