<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

23.05.08Leser-Kommentare

Der Experte warnt: "Elektronische Bildschirmmedien machen dumm"

So geht Simpel-Journalismus: Einfach nur einen Wissenschaftler mit pauschalen und umstrittenen Urteilen als Kronzeugen im Artikel auftreten lassen, schon klappt?s auch mit der knalligen These.

Vorlesung an der Berliner Humboldt Universität: Finde den Laptop (Bild Keystone/Franka Bruns)Braucht der Journalist einen, der ihm die 'Politlüge' von der dräuenden Rentnerarmut zerzaust, dann holt er sich eine habilitierte Hilfskraft von der INSM vor den aufnahmebereiten USB-Stick. Dazu ist diese Posaunenkapelle der Arbeitgeber auch da. Braucht der Journalist dagegen jemanden, der ihm - extra tiefgelegt und für jeden verständlich - mit einigen plakativen Thesen erklärt, warum er (oder sie) durch das gute, alte Holzmedium so schlau werden konnte, während draußen im Internet heutzutage alle doof bleiben müssen, dann greift er zu Manfred Spitzer. So, wie jetzt Evelyn Finger von der 'Zeit', die ihn zu "Deutschlands bekanntestem Hirnforscher" emporjazzt.

Der Artikel selbst enthält die üblichen Stänkereien der retardierten Medienmitglieder: dass Studenten immer 'doofer' würden, dass sie sich nicht mehr 'fokussieren' könnten und dass sie nur noch per 'Copy & Paste' zu schreiben verstünden. Man fragt sich, wie diese Dummerles bloß immer wieder durchs Examen rutschen: Sind die Profs auch schon verblödet, gibt's denn überall für ein bisschen Sex bereits gute Noten? Die Bildwelten der Frau Finger sind dabei von einer geradezu surrealen Komik - sie muss wohl lange keinen Hörsaal mehr von innen gesehen haben:

 

"Alltag an der Alma Mater. Bevor die Vorlesung beginnt, haben die Studenten schon ihre Laptops aufgeklappt, und wenn der Professor zu reden beginnt, sind sie schon über den unieigenen Router ins Netz verschwunden: E-Mails checken, Blogs schreiben, Verabredungen treffen. Schnell ein Buch bei Amazon ordern! Mal sehen, was auf eBay gerade für meine alte Comicsammlung geboten wird! ... Kann man Hegels Phänomenologie des Geistes begreifen, während man sich auf StudiVZ tummelt? Hilft es, während eines Hegel-Seminars den Hegel-Eintrag in der Wikipedia zu lesen?"

Donnerwetter, wer hätte gedacht, dass es an Deutschlands Universitäten schon so 'onlinig' zugeht! Kein Wunder, dass 'das Bild zum Text' gar kein Bild zum Thema ist, sondern einem amerikanischen Grabbelkatalog entstammt. Um an derartige Zustände zu glauben, muss man wohl ein ungebildeter Zeitungsleser sein: Ich dagegen kenne zumeist nur Professoren, die ausrasten würden, sobald auch nur ein Handy vor ihrem Katheder bimmelt. Einen Laptop würden sie vermutlich an Ort und Stelle standrechtlich erschießen. Wo also lebt diese Verfasserin - am Newsdesk vielleicht? Frau Finger, draußen spielt das Leben! Hegels 'Phänomenologie', dies nur nebenbei, haben selbst zu Zeiten des Dampfradios nur ganz wenige begriffen - und auch die nicht wirklich ...

Was im Artikel dann folgt, ist eine einzige Eloge auf den bundesdeutschen Hans Dampf der Hirnforschung, auf unseren umtriebigen Professor Spitzer aus dem schönen Ulm, der alle die Defekte und Schäden lange vorausgeahnt hat, die uns das Leben vor dem Monitor bescheren wird: "Negative Bahnungseffekte" sind dabei das Mindeste, was uns droht, sagt jedenfalls dieser Herr, und "elektronische Bildschirmmedien machen dumm". Die solide gedruckte BILD-Zeitung hingegen, so möchte ich als aufmerksamer Thesenprüfer vom Dienst ergänzen, die hat mit ihrer unglaublich gefühlvollen Haptik schon so manchen zum Schriftsteller gemacht ...

