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25.10.10Leser-Kommentare

Der Fall UberCab: Auch auf der anderen Seite ist das Gras nicht immer grüner

Auch in San Francisco, dem Herz der globalen Internetbranche, kann Bürokratie zur Innovationsbremse werden. Was dem Startup UberCab gerade passiert ist, wäre in Deutschland vermutlich als "typisch deutsch" bezeichnet worden.

 

Wir Deutschen haben bekanntlich einen Hang dazu, das eigene Tun und Handeln kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig das, was außerhalb unserer Landesgrenzen geschieht, besonders positiv hervorzuheben. Gerade im Tech-Sektor neigen wir zur Schwarzmalerei, was die hiesige Internetbranche betrifft, und zu einer überschwänglichen Euphorie in Hinblick auf das, was in dem Sektor andernorts, vorrangig natürlich auf der anderen Seite des Atlantiks geschieht.

Das heißt nicht, dass es nicht tatsächlich Grund zur Kritik gibt. Immerhin kommen fast alle führenden Onlineangebote im für die Online- und Medienwelt zukunftsträchtigen Social-Web-Bereich aus den USA. Aber die Tendenz zur pauschalen Skepsis im Bezug auf digitale Dienste und Projekte aus dem deutschsprachigen Raum erschwert zumindest die objektive Sicht auf die Entwicklung. Auch wir bei netzwertig.com nehmen uns da nicht aus, wobei wir bestrebt sind, eine Balance zwischen Kritik und Lob/Optimismus herzustellen.

In jedem Fall scheint es gelegentlich hilfreich, das deutsche Selbstbild im Bezug auf den Technologie-Sektor neu zu justieren. Dies kann man tun, indem man darauf hinweist, dass beispielsweise die deutsche Solarbranche - die in Bezug auf ihr Langzeitpotenzial Facebook, Twitter & Co augenscheinlich in nichts nachsteht - der globale Marktführer ist.

Oder man verdeutlicht an einem aktuellen Beispiel, das auch an ausgewiesenen Technologie-Hotspots, an denen Rahmenbedingungen für Innovation und technischen Fortschritt als ideal angesehen werden, nicht immer die Sonne scheint. Die Rede ist von San Francisco, der Stadt, die zusammen mit dem benachbarten Silicon Valley das Herz der US-, nein eher der globalen Internetbranche ausmacht.

Die dortige Web-Szene erlebt gerade das, was hierzulande vermutlich als "typisch deutsch" bezeichnet worden wäre: die staatliche Intervention gegen ein aufstrebendes Startup, das sich anschickt, eine Branche in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Das vor einigen Monaten gegründete und mit Startkapital von namhaften Angel-Investoren ausgerüstete Unternehmen UberCab hat einen alternativen Taxi-Service entwickelt, bei dem Verbraucher mit Hilfe einer iPhone-App über eine dynamische Echtzeit-Google-Karte einen Chauffeur bestellen können, der sich gerade in der Nähe befindet.

UberCap, das bisher nur in San Francisco aktiv ist, bietet Kunden nicht nur den Vorteil, direkt online zahlen zu können und schneller abgeholt zu werden, sondern es erlaubt jedem Besitzer eines Automobils, sich ebenfalls als Chauffeur zu betätigen (eine Lizenz, die den kommerziellen Transport von Personen genehmigt, ist allerdings Voraussetzung). Nach einer erfolgten Reise können Passagiere ihre Fahrer online bewerten.

Während sich das Tech-Jet-Set in der "Bay Area" mit dem etwas teureren, im Vergleich zu Taxis aber schnelleren Dienstleister angefreundet hat, gibt es bei der Stadt San Francisco Einwände gegen das Vorhaben: Die für den öffentlichen Nah- und Taxiverkehr in der Region zuständige Behörde hat dem Startup am 20. Oktober eine Unterlassungsanordnung zukommen lassen.

In den Augen der Behörde agiert Ubercab wie ein Taxi-Unternehmen, ohne aber die dafür notwendige Lizenz zu besitzen. Außerdem fehle es an eindeutigen Regelungen zur Versicherungsfrage der Passagiere - zwei recht nachvollziehbare Argumente. Doch das waren noch nicht alle Bedenken der Stadt: Ubercab würde zudem die Existenz bestehender Taxi-Firmen gefährden, des Weiteren gebe es eine gesetzliche Regelung, die für einen Limousinenservice eine Reservierungspflicht vorsieht, die 60 Minuten vor der geplanten Fahrt nicht unterschreiten darf. Nur registrierte Taxi-Dienstleister dürfen Fahrgäste ohne Vorlaufzeit aufnehmen - dafür ist jedoch die UberCab fehlende Taxi-Lizenz erforderlich.

UberCab, das die Unterlassungsaufforderung mit Humor zu nehmen scheint und sich spontan des Wortes "cab" (Englisch für Taxi) in seinem Namen entledigte, schreibt in seinem Blog, dass es es die Problematik prüfen werde, dass es jedoch überzeugt sei, nicht gegen geltendes Recht zu verstoßen. Und während sich UberCab wahrscheinlich über die plötzliche Aufmerksamkeit freut, sieht TechCrunch-Autor MG Siegler das Vorgehen der Behörde auch als Beleg für das Potenzial des Konzeptes von UberCab.

Es ist nicht zu erwarten, dass das rechtliche Vorgehen der Stadt San Francisco das Ende von UberCab bedeuten wird. Immerhin sägt die Metropole, in der eine Vielzahl führender Internetfirmen beheimatet ist, mit einem derartig bürokratischen, Innovation verhindernden Vorgehen an ihrem eigenen Ruf und so letztlich auch an ihrer Anziehungskraft für junge, kreative Entrepreneure. Eine schnelle Einigung dürfte daher im Interesse aller Beteiligten sein.

Dennoch illustriert der Vorfall, was zwar niemand wirklich angezweifelt hat, was aber gerne in Vergessenheit gerät: Bürokratie, Furcht vor Veränderung sowie neuartige Geschäftsmodelle verhindernde Gesetze gibt es selbst da, wo das Gras sonst so viel grüner zu sein scheint.

Mit Interesse beobachten wird man den Fall UberCab mit Sicherheit auch beim Hamburger Unternehmen Intelligent Apps, das mit myTaxi (bisher 1TouchTaxi) ebenfalls einen (derzeit nur in Hamburg angebotenen) Dienst zur mobilen Taxibestellung über das iPhone betreibt. Sorgen muss man sich dort allerdings nicht machen: Anders als UberCab arbeitet myTaxi mit professionellen Taxifahrern statt mit Amateur-Chauffeuren - über 450 Hamburger Taxis setzen bereits auf den Service und können mobil mit automatischer Standortbestimmung gebucht werden.

Kommentare

  • Dominik Belca

    25.10.10 (07:21:09)

    Mein Partner und ich hatten ein solches Konzept vor mehreren Jahren bereits für Deutschland ausgearbeitet und sind bis in die Finanzierungsrunden vorgedrungen. Auf einer dieser Veranstaltungen wo Gründer auf "das Kapital" treffen, haben wir mit der Idee auch überwiegend gutes Feedback erhalten - nur von einer Person - Mitarbeiterung eines großen deutschen Finanzinstituts - nicht. Die Damen hörte mürrisch unseren Beschreibungen zu, um dann ihr Todesurteil in den Satz zu verpacken: "Wer soll das denn brauchen? Wenn ich irgendwo hin muss, fahre ich doch einfach Taxi". Ja, schön wenn man ein Spesenkonto hat... Wenn dann noch regulatorische Ansprüche dazukommen, wird es sehr eng für ein Startup.

  • Urs

    25.10.10 (11:30:48)

    In Zürich gibts auch so ein Taxi App (habe ich mal im Tagi gelsen).

  • Patric Schmid

    25.10.10 (11:33:47)

    Schätze mal es wird hier zu ähnlichen Diskussionen kommen sobald flinc (http://www.flinc.org/de/) in Deutschland tracktion bekommt... Die Versicherungssache könnte man sicher genauso für alle anderen Mitfahrzentralen breittreten, oder kennt hier jemand deren gesetzliche Absicherung in die Richtung?

  • Martin Weigert

    26.10.10 (01:48:27)

    Danke für den Hinweis, sieht hochspannend aus!

  • Lucy Kenn

    26.10.10 (08:55:49)

    Ich denke auch es wird ein Wahnsinn werden!

  • Friederike

    26.10.10 (15:05:46)

    Die Sache mit der Versicherung überlassen die Vermittlungsplattformen den Fahrern/Mitfahrern, siehe z.B. hier: http://www.mitfahrgelegenheit.de/pages/service_insurance Wer sichergehen will, lässt sich die Haftungsbeschränkung unterschreiben, das kann man genauso bei flinc machen. Das heißt, das Risiko trägt jede Person nur für sich selbst. (Vielleicht gibt es ja auch die Möglichkeit, so eine Haftungsbeschränkung einmal pauschal auf der Plattform zu unterschreiben?) Ich kenne allerdings keinen Fall, wo es mal Probleme gab, vielleicht jemand anderes hier?

  • Friederike

    26.10.10 (15:25:45)

    Der Unterschied ist, dass in den USA sich sofort alle auf die Seite des Startups schlagen und einen kleinen Medienaufruhr verursachen, weil sie einen ihrer Grundwerte - die unternehmerische Freiheit - beschnitten sehen. Auch die Investoren stehen dem Startup bei (zumindest moralisch bei twitter& Co.). Es wäre mal spannend, zu sehen, wie die Deutschen in so einer Situation reagieren würden. Ich vermute, man hätte bereits große Probleme, Investoren zu finden und würde ohne 100% abgesichertes Modell nicht mal starten können. Woran ist es denn bei Euch gescheitert, Dominik (1. Eintrag)?

  • Mino

    26.10.10 (23:08:50)

    Ist vielleicht ein wenig OT aber wie sieht es eigentlich bei dem Taxiortungs-System mytaxi mit den Ortungs-Daten aus? Werden die gespeichert? Ist das dann nicht ein HUNDERTPROZENT Bewegungsprofil der Fahrer - ggf minutengenau?? Und wie sieht es mit den genau diesen Daten bei den Empfängern aus? Kann jeder Empfänger der Ortungsdaten diese ggf speichern und auswerten ??? Würde mich wirklich interessieren.

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