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04.02.08Leser-Kommentare

Der Gurkenlaster in der Tagesshow: Satire und 'ernsthafter' Journalismus

Daniel Küblböck rammt in der Dämmerung ohne Zeugen einen Gurkenlaster; Martin Sonneborn entschuldigt sich vor laufenden Kameras bei den Georgiern für den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts. Was davon ist eine wichtige Tagesnachricht und wieso? Brand Eins über das Geschäft mit Nachrichten, Wein, Filmen, Büchern und Urlaubsreisen.

Daniel Küblböck, Amy Winehouse, Paris Hilton

Daniel Küblböck, Amy Winhouse, Paris Hilton: Wo sind hier die News? (Bilder [M] cc:SlimK, cc:casasroger, cc:Illinois Entertainer)

Seit gestern stapeln sich E-Mails mit jeder Menge meist hämischer Kommentare in meiner Mailbox. Der Grund: Ein westdeutscher Rundfunksender kooperiert mit einer ebensolchen Zeitungsgruppe. Etwas, das eigentlich keine Sensation und schon länger absehbar war.

Doch derselbe Sender wollte mir im Jahr 2000 sogar private E-Mail per einstweiliger Verfügung beschlagnahmen lassen, weil ich als Technik-Print-Journalist für ihn eine angeblich existenzbedrohliche Konkurrenz darstellen würde, solange ich mit meinen Kontakten kommunizierte, ohne daß man aus Köln die an mich gerichteten E-Mails kontrollieren könne. Inzwischen hat man für derartige Ansinnen Wolfgang Schäuble.

Andererseits arrangierte eben jener Sender sich im Laufe der Jahre sogar mit dem zuvor immer wieder als Medienmonster dargestellten Leo Kirch. Und eigentlich mit jedem Unternehmen in der Medienbranche, das Geld hat. Lediglich zwar finanzkräftige, doch branchenfremde Unternehmen wie die Schweizer UBS bekamen die volle Härte der Medienmacht aus NRW zu spüren - der UBS-Investmentzweig Warburg Dillon Read mußte Website und Domain aufgeben.

Alles andere, was über die Jahre als Schmierentheater abgezogen wurde, fällt am Schluß doch in die Rubrik "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" - beide Seiten sind so in die Schlagzeilen gekommen und profitieren hiervon, so sie genügend Mitarbeiter haben, um dies auch tatsächlich für sich gewinnbringend auszunutzen.

Tagesschau mit Boulevardnachrichten

Der TV-Showmaster Rudi Carell hat vieles vorausgesehen, so auch die Boulevardisierung der Nachrichten. Er selbst machte aus der "Tagesschau" einst die satirische "Tagesshow". Die ist jedoch lange Geschichte, heute ist die "Tagesschau" längst selbst zur "Tagesshow" geworden, in der ein Verkehrsunfall eines Möchtegern-Schlagersternchens zur Gurken-Nachricht wird, die man eher in der Zeitung mit den vier Buchstaben erwartet hätte.

Wenn sich das Satireblatt Titanic dagegen über Politik, Sport und Medien lustig macht, so ergibt dies entweder höchste Empörung, wenn FIFA-Funktionäre ausgerechnet mit Kuckucksuhren bestochen werden sollen - oder kommentarlose Akzeptanz, wenn Martin Sonneborn sich vor laufenden Kameras im Stil von Borat bei den Georgiern für den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts entschuldigt und - dabei insgeheim um sein Leben fürchtend - stoisch verkündet, dies werde zukünftig ganz bestimmt nicht mehr vorkommen.

Brand Eins, selbst schon vom Namen her ein Marken-Produkt, hat die Mechanismen, die Medien so schief ticken lassen, in einem nun auch online verfügbaren Essay auf den Punkt gebracht: Platte Themen um Pseudo-Promis wie Dieter Bohlen oder Paris Hilton verkaufen sich gut und jede Trivialität wird hysterisch gackernd zur Bedrohung, zur Katastrophe aufgeblasen, wenn noch ein "Aufmacher" fehlt. Martin Sonneborns Georgien-Aktion gelang dies nur nicht, weil ihr Anspruch zu hoch lag und die Brisanz dieser "Entschuldigung" erst nach kurzem Nachdenken klar wird - etwas, was man dem normalen Leser und Fernsehzuschauer nicht zumuten kann.

Sind wir etwa alle etwas Kerner?

Selbst etwas platt wird der Artikel nur bei Pauschalschelten wie Alle Journalisten sind eitel; Geltungsdrang ist ein wesentlicher Antrieb, diesen Beruf zu ergreifen. Die hierzu als Beleg angeführten "Kollegen" Johannes B. Kerner und Eva Herman sind schließlich eher ein Grund, diesen Beruf nicht zu ergreifen bzw. an den Nagel zu hängen.

Es trifft jedoch durchaus zu, daß Journalisten über immer mehr unter Zeitdruck schreiben oder zumindest urteilen müssen, von dem sie keine ausreichende Ahnung haben - ein Drahtseilakt, bei dem Enten das Laufen lernen und Abstürze (hat da etwa gerade wer Autobahn gesagt???) an der Tagesordnung sind. Spezialisten für die jeweiligen Themen können sich die Verlage nicht mehr leisten, Fachwissen wird nicht mehr goutiert.

Ein Bauchgefühl für Enten, für Nachrichten, die einfach zu "gut" sind, um wahr zu sein, ist das einzige, was Journalisten im Tagesgeschäft noch vor Peinlichkeiten schützt, doch insgeheim weiß jeder, daß es auch ihn irgendwann erwischen wird.

Geld gesellt sich zu Geld

Brand Eins Extreme

Brand Eins, Ausgabe 1/08

Der normale Leser durchblickt all diese Mechanismen zwar nicht so klar wie die Kollegen von Brand Eins. Doch er fühlt sich hintergangen; er merkt, daß etwas nicht stimmt. Nicht nur online wird ihm gleich die passende Reise zum Artikel angeboten, nicht nur in der Zeitung gibt es gleich neben der Filmbesprechung die passende DVD zu kaufen. Auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt es einen Fan-Shop, in dem die Schürze, der Kochlöffel und das Buch zur gerade gelaufenen Kochsendung zu finden sind - oder das Buch des Intendanten zu seiner in vielen Trailern wochenlang bejubelten Reisereportage, dessen Erlöse keineswegs einer gemeinnützigen Stiftung oder den Menschen in dem von ihm bereitsen Land zugute kommen.

Wo schon viel Geld ist, da fällt auch noch weiteres hin. Das ist in den Medien ebenso ausgeprägt wie in der Politik, und das macht beide verdammt unglaubwürdig. Nicht eine Kooperation zweier öffentlich-rechtlicher und kommerzieller Medien, die sich durchaus sinnvoll ergänzen können und dies schon längst hätten tun sollen, ist das Problem. Im Gegenteil, hier ist erfreulich, daß der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun endlich seinen Krieg gegen die Printmedien offiziell begraben hat. Sondern die Mechanismen, die beide Kooperationspartner seit Jahren intern benutzen und die nun zu den lästernden Kommentaren des Grundtenors "na da haben sich ja die richtigen zwei gefunden" führen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Jeeves

    04.02.08 (12:24:29)

    Wer ist der erwähnte "Martin Sonnemann"? Bei Google find ich kein Bild des Erwähnten. Oder ist das dieser (mir unbekannte) Sportler?

  • Wolf-Dieter Roth

    04.02.08 (13:12:02)

    @Jeeves: Martin Sonneborn heißt der Titanic-Mann. Im Vorspann stand es richtig, unten im Text hatte ich mich vertan. Sorry. Korrigiert. Siehe auch http://www.titanic-magazin.de/impressum.html

  • Credit Suisse

    04.02.08 (14:12:14)

    Hey, die Amy hat im Fall nichts mit win-a-house.ch uns zu tun :)

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