Fürs journalistische Handwerk, so lernte ich das noch, möge sich der Berichterstatter vorab schlau machen über den, den er dort interviewen wird. Schon würde er zum Beispiel auf Aussagen wie diese stoßen, die ihm zeigen, dass Manfred Spitzer alles andere als den wissenschaftlichen 'Mainstream' repräsentiert. Er ist - wie bspw. auch der Talk-Runden-Professor Sinn vom IFO-Institut - eher ein 'Medienprofessor' als ein Wissenschaftler aus realen Laborzusammenhängen:

 

"Spitzers neueste Veröffentlichung mit dem reißerischen Titel ?Vorsicht Bildschirm? ... verstärkt die Einschätzung, dass Spitzer nicht nur die Komplexität von Bildungs- und Lernprozessen extrem reduziert, sondern darüber hinaus simpelste Kausalketten konstruiert, die in ihrer Absurdität fast schon (ungewollt) humoristisch wirken. ?Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger [...]."

Ziehen wir dann noch solche und ähnliche Kommentare heran, manchmal auch Pamphlete, so formt sich das Bild eines Wissenschaftlers, der im eigenen Fach umstritten ist, der 'Ergebnisse' eher kompiliert und andere höchst eigenwillig rezipiert, den es dabei massiv in die Medien zieht, wo allerdings auch ein erheblicher altjournalistischer Bedarf für solch krude Thesen besteht, weshalb in beiderseitigem Einverständnis dem Affen Publikum dann ordentlich Zucker gegeben werden kann. Was zu einem harmonischen Verhältnis zwischen Spitzers 'Transferzentrum' in Ulm und der deutschen Presse führt. Vor allem aber - auch der Journalist versteht's:

 

"Wissenschaftliche Fakten über das Gehirn werden anschaulich vermittelt und durch feuilletonistische Beiträge begleitet - ein echtes Lesevergnügen mit viel Wissen und Humor."

Faktisch und gesellschaftspolitisch aber ist Manfred Spitzer das heutige Äquivalent zu einem Ludditen seligen Angedenkens. Oder - netter ausgedrückt - ein Neil Postman der Hirnforschung. Der revolutionäre Sozialkonservatismus seiner Thesen ist unübersehbar, wie diese für Frauen quasi das Berufsbild einer 'Internetsekretärin' entwickelt, die dem Herrn Professor dann die schönsten Funde ergoogeln darf:

 

"Da Mädchen einen 'geringeren Testosteronspiegel' und ohnehin qua Geburt soziale und kommunikative Stärken haben, sollte man sie verstärkt ans Internet lassen. Jungen dagegen nicht, weil die nur ballern, verbotene Spiele runterladen und allerlei anderen visuo-akustischen Unsinn treiben".

Werbung für \&quot;Grand Theft Auto IV\&quot; in Los Angeles: Computerspiele werden mittels vorab gefassten Thesen zurechtgefingert (Bild Keystone/Reed Saxon)Ich dagegen finde es ausgesprochen ärgerlich, dass die Holzmedien einige gute Ansätze, die es bei ihnen manchmal ja auch gibt, im Handumdrehen durch solche Artikel wieder konterkarieren, wo sie mit dem publizistischen Holzhämmerchen daherargumentieren. Um zu zeigen, was stattdessen im Bereich der Berichterstattung über Computerspiele und jugendliches 'Monitorverhalten' (das übrigens so 'jugendlich' gar nicht mehr ist) möglich wäre, verlinke ich hier einfach mal diesen Artikel aus der taz. Dort hat man es nicht nötig, das Thema 'Computerspiele' mittels einer vorab gefassten These 'zurechtzufingern' - und interessant klingt es trotzdem:

 

"GTA IV" ist dabei schlau und bissig und wohl auch deshalb ein Dorn im Auge der Videospielgegner: Die Spieler verstünden doch die ganzen Anspielungen nicht, es gehe darum, möglichst viel zu metzeln. "Quatsch, sagt Houser. Natürlich verstehen die Spieler, worum es in "GTA IV" geht." Auch die Amerikaner: "Es sind nicht die Amerikaner, die verblödet sind, es sind ihre Medien, die für Idioten gemacht sind. Die Welt von GTA ist das, was Amerika wäre, wenn man seinen Medien glaubte", sagt Houser: "Gewalttätig, ängstlich, von Sex besessen und vernarrt in Waffen."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Wolf-Dieter Roth

    23.05.08 (14:13:25)

