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01.12.08

Der studiVZ-Effekt, Teil 1: Der dunkle Leuchtturm

StudiVZ hat mit seinem Erfolg und dem anschließenden Verkauf an Holtzbrinck ein bedeutsames und zugleich verheerendes Zeichen an die deutsche Investoren- und Gründerszene gesendet.

Das Berliner Social Network studiVZ war nicht nur das erste, welches eine so enorme Größe erreichte, dass es die Zugriffe sämtlicher Konkurrenten meilenweit hinter sich ließ. StudiVZ war auch die erste Web-2.0-Site in Deutschland, die einen für deutsche Verhältnisse spektakulären Exit hinlegte, der durch sämtliche Medien ging und viele, die heute selbst Gründer von Web-Startups oder Investoren in diese sind, hellhörig machte. Mit dem Verkauf von studiVZ an Holtzbrinck wachte die bis dahin im internationalen Vergleich kaum aktive deutsche Webgründerszene auf, beziehungsweise entstand dadurch erst.

 

Wofür studiVZ steht

oder: Zum Millionär in drei einfachen Schritten: 1. US-Amerikanisches Startup für den deutschen Markt klonen, 2. ..., 3. Profit oder Exit.

StudiVZ nahm eine Idee aus den USA und setzte sie für den deutschen Markt um. Nicht nur das: Man baute das Vorbild aus den USA in weiten Teilen identisch nach und verwendete für Funktionen lediglich eingedeutschte Begriffe (gruscheln) und ein verändertes Farbschema. Hinlänglich bekannt. Aber damit nicht genug: Das Ganze wurde auf eine beachtlich dreiste Was-soll-uns-schon-passieren-Art umgesetzt.

Die ausgesandten Signale schienen offensichtlich: Du brauchst keine eigene Idee. Schamloses Kopieren von Ideen und Konzepten bis hin zum kompletten Webdesign ist gesellschaftlich akzeptabel und wird, wenn erfolgreich, fürstlich honoriert. Eigenentwicklungen sind unnötiges Risiko. EX-studiVZ-Chef Rieckes Aussage "Wir sind Teilnehmer, nicht Treiber der Innovation" dürfte die Mentalität vieler deutscher Gründer und Investoren widerspiegeln. Playing it safe.

Es gibt einen anderen deutschen Dienst, der seinerzeit von einem US-Dienst mit beachtlicher Chuzpe abkupferte. Dieser Dienst war YiGG , der ursprünglich unter der Domain digg.de startete; bis Digg den offensichtlichen Schritt unternahm.

YiGG und studiVZ hatten eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie waren zwar Kopien bereits erfolgreicher US-Startups, aber sie waren die (mehr oder weniger) ersten ihrer Art auf dem deutschen Markt. StudiVZ hatte gegenüber YiGG noch eine zusätzliche Sache richtig gemacht: Mit den Campuscaptains hatte man sich kostenlose Unterstützung verschafft, die für die Viralität sorgte, indem sie an jedem Hochschulstandort half, die kritische Masse an Nutzern zu erreichen.

Das war alles. Das war der Unterschied auf konzeptioneller Ebene zwischen studiVZ und yigg. Das war der Unterschied zwischen einem (vermuteten) 75-Millionen-Euro-Exit und einem mehr schlecht als recht vor sich hinexistierenden Webservice.

1. US-Startup klonen

2. Irgendwas mit Viralität

3. Profit oder Exit

"Das kann ich auch!"

Der studiVZ-Effekt

Diese Signalwirkung war verheerend. In Deutschland wurde damit zu großen Teilen eine Gründermentalität begünstigt, der Innovationsfreudigkeit fremd war. Die Gründer, die Finanzierung erhielten, waren vielmehr darauf aus, möglichst schnell erfolgreiche US-Sites ohne eigene Ideen nachzubauen, den deutschen Markt abzuschöpfen und die Site schnellstmöglich gewinnbringend zu verkaufen.

Schlimmer noch: Die Investoren in Deutschland, die in Webdienste Geld steckten, waren zahlenmäßig wenige und orientierten sich am studiVZ-Modell. Hat man viele Nachfrager (nach Finanzierung dürstende Startups) aber wenige Anbieter (Investoren), entsteht ein Oligopol. Wenn diese Anbieter latent innovationsfeindlich sind, ist das keine gute Voraussetzung. Investitionen in Innovationen oder zumindest Modelle, die echte Probleme angingen, waren rar gesäht.

Es führte außerdem dazu, dass Social Networks für Nische xy als der Weg zu Ruhm und Reichtum im Web gesehen worden (Hinweis: falsch).

Es gab zum Beispiel einen Zeitraum in 2007, in dem auf deutsche-startups.de immer wieder neue Social Networks mit dem Schwerpunkt "Sport" vorgestellt wurden, dass man irgendwann glaubte, man befände sich in einer Satire.

Ein anderes Beispiel: Während der Microblogging-Dienst Twitter selbst mit seinem einfachen, aber für Außenstehende schwer nachvollziehbaren Konzept am Start nie die Unterstützung deutscher Investoren bekommen hätte, sprossen die Twitter-Klone in Deutschland und erhielten teilweise Finanzierung, als Twitter an Fahrt aufnahm und die zugrundeliegende Idee damit valuierte.

Einige Monate später haben die Glücklicheren der Twitter-Klon-Macher den Absprung über eBay erfolgreich hinter sich gebracht. Der Rest hat entweder still und leise die Tore geschlossen oder existiert weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin.

Als Veranschaulichung zu diesem Investitionsverhalten vergleiche man deutsche Investoren mit Y Combinators Paul Graham über seine sechs Prinzipien, auf die er als Unternehmer oder Investor bei neuen Startups und deren Produkten achtet:

Ich versuche (a) einfache Lösungen zu finden, zu (b) bisher nicht beachteten Problemen, die (c) tatsächlich gelöst werden müssen, und (d) beginne so informell wie möglich, indem ich (e) mit einer so roh wie möglichen Version 1 starte, und (f) von dort schnell Iterationen durchlaufe.

Man verstehe mich nicht falsch: studiVZ ist nicht verantwortlich für den in weiten Teilen desolaten Zustand der deutschen Webstartup-Landschaft. Aber der Erfolg des Social Networks hat als Durchlauferhitzer für eine eher konservativ gegenüber ungewöhnlichen, neuen Ideen stehenden Mentalität in Deutschland gewirkt. Nichts in der Internetwelt ist konservativer (und zu oft fataler), als zu warten, bis ein neues Konzept sich in den USA als valide herausstellt und es dann für den lokalen Markt zu imitieren. Wenn man dann auch noch den Markt, auf den man sich einlässt, nicht versteht, hat man eine Totgeburt an der Hand.

Was dabei unter anderem geflissentlich ausgeblendet wird, ist das 'World Wide' in 'World Wide Web':

Wo Deutschland heute international steht

Was die Wirtschaft im Netz angeht? Nirgendwo.

Deutschland hat in all den vergangenen Jahren kaum mehr als ein Web-Startup hervorgebracht, das international halbwegs erfolgreich ist: Xing wäre zu nennen. Qype könnte man auch noch dazurechnen.

Ansonsten: Fehlanzeige. StudiVZ selbst hat seine Auslandsversuche wieder aufgegeben. Und stattdessen diese für Netzwerke äußerst törichte Vorgehensweise, für unterschiedliche Märkte jeweils eigenständige Netzwerke anzubieten, auf nationaler Ebene weiterverfolgt. Diese die Netzwerkeffekte aushebelnde oder zumindest erschwerende Strategie ist nicht sonderlich clever für ein Social Network. Man könnte auch sagen: Sie ist ausgesprochen dämlich.

Die Web-2.0-Phase hat in Deutschland, von den wenigen Ausnahmen abgesehen, kein Startup hervorgebracht, das über die Landesgrenzen hinaus Erfolg verzeichnen kann.

Man vergleiche das etwa mit dem Nachbarland Frankreich: Auf Anhieb fallen da die Startseite netvibes und die Videoplattform DailyMotion ein. Beide nicht nur im Heimatland und einigen europäischen Ländern bekannt, sondern global aktiv.

In Deutschland dagegen war die Web-2.0-Devise: auf Nummer sicher gehen, erfolgreiche Ideen aus den USA möglichst genau zu kopieren und für den deutschen Markt aufzubereiten. Keine großen Würfe, keine neuen Konzepte, die die Welt erobern könn(t)en.

Was das Web 2.0 angeht, hat Deutschland die letzten Jahre kollektiv Kreisklasse gespielt.

 

Das Ende

StudiVZ hat immer noch enorm viele Nutzer und damit enorm viele monatliche Zugriffe. Aber der Stern sinkt.

Werbeeinnahmen wollen sich nicht in ausreichendem Masse generieren lassen. Von innovativeren  Geschäftsmodellen kann man bei Holtzbrinck nicht einmal träumen.  StudiVZ selbst ist das unbeliebteste Startup aus Deutschland, zumindest unter den großen. Ein einzelner (in Zahlen: 1) Satz über eine mögliches Zusammengehen von studiVZ mit Facebook reicht aus, um unzählige Reaktionen im Web hervorzurufen, aus denen man fast eine Hoffnung auf Erlösung aus der studivzschen Innovationsstarre herauslesen kann. Von der Klage von Facebook gegen studiVZ ganz schweigen.

Die Zugriffe, wenn auch auf hohem Niveau, stagnieren. Und wer-kennt-wen.de schließt, was die Größe angeht, auf und könnte studiVZ demnächst überholen. Der alleinige Star am Page-Impressions-Himmel ist studiVZ bereits nicht mehr.

Auch hat es keine weiteren Exits in ansatzweise der gleichen Größenordnung wie seinerzeit bei studiVZ gegeben. Bei den vielen, vielen deutschen Mininetzwerken dürfte sich langsam Ernüchterung breitmachen. Ebenso bei den Investoren. Der Prozentsatz der Netzwerke und Startups, die in Deutschland jemals die kritische Masse an Nutzern erreichen werden, dürfte weit unter dem internationalen Durchschnitt liegen. Nicht nur, weil sie sich nur auf den deutschen Markt konzentrieren, sondern auch noch aus einem anderen Grund, denn wir in Teil 2 besprechen werden.

Die letzten Jahre Web 2.0 in Deutschland waren, das muss man so direkt sagen, eine verschenkte Chance.

In Teil 2 werden wir der Frage nachgehen, wie ein positiver studiVZ-Effekt hätte aussehen können.

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