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02.05.11

Der Fall Bin Laden und der Twitter-Zeuge: Das Ende der Desinformation

Die Meldung vom Tod Osama Bin Ladens ist das Zusammentreffen der alten und neuen Medienwelt. Nicht mehr länger müssen wir uns allein auf die Worte der Gatekeeper verlassen.

 

Osama bin Laden ist in der pakistanischen Stadt Abbottabad während eines Schusswechsels mit US-Soldaten ums Leben gekommen. Und wie so oft in diesen ereignisreichen Monaten muss man nicht lange suchen, um die aus Sicht des digitalen Wandels relevante Komponente an den Geschehnissen zu identifizieren.

Damit meine ich übrigens nicht die Tatsache, dass wieder einmal Twitter schneller war als die etablierten Medien - das sollte im Jahr 2011 niemand mehr verwundern.

Viel bedeutungsvoller ist die Erkenntnis, dass auch in Gegenden ohne ausgewiesene Durchdringung von schnellen Internetanschlüssen und Social-Web-Diensten nichts mehr passiert, ohne dass die Aufmerksamkeit von vernetzten, mit Werkzeugen zur Echtzeit-Publikation ausgerüsteten Augen- bzw. "Ohrenzeugen" geweckt wird.

Twitter-User Sohaib Athar befand sich in der letzten Nacht in Abbottabad und schilderte in einer Reihe von Tweets die Ereignisse, die - wie auch er erst später erfuhr - im Zusammenhang mit der Intervention der US-Einheiten standen.

Der "Bürgerjournalist" hält sich nicht mehr länger nur am Hudson River, in einem A380 Super-Jumbo oder auf den Straßen von Kairo auf. Mittlerweile ist er überall und trägt seinen Teil zur Informations- und Wahrheitsfindung bei. Egal ob in den USA, in Japan, in Ägypten, im Iran oder in einer pakistanischen Stadt im Vorgebirge des Himalayas.

Die Meldung vom Tod Osama Bin Ladens ist das Zusammentreffen der alten und der neuen (Medien)welt. Auf der einen Seite steht US-Präsident Barack Obama, der vor der Kamera das Ableben des Staatsfeindes Nummer 1 Bin Laden verkündet. Auf der anderen Seite sitzt Twitter-Nutzer Sohaib Athar vor seinem Rechner in Abbottabad und verifiziert mit seinen Vor-Ort-Berichten Teilaspekte der Nachricht.

Die Präsidentenrede ist ein Instrument aus dem Zeitalter der Desinformation. Obama und seine Regierungskollegen repräsentieren die Gatekeeper, die darüber entscheiden, wann und ob die Kunde vom Tod Bin Ladens kommuniziert wird.

Sohaib Athar hingegen stellt das Symbol des beginnenden Zeitalters der Information dar (ob dies Deckungsgleich mit dem Begriff des Informationszeitalters ist, sei einmal dahin gestellt). Auch wenn er die Leiche Bin Ladens nicht selbst zu Gesicht bekommen hat und somit keinen vollständigen Beleg über die Echtheit der Obama-Behauptung abgeben kann, bestätigt er zumindest ungewöhnliches militärisches Treiben in seiner Umgebung und weist darauf hin, dass es sich weder um Taliban noch pakistanische Einheiten handelte. Sicherlich, theoretisch könnte Athar eine erfundene Person sein (Raum für Verschwörungstheorien existiert immer). Neu bei Twitter ist er aber zumindest nicht.

Die Gatekeeper verlieren sukzessive ihre Informations- und Filterhohheit. Für Beobachter des digitalen Wandels ist das keine Neuigkeit. Die Ereignisse der Nacht unterstreichen jedoch die globale Dimension dieser schleichenden, aber mächtigen Revolution.

Je mehr Menschen mit offenen Augen und Ohren sowie einem internetfähigen Mobiltelefon, Tablet oder Notebook durch die Welt gehen, desto schwieriger wird die Aufrechterhaltung von gezielter Desinformation. Das Resultat sind zahlreiche Informationspartikel, die im Idealfall zu einem Zustand der Transparenz führen.

Bisher wird dieser jedoch nur selten erreicht. Die Vorstufe aber - das Zusammentreffen von Informationen aus verschiedenen Quellen, die an den traditionellen Gatekeepern vorbei gehen und ein vollständigeres Bild zeichnen - erleben wir immer öfter. Zuletzt am heutigen Montag.

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