    Na die "Holzmedien" sind nicht mal die Krassesten unter denen, die solchen Unsinn verbreiten. So wie Wim Wenders in "Bis ans Ende der Welt" mit massivem Hightech-Aufwand (damals erste HDTV-Videokameras statt normalem Film) gegen Hightech gewettert hat, ist es auch très chic unter den Online-Alphajournalisten und selbsternannten "Medienwissenschaftlern", online gegen die Verdummung durch Online zu wettern oder ein ganzes Buch lang gegen den durch Google verursachten Copy-&-Pastismus zu wettern, Quelle: Google-Recherchen, was sonst? Aber die Lösung ist doch einfach: Wenn "elektronische Bildschirmmedien" verblöden, muß man halt nichtelektronische Bildschirmmedien oder elektronische Nichtbildschirmmedien verwenden! :-))))))

  • Martin Rath

    23.05.08 (18:02:03)

    In Bamberg verwirren sich demnächst sogar brave Hegelianer in den Verstrickungen des Netzes: http://www.bamberger-hegelwochen.de/ Mit bei der "Hegelwoche 2008": * Professor Dietrich Dörner * Bischof Wolfgang Huber (Ernst Rudolf H. filii) Die zwei gehören womöglich auch auf die Liste der 'üblichen Verdächtigen'? --------------- Angesichts der hier gelegentlich anzutreffenden Kommentar-Trolle wäre es schön, auch in den Beiträgen selbst etwas weniger unfreundliche Töne anzuschlagen: Professor Eekhoff zur "habilitierte(n) Hilfskraft" zu erklären, ist heikel, wenn nicht ehrabschneidend justiziabel. Schließlich fristen als habilitierte Hilfskräfte eher jene armen Menschen ihr Dasein als Redakteure oder Taxifahrer, die nach ihrer garantiert copy-paste-freien HB-Arbeit kein "Ruf" ereilte.

  • Klaus Jarchow

    23.05.08 (18:58:38)

    @ Martin Rath: Zunächst einmal kann jemand nur 'habilitiert' werden, wenn ihn als würdigen Menschen eine Kommission vor ihre Schranken zitiert: "Der Habilitand wird habilitiert (habilitatus), in der Regel von der Fakultät oder einem Vertreter und auf Vorschlag einer Habilitationskommission". Man kann 'sich selbst' also gar nicht habilitieren, ebenso wenig wie man sich einen Heiligenschein kaufen könnte - der 'habilitierte Taxifahrer' ist somit eine Chimäre, denn dann hätte ihn irgendwann ja schon ein 'Ruf' ereilen müssen. Ob später eine 'ordentliche Professur' oder auch nur eine 'venia legendi' dabei herausschaut, ist wiederum eine zweite Frage. Die werte Professorenschaft aber ist - luhmannesk formuliert - 'ein sich über die Habilitation selbst ergänzendes System'. Das Wort 'Hilfskraft' wiederum bezieht sich darauf, dass hier jemand als gberufener 'Experte' zum Sukkurs oder 'zu Hilfe' eilt, sobald es gilt, eine kühne journalistische These aus dem medial so beliebten neoliberalen Denkschatzkästchen zitierfähig mit einem akademischen Ritterschlag zu adeln. Daran allein ist ja nichts Ehrenrühriges oder Stigmatisierendes zu entdecken. Eine 'Hilfskraft' ist ja schließlich kein 'Hilfsarbeiter' ... Soweit wie andere aber, den Herrn zu den "Mietfedern und Mietmäuler(n)" der INSM zu rechnen, wie jener Kollege dort, so weit sollte man in meinen Augen nicht gehen. Denn das impliziert immerhin, dass der Mann für seine Texte Geld bekäme. Davon kann der Schreiber aber naturgemäß nichts wissen ...

  • arbiter

    23.05.08 (22:05:04)

