<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

29.08.11

Deutsche Social Networks: Das vergebliche Hoffen auf Datenschutz als Rettung

Die VZ-Netzwerke, lokalisten und wer-kennt-wen.de loben sich für ihren gemeinsamen Verhaltenskodex rund um Daten-, Jugend- und Verbraucherschutz. Nutzern ist's egal.

 

Foto: stock.xchngVerfolgt man die ermüdende deutsche Diskussion rund um Datenschutz im digitalen Zeitalter, erhält man leicht den Eindruck, es gäbe auch für Konsumenten nichts Wichtigeres. Immerhin kämpfen ja Politiker und Datenschützer im Sinne und Auftrag des Verbrauchers, möchte man meinen.

Doch wäre der krampfhafte Schutz der eigenen Daten um jeden Preis tatsächlich etwas, das Deutsche abseits von Populismus und Panikmache rund um Street View und Gesichtserkennung für erstrebenswert halten, stellt sich die Frage, was von einer aktuellen Meldung zum gemeinsamen Verhaltenskodex der drei deutschen Social Networks VZ-Netzwerke, lokalisten und wer-kennt-wen.de zu halten ist:

Die drei Betreiber von sozialen Netzwerken haben im Jahr 2009 unter dem Dach der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)  besagten Kodex unterzeichnet , in dessen Rahmen sie sich zu Maßnahmen zum Jugendschutz, Datenschutz und Verbraucherschutz verpflichteten.

Heute verkündeten die VZ-Netzwerke, dass eine Evaluation des Kodex durch die Professur der Medienpädagogik und Weiterbildung der Universität Leipzig den drei Anbietern ein sehr hohes Schutzniveau und effektive Nutzeraufklärung attestiert.

In der Mitteilung klopfen sich die drei Unternehmen mit Zitaten auf die Schulter und weisen auf die mannigfaltigen Ansätze hin, mit denen bei den VZ-Diensten, bei lokalisten und wer-kennt-wen.de der Jugend-, Verbraucher- und Datenschutz gestärkt wird.

Das Problem: Allen drei Social Networks laufen die Nutzer davon (siehe hier, hier und hier). Wie ein Magnet zieht US-Konkurrent Facebook diese an - ein Dienst, der vergleichsweise wenig Energie in die vom "Verhaltenskodex der FSM für Social Communities" berücksichtigten Themenfelder investiert.

Für deutsche Netzwerke geht es bergab

Für Beobachter des digitalen Wandels ergibt sich ein äußerst widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite dominiert in der öffentlichen Debatte die Empörung über die Vernachlässigung von Daten- und Verbraucherschutz bei den führenden US-Internetfirmen, auf der anderen Seite aber geht es genau für die deutschen Social Networks bergab, die sich in den kritischen Punkten seit langem als "die Guten" positionieren zu versuchen.

Der Großteil der Internetnutzer scheint sich trotz anderslautender Aussagen nicht wirklich daran zu stören, dass die US-Services es mit dem Datenschutz weniger genau nehmen als ihre einheimischen Wettbewerber. Oder zumindest ist die Bereitschaft hoch, Abstriche zu machen, wenn im Gegenzug zeitgemäße Werkzeuge für die Kommunikation und Interaktion mit anderen bereitgestellt werden.

Einen gemeinsamen Verhaltenskodex wie eine Trophäe hochzuhalten (wieso dauerte die Evaluation eigentlich länger als zwei Jahre?), während dieser Nutzern augenscheinlich ziemlich egal ist, verstärkt das Bild der verzweifelten Facebook-Konkurrenz, die kein Mittel gegen den Abwärtstrend findet.

Auch wenn "Privacy made in Germany" immer mal wieder als neues Alleinstellungsmerkmal propagiert wird - für stark von Netzwerkeffekten abhängige Dienste mit Schwerpunkt auf der Abbildung sozialer Beziehungen ist hoher Datenschutz (allein) kein funktionierendes Verkaufsargument. Dazu sind Facebook, Twitter und Google+ ganz einfach spannender - gerade weil sie mehr Einblicke in das Leben anderer gewähren und das Auffinden dieser Menschen erleichtern.

(Foto: stock.xchng)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer