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08.05.09Leser-Kommentare

Der Kampf der Geschäftsmodelle

Entgegen in Medien oft gemachten Aussagen verschwindet Kulturproduktion nicht mit einem offenen Internet. Mit den Marktverschiebungen durch das Netz werden neue Geschäftsmodelle notwendig. Die alten Geschäftsmodelle mit starken Regulierungen des Internets aufrechtzuerhalten, ist gesellschaftlich nicht wünschenswert.

Ralf Bendraths Artikel auf netzpolitik.org ist, wie ich bereits anmerkte, sehr lesenswert. Allerdings geht es bei den aktuellen Ereignissen weniger um einen, dort so genannten "Kampf der Kulturen". Sicher, auch Mentalitäten und Einstellungen, wie eine Gesellschaft zu funktionieren hat, spielen eine gewichtige Rolle. Immerhin ist der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft durch das Internet nicht einfach nur einer hin zum Digitalen, sondern einer die etablierten Strukturen erschütternder. Das Internet verändert Vorgehensweisen und Kulturtechniken.

Doch geht es aber in erster Linie bei den aktuell zunehmenden Widerständen gegen ein freies Internet (das, entgegen der immer wiederholten Lüge, nie rechtsfrei war) fast immer um konkrete wirtschaftliche Interessen. Um bedrohte Wirtschaftszweige, deren Geschäftsmodelle von den sich veränderten Märkten nicht mehr gestützt werden.

Das sollte man nicht vergessen wenn in der ZEIT oder der FAZ über das Urheberrecht und das Internet geschrieben wird und dabei etwa der unhinterfragte Zusammenhang vorausgesetzt wird, starkes Urheberrecht führt zu sicherem Einkommen von Urhebern. Ein Urheberrecht, das 'schwach' ist oder das verletzt wird, führe automatisch zu Gewinneinbußen.

Dieser so simple wie falsche Zusammenhang ist die Fortführung des ebenso falschen Arguments, illegale Downloads wären Diebstahl.

Der massenmedial geführte Scheindiskurs setzt Geschäftsmodellverschiebungen gleich mit Schreckgespensten wie dem "Untergang der Kultur selbst". Ohne das kompromisslose Durchsetzen des veralteten Urheberrechts im Internet gibt es bald keinen Journalismus, keine neue Musik, keine neuen Filme, keine neue Kunst, ja, keine Zivilisation mehr. Das ist natürlich Unsinn.

Dieses grob fahrlässige diskursive Verhalten führt dann leider dazu, dass die deutsche Bundesjustizministerin ein "starkes Urheberrecht" fordert (was bereits auffallend wertend ist, besser wäre schließlich ein "modernisiertes Urheberrecht"):

Angesichts der "zahlreichen Verletzungen des geistigen Eigentums im Internet" fragte sich die Ministerin auch, ob beispielsweise eine stärkere Regulierung des Netzes erforderlich ist. So werde es die Politik sicher "die nächsten Jahre beschäftigen", was aus den geplanten Sperren kinderpornographischer Seiten "folgen wird", schloss sie eine Ausweitung auf illegale Angebote geschützter Werke zumindest nicht komplett aus.

Eine Gegenüberstellung und Abwägung der jeweiligen Alternativen findet nicht statt. Die alten Geschäftsmodelle sind die richtigen; alles neue muss notfalls stärker reguliert werden, um das alte zu schützen.

Man kann aber als Musiker etwa P2P und die freie Zirkulation der Musik erfolgreich einsetzen, um Geld zu verdienen. Das Geldverdienen findet nur eben anders statt als im Zeitalter der CDs und Vinylplatten. Es gibt einige Beispiele, die den Erfolg eines solchen Vorgehens beweisen.

Aber wenn P2P Diebstahl sein soll, kann mir dann jemand erklären, wie man ein Geschäftsmodell darauf aufbauen kann, sich bestehlen zu lassen? Musiker, die mit dem Verschenken ihrer Musik sehr gut verdienen, sind das beste Gegenargument gegen die Diebstahl-Lüge.

Es ist eine Frage von funktionierenden Geschäftsmodellen unter neuen Rahmenbedingungen, keine Entscheidung zwischen stark reguliertem Internet und florierender Kultur:

Musik wird auch in 50 Jahren noch veröffentlicht werden, unabhängig ob mit oder (wahrscheinlicher) ohne Majorlabels mit großem Bürokratie-Apparat.

Journalismus wird auch in 50 Jahren noch stattfinden, unabhängig ob mit oder (wahrscheinlicher) ohne Verlage in ihrer heutigen Form.

Und auch wenn einige Kultur-Erzeugnisse, wie etwa große Hollywood-Blockbuster, langfristig wegfallen könnten :

Die Frage, die sich jeder stellen muss, ist die, ob es gesellschaftlich wünschenswert ist, das Internet zu kastrieren, um die Produktion von Filmen über sprechende Chihuahuas zu erhalten.

Was ich damit sagen will: Nicht alles, was im Status Quo des Massenmedien-Zeitalters erschaffen wird, ist a priori vor jedweder Veränderung schützenswert.

Die Vorteile, die ein Innovationen begünstigendes weil möglichst offenes Internet gesellschaftlich mit sich bringt, werden schließlich bezeichnenderweise in den in Deutschland geführten Diskursen komplett ausgeblendet. Ein grober Fehler. Nimmt man damit doch die größte Variable aus der Rechnung heraus.

Und noch einmal: Die Offenheit des Internets und eine kostentragende Kulturproduktion sind keine sich gegenüber stehende Antagonismen. Die Einkommenströme verändern und verschieben sich, sie verschwinden aber nicht.

Die Lage der Wirtschaftszweige, die vom Internet zum Wandel gezwungen werden, lässt sich ähnlich umschreiben, wie die Situation von einem Teil seiner Romanhelden, über die Romancier Philip Roth in einem Interview folgendes sagt:

..das ist keine Frage von Schwimmen oder Untergehen - sie müssen gleichsam das Kraulen neu erfinden.

(Philip Roth; Eigene und fremde Bücher, wiedergelesen)

Wer nach gesetzlichen Regelungen verlangt oder Massenklagen ankündigt , um Marktverschiebungen zu begegnen, will das Kraulen nicht erlernen und fordert stattdessen immer größere Schwimmärmel. Schwimmärmel, deren Preis ein möglichst freies Internet ist. Das darf die Gesellschaft nicht zulassen.

 

(Foto: feserc; CC-Lizenz )

Kommentare

  • Ulrike Langer

    08.05.09 (14:33:17)

    Gut argumentiert. Die Hoffnung, in den klassischen Medien einen ernsthaften Diskurs über Chancen und Gefahren neuer Geschäfts-, Gesellschafts-, Kommunikations- und Medienmodelle zu finden, ist glaube ich vergebens. Zeitungen können als unmittelbar Betroffene in dieser Frage keinen objektiven Standpunkt einnehmen - was sie ihren Lesern in der Regel allerdings nicht mitteilen. Statt ganz klar zu sagen, dass ihre bisherigen Geschäftsmodelle bedroht sind, wird mit bedrohten Urheberrechten, bedrohtem Journalismus oder gleich mit dem Untergang der Zivilisation argumentiert. Darzustellen, worum es eigentlich geht, ist jetzt die Aufgabe und auch die Chance von relevanten Blogs mit journalistischem Anspruch - wie netzwertig, netzpolitik, carta, indiskretion ehrensache etc.

  • Robin Meyer-Lucht

    08.05.09 (14:35:40)

    Beim Kampf der Geschäftsmodelle geht es logischerweise auch um den Kampf um den Modus der zukünftigen Kulturproduktion. Die alten Profi-Produzenten versuchen nun, mit Hilfe des Urheberrechts ihre alten Profi-Institutionen zu retten. Das ist selbstredend total gestrig -- statt sich neu zu erfinden, wird vor allem dadrauf gedrungen, das Netz zu disziplinieren. Statt zu reflektieren, dass die alten Strukturen wahrlich nicht nicht perfekt waren, werden sie normativ verklärt. klar. Andererseits brauchen wir auch eine Diskussion darüber, welche der alten Institutionen wir vielleicht doch noch brauchen und wie wir eigentlich dem erheblichen Einkommensverlust von Musikern und Journalisten gegenüberstehen. Hier jetzt für das völlig unregulierte Internet zu sein, dass erscheint mir tatsächlich zu marktradikal. gruss, rml

  • Marcel Weiss

    08.05.09 (17:12:32)

    @Ulrike Langer: "Zeitungen können als unmittelbar Betroffene in dieser Frage keinen objektiven Standpunkt einnehmen - was sie ihren Lesern in der Regel allerdings nicht mitteilen." Ja, das finde ich schon bemerkenswert, wie das Thema in den Zeitungen wie selbstverständlich ohne Selbstreflektion (oder eben mit versteckten eigennützigen Motiven) stattfindet. Ein weiterer Schritt in der Selbstdemontage. Ich denke, ich bin nicht der einzige, dem es zunehmend schwer fällt, diese Marken noch ernst zu nehmen. @Robin Meyer-Lucht: Ich sehe mich nicht als Friedman-Jünger. Ich bin nicht der Ansicht, dass der Markt schon alles richten wird, wenn man ihn nur schön allein lässt. Ich bin auch nicht für ein unreguliertes Internet (das wäre ja dann der "rechtsfreie Raum"). Aber: Das Internet hat die letzten 10 Jahre gezeigt, dass es am besten funktioniert, wenn alle Partizipenten theoretisch die gleiche Ausgangslage haben. Offenheit bedeutet ja letztlich Chancengleichheit. Die Innovationsexplosion - Wikipedia, Google, Blogosphäre etc. - wäre ohne die Offenheit und ihre Chancengleichheit nicht möglich gewesen. Ich betrachte diese Thematiken immer unter dem Gesichtspunkt, welche Alternative gesamtgesellschaftlich am meisten Sinn ergibt. Das heißt, welche Rahmenbedingungen erzeugen das beste Ergebnis. Das ist in der Regel - zumindest bei digitalen Gütern - ein eher behutsam regulierter Markt. Nicht zuletzt auch, weil die heutzutage angedachten Regulierungen eh nicht funktionieren und Marktteilnehmer nur unnötig kriminalisieren. Und der "erhebliche Einkommensverlust von Musikern und Journalisten"? Den sehe ich auch nicht unbedingt. Der Kuchen verändert seine Form und die Kuchenstücken werden neu verteilt. Wird der Kuchen dabei automatisch kleiner? Nein. In manchen Bereichen vielleicht ja, das kann man aber nicht a priori in allen Bereichen so annehmen. Für die gesellschaftlich wichtigen Gruppen, also die, die Inhalte erstellen, würde ich sogar eher das Gegenteil annehmen. Denn die Umverteilung geht langfristig in ihre Richtung. Das Problem ist, dass wir uns aktuell in der Umbruchsphase befinden, in der die neuen Strukturen noch fehlen. Die Reallokation führt aktuell zu suboptimalen Ergebnissen. Auch weil die alten Platzhirsche neue Strukturen unterbinden (siehe etwa Musikindustrie und Online-Musiklizenzen). Künftig werden etwa weit mehr Musiker weit besser von der Musik leben können als heute. Warum? Bessere Allokation der Ressourcen. Einfacheres Erreichen der Fans. Wegfall des Großteils der Mittelsmänner. Es gibt ja bereits heute Musiker, die mit den neuen Formen recht gut im Geschäft sind. Da sehe ich nichts von geringeren Einnahmen. Man muss die Möglichkeiten nur nutzen, statt sie zu bekämpfen. Die einzigen, die verlieren, sind die nicht mehr benötigten Mittelsmänner. Und genau die sind es, die aktuell um jeden Preis versuchen, ihren Untergang zu verhindern. Aber das macht das Internet ja schon immer: Mittelsmänner unnötig machen. Abschließend zwei Beispiele: Craigslist hat in den USA die Kleinanzeigeneinnahmen den Zeitungen abgenommen. Hätten die Verleger den Braten frühzeitig gerochen, hätten sie wahrscheinlich gefordert, Craigslist zu verbieten, zu besteuern, die Verlage zu entschädigen oder ähnlich zu strangulieren. In Dtl. würde das genauso stattfinden, gebe es einen ähnlich erfolgreichen Dienst. Oder Googles Adsense/Adwordprogramm: Hat mittels Automatisierung den Vermarkter ausgeschlossen und mit den damit verbundenen Kosteneinsparungen völlig neue Märkte für das eigene Werbeprogramm erschlossen, weil damit Publisher und Werbekunden aus dem Long Tail ansprechbar wurden. Beide, Google und Craigslist, haben damit neue Märkte erschlossen und zumindest im Fall Craigslist nebenbei dabei (unbeabsichtigt) geholfen, eine gesamte Industrie ins Straucheln zu bringen. Frage: Wäre die (US-)Gesellschaft ohne Craigslist und Adsense besser dran? Ich für meinen Teil zumindest würde das stark bezweifeln. Das die, deren Felle weggschwimmen (die überflüssigen Mittelsmänner) anders argumentieren, überrascht nicht. Man sollte ihnen nur nicht auf den Leim gehen. :)

  • Tobias Knapp

    12.05.09 (15:05:11)

    Sehr schönes eingebrachtes Zitat (Roth). Das die eigentlich vom Wandel Betroffenen die Intermediäre sind, habe ich explizit noch gar nicht wahrgenommen (obwohl es mir jetzt mehr als offensichtlich erscheint). Die Problematik hängt wohl damit zusammen, dass Kulturgüter, wie bspw. Zeitungsartikel oder Musik, und Kommerz (Phrasenkasse, schon klar) nicht getrennt behandelt werden. Geht man davon aus, das Kulturgüter primär "um ihrer selbst willen" geschaffen werden und eigentlich "nur" gefallen wollen, profitiert der Kultursektor eher von den neuen Rahmenbedingungen. Es zeigt sich besonders am Beispiel Musik, wenn verschiedentlich Studien belegen, dass aktuell wesentlich mehr Musik konsumiert wird als noch vor einigen Jahren und neue Technologien die Verbreitung dieser Kulturgüter fördern. Was fehlt ist noch die benötigte Systemkompetenz bei Kulturschaffenden, möglicherweise da noch kein festes System in dem Sinne besteht, um sich in den neuen Gegebenheiten zurechtzufinden. Einkommenseinbußen bei Musikern sehe ich auch nicht. Haben nicht 90% derer auch schon zu den goldenen Zeiten der Musikindustrie nichts verdient? Ist es erhaltenswert, dass wenige Stars, nicht aufgrund besserer Musik, sondern aus Label-impliziertem massenmedialen Netzeffekten heraus Milliarden verdienen, andere nichts? Auch ich kann im Internet keine Bedrohung für die Kulturgüter in sich, als vielmehr nur für die angeschlossene Kulturgütervermarkter sehen, das ist mir jetzt klarer denn Je.

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