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23.12.08

Der StudiVZ-Effekt, Teil 2: Plattform- statt Portaldenken

In Teil 1 haben wir über den negativen Effekt gesprochen, den studiVZ auf die deutsche Webgründerszene hatte. Heute werfen wir einen Blick auf die Möglichkeiten, die studiVZ offen standen, aber nie genutzt wurden und, voraussichtlich, auch künftig nicht genutzt werden.

Wie hätte also ein positiver studiVZ-Effekt aussehen können?

Zunächst die Hausaufgaben

Nachdem studiVZ die offensichtlichen Dinge, wie das Ändern des Namens um sich so allen Bevölkerungsgruppen auch vom Namen her zu öffnen (statt dafür ein weiteres Netzwerk aufzumachen), und die Entwicklung und Umsetzung einer eigenständigen Oberfläche vollzogen hätte, wäre Folgendes die erfolgversprechendste Strategie gewesen:

 

Ans Eingemachte

StudiVZ hätte, um seine Position gegenüber Facebook und allen anderen ausländischen möglichen Angreifern endgültig abzusichern, ein Bollwerk in Form einer Plattform erschaffen können. Die API hätte

  • von studiVZ entwickelt und damit proprietär und nicht kompatibel mit anderen APIs sein müssen

  • dabei allerdings robust und technisch ausgereift sein müssen

  • allen am deutschen Markt interessierten Entwicklern einen freien Zugang ohne tiefgreifende Zugangskontrolle seitens studiVZ zu den Millionen studiVZ-Nutzern bieten müssen

Damit hätte sozusagen auf einer technischen Ebene im Netz eine Wiedergeburt der Deutschland-AG stattgefunden (diesmal allerdings länderübergreifend im gesamten deutschsprachigen Raum). Und damit meine ich eine Abschottung gegenüber dem Ausland das jedem Beteiligten auf Anbieterseite, also StudiVZ und den Applikationenanbietern, zugute gekommen wäre. StudiVZ hätte sich damit als führende Netzwerk-Plattform im deutschsprachigen Raum zementieren können.

Ein Beispiel: Man denke etwa an Bookya , an dem Holtzbrinck beteiligt ist. Eine Bücherbörse, die über eine studiVZ-Applikation jedem geholfen hätte: eine nützliche Zusatzfunktion für die studiVZ-Nutzer, eine schnell erreichte breite Nutzerbasis für Bookya, die der Nützlichkeit massiv geholfen hätte, und eine weitere nützliche Funktion für den Infrastrukturanbieter studiVZ, das der Attraktivität des Gesamtangebots weiter geholfen hätte.

Stattdessen? Bookya hatte durch das Akquiriertwerden von Holtzbrinck die Möglichkeit, prominent auf studiVZ zu werben. Interessierte studiVZ-Nutzer konnten jetzt auf die Website durchklicken und sich (erneut) anmelden. Smells like 1.0.

Kurzfristig hätten alle gewonnen, denn das deutschsprachige Web hätte einen Durchlauferhitzer für Innovationen und Neuentwicklungen (und Vampirbisse) bekommen. Neue Applikationen hätten sofort auf die Freundesdaten (aka Social Graph) zugreifen können und so schnell eine große Benutzerbasis aufbauen können. Die einzigen Verlierer wären wahrscheinlich mittelfristig die Nutzer gewesen, weil sie sich so einem Monopolisten ausgeliefert hätten. Langfristig hätten aus diesem Grund auch die Applikationenanbieter gelitten.

Auf voller Linie gewonnen hätte studiVZ. StudiVZ hätte dieser Ermüdung auf seiten der Nutzer und App-Anbieter aber durch eine schrittweise Öffnung der API und der eigenen Social-Graph-Daten entgegenwirken können (genau das, was Facebook, MySpace und Google zur Zeit vorantreiben).

Die Verbindung einer starken, attraktiven API mit einer breiten Nutzerbasis und einer Abgrenzung durch die Sprache wäre auf lange Zeit nicht zu durchbrechen gewesen.

StudiVZ hätte, längst an der Spitze in Nutzerzahlen, damit:

  • ein auf das deutschsprachige Web zugeschnittenes Ökosystem entwickelt,
  • der gesamten deutschsprachigen Entwicklergemeinde als Durchlauferhitzer in Form des Infrastrukturanbieters des deutschsprachigen Social Graphs einen Schub ungekannten Ausmaßes gegeben,
  • sich zu dem Zentrum des deutschsprachigen Netzes entwickelt, an dem niemand mehr auf absehbare Zeit vorbeigekommen wäre,

-> und damit seine Führungsposition endgültig zementiert.

Nach Etablierung der App-Plattform hätte man mit einem Facebook-Connect-ähnlichen Programm den Rest des deutschsprachigen Webs ein Single-Sign-On geben können, das als Bonus mit vielen Nutzern, Viraleffekten und der Möglichkeit der Rekontextualisierung der dadurch entstandenden Metaebene dahergekommen wäre.

Wie wichtig eine Öffnung des Social Graphs nach innen und außen für die Zukunft von Social Networks ist, habe ich in diesem Artikel dargelegt .

Warum das hier Beschriebene oder etwas Vergleichbares nicht geschah und auch nicht mehr geschehen wird?

Ich drücke es so direkt wie möglich aus: Weil studiVZ-Inhaber Holtzbrinck keine Ahnung vom Internet hat und die studiVZ-Gründer in ihrer gesamten Schaffensphase genau eine eigene, gute Idee hatten: Die Campus-Captains. Darauf basiert der Erfolg von studiVZ: einer guten Idee, um, wie nötig, lokal verteilt die kritische Masse zu erreichen, und gutem Timing. Das reicht genau einmal.

Wer danach nicht nur unfähig ist, sich weiterzuentwickeln sondern auch noch allgemeinen Gesetzmäßigkeiten komplett entgegengesetzte Ideen an den Tag legt, der darf sich nicht wundern, wenn er von der Geschichte überrollt wird. Oder von einer Klage. Je nachdem.

Facebook hat eine zaghafte Million deutscher Nutzer, das zugegeben kleine lokalisten fängt an, eine eigene Plattform aufzubauen, und Xing zeigt, dass man es mit OpenSocial ernst meint. Die ersten Plattformen fangen also an, sich im deutschsprachigen Raum breit zu machen.

Da man von studiVZ/Holtzbrinck außer halbherzigen Ankündigungen noch nichts in Richtung Plattform gesehen hat, kann man wohl behaupten:

Das Zeitfenster für studiVZ, um sich hier an die unangefochtene Spitze zu setzen, dürfte sich geschlossen haben.

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