<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

09.02.10

Der Fall "Axolotl Roadkill": Doppelmoral in großem Stil

Passagen des Buchs "Axolotl Roadkill" basieren auf einem anderen Buch, sind teilweise davon abgeschrieben. Die Reaktion der sonst nach stärkstem Urheberrecht Rufenden offenbart Doppelmoral.

axolotl roadkillDie siebzehnjährige Helen Hegemann hat mit "Axolotl Roadkill" ein erfolgreiches Romandebüt hingelegt:

Das Buch stieg auf den vorderen Rängen der „Spiegel“-Bestsellerliste ein; derzeit findet man es dort auf Platz fünf. In dieser Woche wird bekannt gegeben werden, dass es für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Blogger Deef Pirmasens hat nach der Lektüre des Buches festgestellt, dass nicht wenige Passagen daraus aus dem Buch "Strobo" des Bloggers Airen abgeschrieben wurde. Das Buch oder Airen werden in der ersten Ausgabe von Axolotl Roadkill trotz weitreichender Selbstbedienung durch Hegemann nicht erwähnt. Pirmasens über das auffällig unterschiedliche Vorgehen der Autorin:

Das alles ändert freilich nichts daran, dass Hegemann Worte und Ideen von Airen als ihre eigenen ausgibt, da die konkreten Stellen (siehe oben) nicht als Zitat kenntlich gemacht wurden und keine nachvollziehbare Quellenangabe erfolgt. Anders geht sie dagegen mit einem Satz aus David Foster Wallace’ Erzählung John Billy auf S. 193 um. Es ist als Zitat kenntlich gemacht und Ullstein hat beim Verlag Kiepenheuer & Witsch die Erlaubnis eingholt es zu verwenden und darauf mit voller Quellen- und Copyrightangabe auf S. 4 von Axolotl Roadkill hingewiesen. Von Airen hat Hegemann mehr als einen Satz übernommen, dennoch wird ihm keine entsprechende Zitation zuteil. Was soll das?

Pirmasens außerdem im SZ-Interview:

Das Buch endet mit einem Brief der toten Mutter an die Protagonisten. Dafür hat Helene Hegemann offensichtlich den Songtext des Titels Fuck You der Band Archive übersetzt, vielleicht ein oder zwei Wörter geändert und dann verwendent, ohne das Zitat kenntlich zu machen. Ausgerechnet dieser Brief wurde von der Literaturkritik oft zitiert und gelobt.

Nun ist das Verwenden des Materials anderer, wie es in den Reaktionen in FAZ und anderen Publikationen beschrieben wird, nicht so ungewöhnlich. Was allerdings in den Texten nicht erwähnt wird (neben etwa Verbindungen von verteidigenden SPON-Autoren und betroffenem Verlag (via)), ist die diametral andere Sichtweise, die sonst bei Urheberrechtsfragen an der gleichen Stelle an den Tag gelegt wird. Immer wieder wird in FAZ, SZ, Welt, ZEIT und anderen Publikationen gefordert, dass das Urheberrecht stärker geschützt werden müsse.

Tatsächlich findet seit jeher gegenseitige Befruchtung in der Kunst statt. Viele Musiker fangen damit an, Songs von anderen Künstlern zu spielen. Selbst Shakespeare hat sich freimütig bei anderen bedient. Mehr noch: Shakespeares König Lear wäre unter aktuellem us-amerikanischen Copyright so nie erschienen und wahrscheinlich ebenso unter aktuellem deutschen Urheberrecht nicht. Ist das nicht bemerkenswert?

Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass dieser Zusammenhang bei der aktuellen Urheberrechtsdebatte in den Medien praktisch immer unterschlagen wird. Jetzt aber trifft es eine Autorin und ein Werk, dass man mag und schon dreht sich die Haltung in vielen Medien um 180 Grad. Das offenbart vor allem eins: Bei der Urheberrechtsdebatte in den Medien geht es selten um die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen oder darum, wofür dieses Recht überhaupt eingeführt wurde. Es geht um Partikularinteressen: Wir verstehen, warum wir ein gelockertes Urheberrecht als Gesellschaft brauchen, aber wir wollen das nicht, wenn es auch uns betrifft, weil wir damit unsere eigene Grundlage gefährdet sehen (ob das tatsächlich der Fall wäre, steht auf einem anderen Blatt). Auf SPON schreibt Haas, der mit Hegemann den gleichen Verlag teilt:

"Naked Lunch", diese verwegene Drogen- und Wahnsinnsgeschichte, wäre nicht erschienen, wenn ein Verlag sich in Urheberrechtsdebatten verzettelt hätte. Auch Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel", ein vor wissenschaftlichen Exkursen strotzendes Riesenwerk der Postmoderne, wäre vermutlich nie veröffentlicht worden. Wem dieser Vergleich zu entlegen ist, der schaue sich Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder John Dos Passos' "Manhattan Transfer" an: Vom Zeitungsartikel bis zur Werbeanzeige sind die verschiedensten Gebrauchstexte in diesen Gründungswerken der literarischen Moderne verwurstet.

[..]

Wenn dann aber die Risiken eines solchen, nicht mehr selbstherrlich auf Individualität und Originalität pochenden Schreibens deutlich werden, dann fängt das Gezeter an. Es scheint für viele, auch für das Feuilleton, eine große Kränkung darin zu liegen, dass die für gut befundene literarische Provokation eine genuin postmoderne, das heißt aus Versatzstücken montierte ist.

