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21.07.14Leser-Kommentar

Der Unterschied zwischen dem Silicon Valley und der Welt: "Alle raten einem immer, eine Firma zu gründen"

Viele Regionen und Technologie-Cluster versuchen, dem Silicon Valley nachzueifern. Doch solange nicht Unternehmertum als ultimative Lösung in allen Lebenslagen gesehen wird, kann daraus nichts werden.

ValleySeit mindestens einem Jahrzehnt debattieren Protagonisten der deutschen Internetwirtschaft über die Frage, wie man hierzulande die Dynamik und Erfolge des Silicon Valley nachahmen kann. Mit dem, was dazu gesagt und geschrieben wurde, lassen sich dicke Bücher füllen. An etablierten oder angestrebten Gründer-Hotspots in anderen Ländern beschäftigt man sich mit der gleichen Frage.

Gründe, warum das Silicon Valley zusammen mit der angrenzenden Metropole San Francisco so einmalig und in dieser Form nicht kopierbar ist, gibt es freilich viele. Doch anstatt dazu Aufsätze zu schreiben, reicht es im Prinzip, auf diesen am Wochenende erschienenen TechCrunch-Artikel zu verweisen. Es geht um ein Phänomen, welches für Europäper so fremd und unvorstellbar ist wie der Gedanke, das ganze Jahr in kurzer Hose und Flipflops durch die Gegend zu laufen: Wer im Valley in eine Lebenskrise rutscht, ein Beziehungsende miterlebt, gelangweilt ist oder gerade einen Job verloren hat, hört stets die Empfehlung, ein Unternehmen zu gründen. Richtig gelesen: Der Artikel beschreibt - oder besser gesagt beklagt sich darüber -, was als "Silicon Valley's populärster Ratschlag" bezeichnet wird: eine Firma zu gründen. Der Autor stört sich aus verschiedenen Gründen an dieser Universalempfehlung. Unter anderem weil sie oft von Menschen kommt, die sich selbst noch nie als Entrepreneure betätigt haben.

Diese Kritik mag berechtigt sein. Für hiesige Branchenakteure aber klingt diese Haltung nach dem luxuriösesten aller Luxusprobleme. Denn in Deutschland und vielen Nachbarländern herrscht genau die gegenteilige Situation: Es wird zu wenig gegründet, zu wenig auf eigene Faust vorangetrieben. Leute, die sich an entscheidenden Momenten ihrer Karriere befinden, erhalten nie oder zu selten den Ratschlag, unter die Gründer zu gehen. Wer trotzdem den Pfad der Entrepreneurship einschlägt, tut dies in der Regel ohne externe Ermunterung; im schlimmsten Fall sogar unter missbilligenden Blicken von Familie, Lebenspartnern und Freunden. Diese hätte einen doch bevorzugt in einer "vernünftigen Anstellung" gesehen.

Im Silicon Valley echauffiert man sich über die plattitüdenartige Empfehlung, zu gründen. Bei uns würden sich Vertreter und Unterstützer der Technologie- und Startup-Wirtschaft nichts lieber wünschen als einen solchen "Traumzustand".

DAS macht den großen Unterschied zwischen dem Silicon Valley beziehungsweise der San Francisco Bay Area und allen anderen Tech-Clustern aus.

Ich befinde mich selbst seit einiger Zeit im Großraum San Francisco. Die positive Grundhaltung gegenüber Unternehmertum ist oft zu spüren, selbst in alltäglichen Gesprächen mit "Branchenfremden". /mw

Foto: Strong Businessman, Shutterstock

Kommentare

  • Robert Frunzke

    24.07.14 (01:28:04)

    Tja, wirklich seltsam, nicht wahr? Die angebliche deutsche Risikoscheu will ich als Argument garnicht gelten lassen, denn ich glaube, dass diese nur eine Folgeerscheinung ist. Eine Mini-Anekdote dazu: Jemand arbeitete für ein recht erfolgreiches Unternehmen, und merkte, dass seine Arbeit dort in kurzer Zeit auch recht hohe Umsätze und Gewinne produzierte, und da die Unternehmensführung zu keiner Änderung der Vereinbarungen bereit war, entschloss sich "Jemand", sein eigenes Unternehmen zu gründen. Die Details dazu sind ziemlich egal, aber sowohl bei der Umorientierung als auch einige Jahre später (wenn Unternehmen und "Jemand" sich wirtschaftlich annähern) ist Eines ganz entscheidend: man gibt sich blasiert und redet schlicht überhaupt nicht miteinander. Deutsche Unternehmensführer sind extrem blasiert, überheblich, arrogant, wieauchimmer man das bezeichnen möchte. Allein schon, wenn der Umsatz sich um auch nur eine einzige Zehnerpotenz voneinander unterscheidet, dann redet man nicht mehr miteinander. Weil die eigenen Pfründe in Gefahr sein könnten. Die libertäre Wirtschaftsstruktur der US-Amerikaner hat dazu eine (eben) sehr viel "libertärere" Einstellung dazu. Erfolg wird geschätzt, sowohl Eigener als auch Erfolg Anderer. Aber das will ja hierzulande erst Recht niemand hören. Also bitte, liebe Leute, beschwert Euch doch weiter über all die staatlichen Regularien, während Ihr gleichzeitig darunter leidet, und jede libertäre Entwicklung am Liebsten noch ganz persönlich im kleinsten Keim erstickt.

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