    Spitzner hin oder her, da wird neulich DIE ZEIT für ihr Extra übers Web gelobt, und schon folgt der Tritt vors Schienbein. Dabei hat Spitzner durchaus seine Meriten, auch wenn er eher einem konservativen Weltbild an- und nachhängt, das sich ja nicht unbedingt in seiner Wissenschaft widerspiegeln muß. Allerdings neigt er dazu, mit der Hypothese auch das Ergebnis vorweg zu nehmen. War jedenfalls ganz interessant, zu beobachten, wie er mittels Hirnforschung der von Weiblichkeit beanspruchten emphatischen Überlegenheit heimgeleuchtet, den maskulinen Wesen deutlich mehr von solcher Emphatie zugerechnet hat. Es gibt durchaus seriöse Studien, die dem Glotzophon und seinen Verwandten, zu denen im weiteren Sinne auch das Web gerechnet werden darf, akribisch einen Verdummungseffekt nachweisen. Nur sind solche Monitor-Abhänger gewiß keine Konsumenten für auch nur irgend ein Holzmedium. Ketzerisch könnte man ja auch froh sein, daß der Monitor Ersatzfunktion für Alk, Stoff, Dope und Zoff abgibt, also eine durchaus soziale Komponente für sich beanspruchen darf. Dann wären da noch Gewaltvideos und ihre PC-Spielvarianten. Muß also niemand Wissenschaftler, Prophet oder Journalist sein, um für einen bestimmten Protzentsatz dieses Milieus Verdummung auszurechnen. Schwieriger wirds schon bei der Frage vorher/nachher. Wie Evelyn Finger das alles am Leser vorbeifingert, nur um ihrer Hypothese einen Wahrheitsgehalt anzufriemeln, das mag Kunst sein. Mit Journalismus, mit Bericht über Realität der künftigen Eliten und des im Leben angekommenen "Fußvolkes" hat das nichts zu tun.

  • Martin Rath

    24.05.08 (07:36:35)

    @ Klaus Jarchow: Besten Dank für die geflissentliche Auskunft. Was gewiss nicht geht:XY hat sich zum Doktor der YZ promoviert. Bürgert sich aber langsam ein. Finde ich nicht schön, lässt sich aber kaum verhindern. Ziemlich geläufig sind hingegen professorale (Selbst-) Auskünfte wie: A wurde an an der Akademie der Irrelevanz zum Doktor der Blogtrollogie promoviert und habilitierte sich an der Immanuel-Kant-Universität mit einer Arbeit über Allgemeinplätze im politischen Feuilleton. Den Chimären-Anwurf gebe ich gern an die Damen und Herren Sprachnutzer weiter. Im Übrigen ist es mir ziemlich wurscht, ob und wie Du habilitierte, promovierte oder anderweitig vergeistigte Zitiertkartellisten, Kampagnenknechte und 1-Minute-30-Zuträgler schmähst, wenn's dann aber in den Kommentaren schmähend und kreischend zugeht, als marschierte ein Kommando Korsakow-Kosaken ein, dürft Ihr Euch hier nicht beklagen.

  • Klaus Jarchow

    24.05.08 (08:30:26)

    @ arbiter: 1. Wieso? - die widersprüchliche redaktionelle Politik der ZEIT in Sachen 'Internet' habe ich im Text oben selbst erwähnt. 2. Wenn der Herr Professor die 'gefühlige Geschlechterdifferenz' anderswo tatsächlich bestritten haben sollte, stellt er hier seine Ansicht dann nicht wieder in Frage? Wo er plötzlich nur noch Frauen aufgrund ihrer ausgeglichenen Gefühlslage ins Internet lassen möchte (wie oben angeführt)? Das wiederum hieße für mich: Heute weiß ich's, morgen schwärz' ich's. Wäre das dann eher Wissenschaft oder Politik? 3. Ist es der Monitor oder das, was gesendet wird, was blöd macht? @Martin Rath: Solange einige Holzmedien aus vollen Rohren gegen 'Online' böllern, fällt es mir 'aus informativen Gleichgewichtsgründen' schwer, mit Wattebäuschchen oder Kamelle zu werfen.

  • arbiter

    24.05.08 (11:34:39)

    @ KLAUS JARCHOW: Als Leser rollen sich mir die Zehennägel auf, wenn Zeitungsleute von "Politik" reden, die sie machen. Ja, sie tuns. Nein, es steht ihnen nicht und nie zu! zu 1. Repetitio est ..., und sorry, daß ichs anders formuliert habe. zu 2. Herr Professor hat und hat dazu sehr ausführlich gearbeitet und den Emphatikern durchaus bemerkenswertes gesagt. Doch ist das ja nicht Gegenstand des ZEIT-Artikels. zu 3. Entscheidend ist, was rauskommt. Zu jeder Krankheit gehören Symptome, und wie in der Medizin scheint hier auch Kurieren an Symptomen Allheilmittel. Im Gegensatz zur Medizin wäre allerdings kausale Therapie möglich, obwohl sie gar nicht gewünscht ist. Ob diejenigen, die was reinstecken ins Rechteckige, blöd sind? Zumindest sind sie geschäftstüchtig. `Informative Gleichgewichtsgründe´, das hört sich nach Political correctness unter Holzhackern an. Klar verdient ein grober Klotz einen groben Keil. Muß es immer gleich auf dem Niveau der "anderen" sein. Vielleicht geht ja auch `hart in der Sache, konziliant im Ton´?!

  • Frank

    24.05.08 (15:34:26)

    Ein lügendes Mietmaul ist und bleibt ein lügendes Mietmaul, ob mit Doktortitel oder ohne, ob habilitiert oder nicht. Nein, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: ich halte es schlicht für unredlich, wenn bezahlte PR-Leute nach außen hin als neutrale Wissenschaftler auftreten und dies von den entsprechenden Lei(d)tmedien, die ihnen eine Plattform bieten, auch noch stillschweigend unterstützt wird. Von daher frage ich mich ebenfalls, Herr Rath, warum man da in der Kritik sonderlich rücksichtsvoll sein sollte.

  • arbiter

    24.05.08 (23:48:42)

    @ FRANK: Ob der neugierige Pilatus für seine Habilitation wissen wollte "Was ist Wahrheit"? Natürlich macht es keinen Unterschied, ob gutachterliches Fazit wg. Geld oder wg. Gesinnung dem Auftraggeber geschuldet ist. Verdient auch keine Schonung. Dennoch, es gibt Sprachverhalten am Rande des Abgrundes, wenns nämlich gegen simple Anstandsregeln verstößt oder gleich strafrechtliche Tatbestände generiert. Beides ist so überflüssig wie `n Kropf. Muttersprachen der Vaterländer haben die vorteilhafte Eigenschaft, allerhand Ausdrucksmöglichkeiten anzubieten, ohne daß Anstand und Recht auf der Strecke bleiben. @ MARTIN RATH: Na, wenn Bischof Wolfgang Huber bei der Hegelwoche nicht ein Fortschritt im Glauben ist, dann ist Erwin Huber einer bei den Verlusten der Bayerischen Landesbank. Da lobe ich mir doch die Klarheit des Web selbst noch für Verquates.

  • tb.book

    25.05.08 (11:51:35)

    Nachdem in den Präliminarien alle Form- Anstands- und Umgangsfehler abgearbeitet scheinen, wäre es nicht uninteressant, sich dem inkriminierten Artikel und der Jarchow-Lesart tatsächlich anzunehmen: Angenommen, Evelyn Finger wollte ihre provokante Bilderwelt der Studentenherrlichkeit als Futur II verstanden wissen, und es sieht alles danach aus, dann käme ihrem Artikel eine völlig andere Bedeutung zu, macht die Titelzeile "Verzettelt im Netz" einen Sinn. Weiter angenommen, Prof. Spitzer hätte sich nicht zur Ausgangshypothese der Frau Finger direkt geäußert, wofür alles spricht, wird er hier zu unrecht beschimpft und als "Mietmaul" diffamiert. Ein Lehrbeispiel für Spekulationsjournalismus? Ja, und das auf beiden Seiten! Evelyn Finger konstruiert ein Uni-Szenario, um das aus Spitzers Werk herausgelesene Gefährdungspotential monitorgebundener Informationsangebote zu veranschaulichen. Der Haken: Spitzer hat sich in den 90er Jahren mit derartigen Potentialen auf Kinder im Alter bis zu ca. 10 Jahren bezogen. Die so via Monitor abgestürzten Kids erreichen eben nicht die Hörsäle. Frau Finger stürzt durch die Maschen ihrer Handarbeit, weil sie mit ihrer Prämisse die Bestätigung vorweg nimmt. Kritik des Journalistenkollegen stürzt nicht weniger ab. Klaus Jarchow läßt keine Gelegenheit aus, den Holzmedien eins auf die Mütze zu geben. Da kommt so eine Frau Finger ihm gerade recht. Klar, letztlich bestimmt der Adressat Sinn des an ihn gerichteten Wortes, Inhalt der ihm zugedachten Wortgebilde. Und mit der gleichen Akribie, in der Fringer Spitzer für ihre vorurteilsbeladene These vereinnahmt, haut ihn Jarchow für seine These wider die Holzmedien in die Pfanne. Dabei macht es keinen Unterschied, ob rein Vorurteil, oder doch nur Pawlow. Das alles ließ sich unter der Überschrift "Verzettelt im Netz" abtun, allenfalls mit Heinz von Förster kommentieren: `Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.´ Journalistische Wahrheiten sind scheinbar aber stets anders gelogen. Klaus Jarchow bietet nämlich noch als krönendes Muster einen Link zur taz für Exemplarisches. Und siehe da, der Spieleerfinder Houeser hat spielerisch recht, wenn er behauptet, die Amerikaner wären "gewalttätig, ängstlich, von Sex besesssen und vernarrt in Waffen". Gewalttätigkeit von Guantanamo bis Abu Ghoreib, ängstlich auf 13 Geheimdienste bedacht, Sex bis zu Präsidentenreißverschlüssen und mit Spermaspuren lustvoll konservierten Abendkleidern, vernarrt in Waffen, mit denen alle 20 Minuten ein amerikanischer Zivilist entsorgt wird. Obwohl Meister Houser genau um diese Sachverhalte seine Computerspiele konstruiert, dies ausdrücklich betont, behauptet die taz, Amerika sei anders. Und 22 Millionen Mal geht Housers um genau seine Thesen gebautes Game im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten über den Ladentisch. Houser behauptet, am liebsten beschäftige er sich mit Doppelmoral und Scheinheiligkeit, natürlich in den Games. Dann behauptet er noch, es gäbe keine medienkonsumierenden Idioten, sondern Idioteninhaltsmedien würden gemacht. Welch herrliche scheinheilige Doppelmoral! Erst die Wundertüte mit Idiotenkram füllen und dann behaupten, nur Intelligenzbestien fressen daraus. Dieser Artikel muß also herhalten für den pfleglichen Umgang mit der neuen Technikwelt. Das Fazit daraus könnte lauten, Frau Finger folgt ihrem Vorurteil, benutzt es zur Meinungsmache via Papier, und im Zeitalter der schnellen Medienwelt folgt Klaus Jarchow seinen Vorurteilen, bedient sie gleich mit zwei Artikeln zur Übermittlung seines Meinungsanspruchs. Am Schluß aber, und das scheint das Verblüffende daran zu sein, unterscheiden sich Holzmedienjuournalismus und Web-Journalismus nicht wirklich. Haben erst die Verleger das begriffen und dann noch den Königsweg zur Gewinnerzielung fürs Web endlich gefunden, wird das Web zu einer noch schlimmeren Nachrichtenwüste werden, als es die Holzmedien heute sind. Übrigens, die Verleger wissen zumindest letzteres.

  • Klaus Jarchow

    25.05.08 (13:01:33)

    @ tb.book: Beim Futur II handelt es sich um eine grammatische Form, die problemlos zu erkennen ist, dort, wo sie angewandt wird. Ich kann aber in Frau Fingers Text weder Futur I noch Futur II entdecken. Insofern konstruieren auch Sie sich ein argumentatives Plateau, um von daher eine vorgebliche Gleichwertigkeit beider Positionen konstatieren zu dürfen. So ist das eben mit Heinz von Foerster, mit seiner Kybernetik zweiter Ordnung und dem allgegenwärtigen Konstruktivismus: Wir alle sind gemeint. Mein Wüten 'gegen die Holzmedien' relativiert sich - dies erst einmal vorausgesetzt- übrigens rasch: Ich habe der 'Zeit' nachweislich gute Ansätze bescheinigt, darauf sogar verlinkt, und zum Schluss ein leibhaftiges Holzmedium zustimmend zitiert. Was Sie wiederum nicht unwidersprochen lassen konnten. Und das Wort 'Mietmaul' habe ich erstens nicht verwandt - und zweitens bezog sich dieses Zitat des 'Spiegelfechters' nicht auf Manfred Spitzer, sondern auf die Expertokratie der INSM. Nebenbei bemerkt: Hier, wo ich gerade sitze, bin ich von annähernd 5.000 'Holzmedien' umgeben, womit ich Bücher meine. Sollte ich tatsächlich eine Allergie gegen Zellstoff haben, dann müsste ich doch wohl täglich ein halbes Kilo Cortison fressen ... Meine Aversion, ob Sie's mir nun glauben oder nicht, die richtet sich allein gegen eine gewisse journalistische Schnellfertigkeit beim Tippen und Denken, sie wendet sich gegen das neuerdings aufgekommene McDonalds-Prinzip im Journalismus. Ein Rendite-Phänomen, das Verleger auch gern als 'modernen Qualitätsjournalismus' bezeichnen - mit der Betonung auf 'modern'. Allenfalls für diesen modernen Qualitätsjournalismus hätte Frau Fingers Text zu einem schönen Beispiel werden können (Futur II).