Alles richtig. Und doch, oder gerade deswegen: Das liest man auf SPON? Bemerkenswert.

Angenommen, man sieht es tatsächlich so. Angenommen, wir können uns zusätzlich darauf einigen, dass der Zugang zu und Umgang mit Texten und anderer digital vorliegender Kunst durch das Internet einfacher wird. Würde beides zusammen nicht den Schluss nahelegen, dass eine Lockerung des Urheberrechts gesamtgesellschaftlich wünschenswert wäre, um etwa die Kunst insgesamt zu fördern? Warum ist die vorherrschende Narration in den etablierten Medien dann praktisch ungebrochen das Gegenteil? Und zwar: Stärkeres Urheberrecht, um die Kunst online zu schützen.

Wie gesagt: Dass jeder Künstler auf andere Künstler aufsetzt, ist nichts neues. Im Gegenteil, zu verstehen, wie wichtig das für den künstlerischen Prozess ist - und dass es das eigenbrötlerische Genie, das alles aus sich selbst schafft, nicht gibt -, ist wesentlich, um zu begreifen, warum das aktuelle, viel zu starke Urheberrecht längst nicht mehr Kultur und Künste schützt, sondern nur noch Rechte verwaltende Unternehmen. Tatsächlich behindert das aktuelle Urheberrecht sogar die freie Entfaltung von Kunst und Kultur, wie es heute potentiell möglich wäre.

Kommen wir noch einmal konkret zum vorliegenden Fall zurück. Nun könnte man einwenden, es handele sich bei Hegemanns Verwendung der Passagen aus "Strobo" um einen Remix :

Nun folgt einem ungewöhnlichen Bucherfolg fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf – wobei das heute nicht mehr Plagiat oder Abschreiben, sondern vorgangsgetreu „Copy-Paste-Verfahren“ oder auch Remix genannt wird. Sich mehr oder weniger ungeniert bei anderen zu bedienen und das dann Inspiration zu nennen, ist die moderne Form der webbasierten Intertextualität.

Es besteht aber ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Remix und einem Plagiat. Deef :

Schön, dass sich Hegemann entschuldigt hat. Was sie aber nicht versteht oder verstehen will ist, dass Remixen, Samplen, Transformieren usw. vollkommen in Ordnung gehen, so lange man sich nicht mit fremden Federn schmückt

Kann man etwa weite Teile des oben zitierten Textes der FAZ-Autorin Felicitas von Lovenberg kopieren, als eigene Kreation ausgeben und dann, wenn es auffliegt, behaupten, es sei nur ein Remix gewesen? Nein. Nicht nur ist es juristisch nicht zulässig. Ein Remix weist neben der Rekontextualisierung, die bei Hegemanns Buch zweifelslos gegeben ist, eben auch den Verweis auf die Quelle oder zumindest den offensichtlichen Umgang mit fremden Material auf. Letzteres fehlte in Axolotl Roadkill zumindest in der ersten Ausgabe. Und das ist das eigentliche Problem bei Hegemanns Vorgehen.

Dass hier jetzt all jene der Autorin und ihrem Verlag zur Seite springen, die sonst nicht müde werden, wieder und wieder zu behaupten, dass nur mit einem starken Urheberrecht Kunst, die Presse und überhaupt die Kultur überleben kann, ist an Absurdität kaum zu toppen.

Diese fundamentalistischen Urheberrechtsforderungen, die sich mit Beispielen quer durch die Kulturgeschichte widerlegen lassen, werden mit diesem Fall ein weiteres Mal widerlegt:

  • Denn weder wurde der Blogger Airen geschädigt, erhält sein Buch jetzt doch sogar noch mehr Aufmerksamkeit. (Natürlich erst nachdem all das bekannt wurde. Und genau da liegt der Fehler, den Hegemann begangen hat, nämlich das ursprüngliche Weglassen der Quelle.)

  • Und auch "Axolotl Roadkill" verliert nicht an Lesequalität, nur weil fremde Passagen hinzugefügt wurden.

Damit aber nicht genug: hier springen Publikationen einer nach geltendem Recht schlicht als Urheberrechtsverletzerin zu bezeichnenden Person zur Seite, welche sich sonst bereits an den Teasertexten auf Google News und in Suchmaschinen stören. Das passt schlicht nicht zusammen.

Wenn uns etwas nicht passt, wollen wir stärkstes Urheberrecht, aber wenn uns das Ergebnis gefällt, drücken wir alle Augen zu? Ich bin nicht der einzige, der das, was man in den meisten Medien aktuell liest, mit Verwunderung wahrnimmt :

doch ich frage mich, wie die Geschichte wohl verlaufen würde, wenn „Strobo“ – beispielsweise – von einer TAZ-Autorin geschrieben worden wäre und „Axolotl Roadkill“ – beispielsweise – von einem Blogger.

Wann immer es in den nächsten Wochen und Monaten medial um das Leistungsschutzrecht, Google-Snippets, Urheberrecht im Internet und vermeintliche Piraterie geht, sollte man auf diesen Fall verweisen, in dem sich so offensichtlich wie man es selten sieht die Doppelmoral der deutschen Medien bei der Urheberrechtsproblematik offenbart.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer