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15.08.13Leser-Kommentare

Der Fall Lavabit zeigt, wohin es geht: Vertrauliche Kommunikation in Gefahr

Der Mailprovider Lavabit musste schließen, weil den US-Behörden die strenge Verschlüsselung ein Dorn im Auge war. Der Vorfall könnte den Beginn eines staatlichen Kampfes gegen vertrauliche Kommunikation markieren.

LavabitDie mittel- bis langfristigen Auswirkungen der Leaks von Edward Snowden sind zwar noch kaum absehbar. Fakt ist jedoch, dass mittlerweile viele Steine umgedreht und von allen Seiten genau inspiziert werden, die bisher eher wenig Beachtung fanden. Einer davon ist die Verschlüsselung von Daten auf ihrer Reise durch das Netz. Plötzlich reden alle über die Möglichkeiten der Verschlüsselung (inklusive uns). Clouddienste, Chatmessenger, E-Mail-Provider, technisch versierte E-Mail-Nutzer, Kim Dotcom, FAZ-Politikredakteure und gar die CDU. Selbst wenn dabei verschiedenste Verfahren und Ansätze in einen Topf geworfen werden: Der Gedanke, Informationen zu verschlüssen, bevor man sie an andere Personen schickt oder auf Servern in der Cloud ablegt, ist zumindest in der Theorie so en vouge wie nie zuvor.

Doch die Frage ist, wie lange noch. Denn die Ereignisse um den bis vor wenigen Tagen noch den meisten Internetnutzern gänzlich unbekannten E-Mail-Provider Lavabit lassen erahnen, wie von Sicherheitswahn und Terrorangst getriebene Gesetzgeber am liebsten mit Services umgehen, die sich selbst und damit auch Behörden durch anspruchsvolle Verschüsselungsmechanismen vom Zugriff auf Anwenderdaten ausschließen: sie zur Abschwächung ihrer Sicherheitsstandards oder zur Aufgabe zu zwingen. Lavabit-Macher Ladar Levison hatte seinen unter anderem von Whistleblower Edward Snowden genutzten Dienst kürzlich schließen müssen, nachdem US-Behörden weitreichenden Zugriff auf Kundenmails verlangten. Levison ist es untersagt, über die Details zu sprechen, die ihn zu dem drastischen Schritt bewogen haben, weshalb seine von äußerster Vorsicht geprägten öffentlichen Äußerungen primär aus mehrdeutigen Formulierungen und wagen Andeutungen bestehen. Seinen Aussagen ist aber zu entnehmen, dass er sich einem zweifachen Dilemma ausgesetzt sah: Zum einen hat er keinen Zugriff auf die privaten Informationen, deren Herausgabe Sicherheitsdienste erwarten könnten (zur Entschlüsselung waren bei Lavabit die User-Passwörter erforderlich), zum anderen würde jede Art der behördlichen Überwachung Levinsons erklärtem Ziel widersprechen, die Privatsphäre seiner Nutzer um jeden Preis zu schützen.

Das Vorgehen der US-Ermittler gegen den Anbieter verschlüsselter E-Mail droht zu einem Präzedenzfall für alle US-amerikanischen Anbieter von Cloudservices zu werden, deren Verschlüsselungsverfahren FBI, NSA und Konsorten fallspezifische oder systematische Überwachungsaktivitäten unmöglich machen. Ein anderer Provider verschlüsselter E-Mails, Silent Circle, folgte Lavabit und schloss seine Pforten - rein vorsorglich aus Sorge, dass auch er ins Fadenkreuz der Ermittler geraten und damit zum Bruch an seinem Versprechen an die Kunden genötigt werden könnte.

Verschüsselungsverfahren, die den Zugriff durch Administratoren und Dritte auf auf Webservern abgelegten Daten verhindern, drohen zu einem zentralen Streitpunkt in der anhaltenden Überwachungsdebatte zu werden. Denn sie bieten Anwendern Privatsphäre- und Anonymitätsstandards, die komplett konträr zu den Interessen der Geheim- und Sicherheitsdienste stehen. Indem der Fall Snowden persönliche Verschlüsselungsmaßnahmen ein Stück weit salonfähig macht und von seinem paranoiden Stigma befreit, erwächst Staaten das Problem, dass sich eine zunehmende Zahl an Personen durch konsequente Verschlüsselung der Überwachung entzieht. Die Reaktion der USA auf Lavabit zeigt, was ultimativ die Folge sein könnte: Ein vollständiges Verbot des Betriebs von komplett verschlüsselten Onlineangeboten. Diese Befürchtung artikuliert Måns Jonasson von der schwedischen Domainverwaltung .se. Er sieht in dem Vorgehen gegen Lavabit ein klares Zeichen für den Anfang eines generellen Verbots vertraulicher Kommunikation.

Ein Land allein würde mit einem derartigen Vorstoß freilich nicht viel erreichen. User könnten schlicht auf Dienste in anderen Ländern ausweichen. Mittelfristig wäre es jedoch nicht verwunderlich, wenn einzelne Staaten wie etwa die USA vorpreschen und ihre Verbündeten dazu aufrufen würden, gemeinsam die Komplettverschlüsselung in die Illegalität zu treiben. Dass ein solches Vorgehen am Ende diejenigen träfe, die damit am Durchführen von Greueltaten gehindert werden sollen, ist zwar unwahrscheinlich. Doch Regierungen sind bekanntlich nicht gerade für netzpolitische Kompetenz und Weitsicht bekannt.

Noch raten konservative deutsche Politiker den Bürgern, ihre Daten zu verschlüsseln, wenn sie auf Nummer sicher gehen wollen. Bald könnte ihre Parole aber auch lauten: "Wehe, ihr verschlüsselt".  /mw

Kommentare

  • _heiko

    15.08.13 (06:23:24)

    Eine sehr gute Zusammenfassung der Ereignisse. _heiko

  • Wolfgang

    15.08.13 (08:10:16)

    Dein Artikel beschreibt die drohende Gefahr recht gut. Wir haben ja wirklich ein wesentliches freiheitliches Element zu verlieren: Gedankenfreitheit. Doch wo ist der entsprechend durchgreifende Protest unserer gebildeten Elite? Wo ist ein entsprechendes Manifest jenseits der politischen Parteien zu finden?

  • Marc Fischer

    16.08.13 (17:07:32)

    Leider ist die aktuelle Entwicklung sehr bedenklich. Man fühlt sich im Würgegriff ausländischer Geheimdienste, die unsere Rechte mit Füßen treten. Leider warten wir vergebens auf den Aufschrei. Die Unkenntnis und das fehlende Verständnis des durchschnittlichen Deutschen verhindern das wohl. Ich kann mich allerdings noch sehr gut an den Aufschrei wegen Google Streetview erinnern... Da kann ich nur den Kopf schütteln. Die Politik ist unfähig, die Internet-Infrastruktur in Deutschland kommt ohne ausländische Dienste nicht zurecht und das Volk versteht nicht was geschieht. Beste Voraussetzungen dass sich nichts verändert. Fazit für den besorgten Internet-Nutzer: E-Mails verschlüsseln und die Nutzungsgewohnheiten überdenken und anpassen - und auf das Beste hoffen!

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