  • tb,book

    25.05.08 (18:10:01)

    @ KLAUS JARCHOW: Huch, was bitte hat ISNM und deren Experte mit Fingers Artikel zu tun? Ungefähr soviel, wie neulich F.J. Wagner als Armutsrelativierer? Also geht es hier gar nicht um besagten Artikel? Hier kriegt auch nicht Spitzer ordentlich die Pfanne über den Dez, wird nicht "Medienwissenschaftler" geheißen, wird auch sonst nicht zerfleddert. -(Vermutlich weiß er nicht einmal, zu welchen Ehren er in Fingers Artikel gekommen ist.) - Und die zum Artikel gestellte Fotomontage samt Intro nehmen also keine Zukunft welcher grammatischen Ordnung auch immer vorweg? Und das alles bleibt außen vor, um eine gewisse Aversion gegen eine gewisse journalistische Schnellfertigkeit beim Tippen und Denken und das daran gebundene Renditephänomen der Verleger zu geißeln? Solche Replik ist mir zu simpel. Spitzer hin oder her, einige seiner Arbeiten schätze ich, andere mag ich gar nicht, für die Art, wie ihn Frau Finger aufbereitet, kann er nicht. Auch läßt sich kaum annehmen, sie denkt so wie sie denkt, weil sie dabei immer zuerst und zuletzt an das Renditephänomen und oder den modernen Qualitätsjournalismus à la Verlegerdefinition denkt. Außerdem hat es ja durchaus etwas für sich, wenn ein Blatt, anstatt monolithisch eine Meinungsschiene zu bedienen, auch den Abdruck anderer Meinungen zuläßt, wäre doch lineare Durchgängigkeit eher Verrat am Auftrag der Überparteilichkeit. McDonald-Journalismus hat spätestens seit Axel-Caesar Konjunktur und zieht über den Boulevard jetzt auch in seriösere Produkte ein. Die Simplifizierung der Techniken bedeutet schließlich Vereinfachung über Schematisierung, was letztlich in Uniformität endet. Gutes Beispiel sind dafür die neueren Relounches in Regional- und Boulevardblättern unter Verantwortung immer ein und desselben Teams: McKinsey für Newspapers. Gegen Zellstoffallergie hilft notfalls ja auch Feuerchen oder ein schlichtes Antihistaminikum. Das erklärt freilich nicht, wieso Sie dem Holzmedium Zeitung/Zeitschriften seinen baldigen Tod unermüdlich prophezeien und den `Sieg´des Web herbeibeten, nicht einmal, wenn für beides der Wunsch Vater des Gedanken ist. Na ja, dann beanspruche natürlich auch ich als Empfänger all der netten Wörter meine Meinungs- und Deutungshoheit, selbstverständlich in Abhängigkeit vom Befinden der Gattin, Wasserstand des Po, Tidehub, Wetter, Religion, politischer Tagesaktualität und dergleichen. Weil aber diesseits das Wort der gesamten Diskussion galt, bewußt mit keinem @ versehen war, ist es nicht unbedingt notwendig, jeden Einwand gleich persönlich zu vereinnahmen, es sei denn, der Schuh paßt. Zumindest ergibt das aber Denkfutter, vielleicht auch Diskussionsstoff. Da will ich nicht meckern.

  • dummyblogger

    26.05.08 (14:47:53)

    Nur am Rand (die Spitzer-Kritik begrueße ich ja): Die umfassende Belehrung an Martin Raths Adresse, man könne sich nicht selbst habilitieren, ist ueberfluessig wie ein Kropf. Er hat nirgends in seinem Kommentar etwas anderes behauptet. Noch ärgerlicher wird die Belehrung aber hier: "- der ?habilitierte Taxifahrer? ist somit eine Chimäre, denn dann hätte ihn irgendwann ja schon ein ?Ruf? ereilen müssen." Was fuer ein Unsinn. Selbstverständlich werden etliche Wissenschaftler habilitiert, ohne danach jemals einen Ruf (kann man gerne auch ohne Anfuehrungszeichen schreiben) auf eine Professur zu erhalten.

  • tb.book

    26.05.08 (15:47:56)

    Schön und gut, wo aber all das in der 5.000-Holzmedium gesammelte `Wissen´ unterbringen, wenn nicht hier im Blog? Vielleicht nur Journalismus alter Schule: 10 eigener Text, 30 % Zitate, 50 Prozent Meinungskommentar und dann noch für 10% anderen besserwisserisch die Zunge herausstrecken. Aber sieht hübsch `viel´ aus.

  • Klaus Jarchow

    26.05.08 (18:15:59)

    @ TB.BOOK: "10 eigener Text ... 50 Prozent Meinungskommentar und dann noch für 10% anderen besserwisserisch die Zunge herausstrecken" - das macht nach Adam Riese schon satte 80 % an eigenem Text. @ dummyblogger: Ich zielte darauf, dass für eine Habilitation der Kandidat auf Vorschlag von XYZ vor eine Habilitierungskommission 'gerufen' werden muss, wo er seine 'Habilitation' vorstellt und sich einem Kreuzverhör durch die künftigen Kollegen stellt. Dass jemand wiederum von einer solchen Kommission habilitiert wird, erfolgt in der Regel nur dann, wenn er schon ein ganze Menge an Lehr- und Forschungserfahrung sammeln durfte. Aus einer promovierten Lehrkraft wird irgendwann die habilitierte Lehrkraft, die ihre 'Lehrbefähigung' und die 'Fähigkeit zur eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit' über viele Semester schon nachgewiesen hat, die also längst 'im Geschäft' ist. Aber ich gebe gerne zu, dass der 'habilitierte Taxifahrer' keine blanke Unmöglichkeit, sondern auf freier Wildbahn nur höchst selten anzutreffen ist.

  • Klaus Jarchow

    26.05.08 (18:17:04)

    Sorry - Rechenfehler, es sind nur 70 Prozent.

  • Wolf-Dieter Roth

    26.05.08 (18:26:35)

    Die meisten Taxifahrer ereilt schon bald ein Ruf... ("Taxi! Haaallooo Taaaaxiiii!!!") Achja, warum sitzt der Journalist 8und Blogger) im Taxi immer vorne links?

  • Klaus Jarchow

    26.05.08 (18:28:46)

    Vielleicht, weil ihn ein Ruf aus Cambridge ereilte? ;-)

  • tb.book

    26.05.08 (22:55:22)

    @ KLAUS JARCHOW: Ja, nicht wahr, sieht nach richtig viel aus.

  • dummyblogger

    27.05.08 (23:58:34)

    Klaus, diese Qualifikationen bestreitet niemand, es ändert nichts an der sachlich falschen Belehrung. Ich will das hier nicht vertiefen, aber Deine Belehrung an Martin Rath war gruendlich uninformiert. Offenbar nimmst Du an, Habilitierte bekämen später so gut wie immer einen Ruf auf eine Professur, weil sie sich schon bewährt haben. Dieser Schluss ist völliger Unsinn, leider, Du weißt hier einfach nicht, wovon Du redest. Bei den Privatdozenten (das sind Habilitierte) fängt das Spiel mit den gescheiterten Existenzen erst richtig an, etliche Privatdozenten werden im ganzen Leben auf keine Professur berufen. Und nein, die venia legendi zu erhalten, heißt *nicht*, eine Professur zu erhalten.

  • Sven

    29.05.08 (16:35:24)

    Bin schon ein wenig ab vom Schuß, möchte aber einen Link aus dem Deutschlandradio-Feuilleton sponsern: http://tinyurl.com/532krb "Das aktuelle Getöse gegen das Böse, das aus dem Internet kommt, ist verlogen. Den Lautsprechern dieses Feldzugs geht es in Wirklichkeit darum, auf einem Medienmarkt, in dem ihre Zeitungen immer mehr an Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit auch durch eigenes Versagen verloren haben, die alte Autorität, ihr Monopol auf Information und Deutung wieder herzustellen. Sie träumen öffentlich davon, dass ihre Blätter den Menschen wieder verbindlich sagen, was in der Welt geschehen ist und was sie davon zu halten haben. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ein immer noch wachsender Teil des Publikums keine Lust mehr hat auf die Inszenierungen publizistischer Meisterdenker." Oder kurz: Jammern, weil der Urnenpöbel keinen Bock mehr 0815-Holzmedien hat.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer