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28.02.11

Der Niedergang deutscher Social Networks: Kein Grund zur Melancholie

Über den Niedergang einstiger Hoffnungsträger aus der deutschen Social-Networking-Landschaft kann man traurig und verärgert sein. Oder man erkennt, dass die Entwicklung unausweichlich war und nutzt diese Erkenntnis für die Zukunft.

 

Kein Grund zur MelancholieRobert Basic, bekannter und meinungsstarker Blogger sowie Gründer von Basic Thinking (das er später verkaufte), hat sich in einem aktuellen Beitrag enttäuscht über die Entwicklung einstiger Hoffnungsträger aus der deutschen Startup-Branche gezeigt. In seinem Artikel fokussiert er sich auf den Social-Networking-Sektor, den auch wir stets gerne beobachten.

Basic ist traurig über den derzeitigen Trend, dass Nutzer bekannten Diensten wie studiVZ, meinVZ oder wer-kennt-wen.de den Rücken kehren und sich bei Facebook einnisten. Facebook, das Anwender wie ein Magnet an sich zieht und von den technisch und funktionell unterlegenen (ehemaligen) Konkurrenten abwirbt, wächst in Deutschland mit rund einer Million aktiven Usern pro Monat.

Während seine Situationsbeschreibung des hiesigen Social-Networking-Marktes und manche der von ihm identifizierten Gründe für das langfristig betrachtet schlechte Abschneiden sozialer Netzwerke aus Deutschland (Basic sieht auch Xing in Gefahr) zweifellos zutreffen, lässt er sich in einigen Aspekten zu groben Simplifizierungen und Pauschalisierungen verleiten. Das an der ein oder anderen Stelle durchklingende Jammern ist weder angemessen noch eine sinnvolle Herangehensweise, um für eine baldige Besserung einzutreten.

Robert Basic attestiert den deutschen Usern einen ausgesprochenen Herdentrieb, was in seinen Augen einer der Hauptgrunde dafür ist, dass User gerade in Scharen die einheimischen Anbieter verlassen bzw. ihre Accounts dort vernachlässigen.

Doch dies ist in keiner Weise ein deutsches Phänomen. Im Gegenteil: Deutschland gehört, was die Mitgliederexplosion bei Facebook betrifft, zu den absoluten Spätzündern.

Hiesige Internetbenutzer haben gerade aufgrund der anfänglich starken Stellung einheimischer Netzwerke lange der in anderen Ländern viel früher zu beobachtenden Völkerwanderung zu Facebook widerstanden. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass der Herdentrieb der traditionell kritischen Deutschen geringer ist als der manch anderer Nationalitäten.

Was Basic Herdentrieb nennt, ist aber ohnehin nichts weiter als der berühmte Netzwerkeffekt, und dieser darf im Kontext von sozialen Netzwerken als Naturgesetz betrachtet werden: Niemand will in einer virtuellen Geisterstadt netzwerken. Wenn Freunde zunehmend zu einer anderen Plattform wechseln, bleibt selbst den wenig Wechselwilligen nichts anderes übrig, als zu folgen - sofern sie nicht digitale Selbstgespräche bevorzugen.

Sollte man nun wie Blogger-Kollege Basic verärgert darüber sein, dass Facebook am Ende auch den deutschen Internetmarkt geknackt hat, und darüber, dass dies unter anderem die Folge aus dem erheblich besseren Zugang von US-Firmen zu Kapital ist? Ich finde, nein.

Das Social Web ist ein Winner-Takes-It-All-Markt. Einige wenige Anbieter vereinnahmen in ihren jeweiligen Fokusbereichen die überwiegende Zahl aller Nutzer. Niemandem wäre damit geholfen, wenn sich Facebooks 600 Millionen aktive Anwender stattdessen auf 20 kleinere kommerzielle Anbieter verteilen würden (die Theorien dezentraler Netzwerke und der Interoperabilität zwischen Anbietern einmal außer Acht gelassen).

Am Ende gab es lediglich zwei Optionen: Entweder hätte Facebook einen kometenhaften und vor allem globalen Aufstieg vollzogen oder ein anderer vergleichbarer Anbieter. Dass am Ende das blau-weiße Social Network den Thron erklomm und nicht beispielsweise meinVZ oder wer-kennt-wen.de, hat bei weitem nicht nur mit der von Basic angeführten schwachen Medienberichterstattung über Startups in Deutschland, deren dünnen Finanzkapitaldecke und begrenzten Funktionsumfängen sowie der Kurzsichtigkeit der Investoren zu tun.

Die Ursachen sind deutlicher komplexer, zum Teil tief verwurzelt in der deutschen Mentalität und ein Resultat aus der verbreiteten, eher skeptischen Sichtweise auf alle digitalen Innovationen, die Interaktion und Kommunikation zwischen Menschen verbessern sollen. Deutschland fehlt es momentan an der richtigen DNA, um das nächste Facebook aufzubauen. Deshalb heißt Facebook Facebook und nicht meinVZ.

Während diese Erkenntnis weh tut, wären wir besser beraten, wenn wir sie endlich akzeptieren und uns umschauen, in welchen anderen Domänen der Onlinewelt unbearbeitetes Terrain existiert, dem man sich widmen könnte. Die gute Nachricht ist: Viele Dutzend Startups tun dies auch schon. Statt mit Tränen in den Augen auf die Relikte aus einer vergangenen, einst vielversprechend erscheinenden Ära zu blicken, halte ich es für sinnvoller, jetzt das zu fördern und zu unterstützen, was in einigen Jahren den deutschen Internetmarkt zu neuem Ruhm verhelfen könnte.

Ich vermute, auf eine ganz subtile Art und Weise war es auch eine derartige Botschaft, die Robert Basic vermitteln wollte.

(Foto: Flickr/Vlad Nikitin, CC-Lizenz)

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