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07.11.14Leser-Kommentar

Der Apple-Pay-Effekt: Jetzt wollen alle das Smartphone zur Geldbörse machen

Apple Pay ist erst seit wenigen Wochen in Betrieb, doch die Effekte sind bereits weitreichend. Eine gesamte Branche profitiert von der Sogwirkung des Vorstoßes, zahlreiche Giganten wollen mitmischen. Selbst ein konservativer Akteur wie Payback wittert seine Chance.

Mobiles BezahlenDer Herbst 2014 dürfte in die Geschichte der Digitalwirtschaft eingehen: als Moment, in dem aus dem Smartphone eine mobile Brieftasche wurde. Freilich steht diese Transformation schon seit Jahren im Raum. Doch erst jetzt, mit dem USA-Debüt von Apple Pay, entsteht die notwendige Sogwirkung und ernsthafte Partizipation von Konsumenten, Konzernen und Händlern, um aus der Idee Wirklichkeit machen zu können.

Seit der Vorstellung von Apple Pay Mitte September ist viel passiert. So erhielt erstmals das Konsortium MCX große Aufmerksamkeit, ein Zusammenschluss verschiedener amerikanischer Handelsketten und Unternehmen, die unter dem Namen CurrentC schon seit längerem einen eigenen mobilen Bezahldienst entwickeln. Dummerweise ist das Angebot, das die hohen Transaktionsgebühren von Kreditkartenzahlungen eliminieren möchte, aber noch nicht fertig. Einige Ketten mit Verpflichtungen gegenüber MCX, wie CVS und RiteAid, haben sich deshalb dazu entschlossen, das Bezahlen mit Apple Pay über ihre NFC-Terminals vorläufig zu blockieren.

 

Selbst wenn CurrentC im aktuellen Entwicklungsstadium aus Konsumentensicht nicht sonderlich anziehend wirkt, beginnt in den Vereinigten Staaten jetzt ein Wettkampf der Giganten um die Vormachtstellung im Mobile-Payment-Segment.

Unerwarteteter Profiteur der Ereignisse ist auch Google. Dessen schon 2011 lancierte Smartphone-Geldbörse Google Wallet konnte laut einem Bericht von Ars Technica das wöchentliche Transaktionsvolumen um 50 Prozent steigern und die Zahl der Nutzer auf Monatsbasis verdoppeln. Wie Apple Pay nutzt Google Wallet NFC zur Datenübertragung. Die Kompatibilität der Händler-Bezahlinfrastruktur mit den zwei Systemen variiert. Sofern aber ein NFC-Terminal installiert ist und Apple Pay unterstützt wird, bestehen gute Chancen, dass auch der Einsatz von Google Wallet möglich ist. Der Service unterstützt nämlich anders als Apple Pay nicht nur ausgewählte sondern alle gängigen Kredit- und Debitkarten.

PayPal und Klarna wollen nicht tatenlos zuschauen

Beim Aufstieg von Apple Pay zum Medienstar und Zentrum der Aufmerksamkeit möchte PayPal, ein anderer Payment-Riese mit weitreichenden Ambitionen, nicht tatenlos zuschauen. Der gerade von der bisherigen Muttergesellschaft eBay in ein unabhängiges Unternehmen ausgegliederte Dienst hat in den USA eine App entwickeln lassen, die das mobile Bezahlen bei demnächst allen Burger-King-Filialen erlaubt. Das Besondere: Die Anwendung unterstützt einen ebenfalls neuen PayPal-Service namens "Pay-After-Delivery", der Verbraucher für erworbene Güter und Dienstleistungen erst 14 Tage später zur Kasse bittet. PayPal bringt damit den vom Versand- und Onlinehandel bekannten Rechnungskauf in Verbindung mit mobilem Payment in den stationären Handel - ohne dass eine Kreditkarte notwendig ist, denn PayPal erlaubt bekanntlich das Aufladen von Guthaben per Bankeinzug.

Noch ist Pay-After-Delivery nicht im deutschsprachigen Raum verfügbar. Ein anderer Protagonist, der an dieser Stelle genannt werden muss, hat sich in diesem Segment aber bereits breitgemacht: Der schwedische Bezahldienstleister Klarna, mit 1.200 Mitarbeitern mittlerweile seinerseits ein richtiges Schwergewicht, ist mit Rechnungskauf “as a Service” für den E-Commerce groß geworden. Jetzt fokussieren sich die Stockholmer, die sich Ende 2013 die deutsche Sofort AG einverleibten, mit aller Kraft auf Mobile Commerce. Mit Klarna Checkout bietet das Unternehmen eine simple, für mobile Geräte optimierte Checkout-Lösung, die nach Vorstellung von CEO Sebastian Siemiatkowski mittelfristig auch für den Erwerb von Bustickets, digitalem Content und anderen nicht materiellen Gütern zum Einsatz kommen soll.

Klarna, das Deutschland neben den USA zu einem seiner Kernmärkte auserkoren hat, dürfte ein Grund für PayPals Einführung von Rechnungskauf-Features sein. Gleichzeitig konkurrieren die Nordeuropäer ihrerseits mit Apple Pay. Denn Apples neuer Service besteht aus zwei Komponenten: dem Bezahlmodul zum Einkaufen am “Point of Sale” - also an der Kasse in einem stationären Geschäft - sowie einem Mobile-Commerce-Modul zum Online-Erwerb von Produkten und “offline” ausgeführten Dienstleistungen (in Abgrenzung zu In-App-Käufen via iTunes, mit denen digitaler Content und digitale Services erworben werden). Mit One Touch Payment bietet PayPal ebenfalls einen Service, der Einkaufen auf dem Smartphone bei unterstützten Websites erheblich vereinfacht.

Grenzen zwischen Mobile Payment und Mobile Commerce verschwimmen

Noch gibt es klare Unterschiede zwischen mobilem Einkaufen an der Kasse eines Geschäfts (“Mobile Payment”) und mobilem Bezahlen von Gütern oder Dienstleistungen, die “online” eingekauft werden (“Mobile Commerce”). Es ist aber davon auszugehen, dass diese Grenzen sukzessive verschwimmen werden. Ob Verbraucher im physischen Shop abgeholte Einkäufe an der Kasse bezahlen oder kurz davor am Handy vom Strand aus, ob sie Waren direkt mitnehmen oder sich später zuschicken lassen, ob sie Essen zum Mitnehmen bei Ankunft im Restaurant bestellen oder schon eine Stunde vorher aus dem Büro - die erforderlichen Transaktionen werden immer häufiger über das Smartphone ablaufen - unter Einsatz der Zahlungstechnologie, die im jeweiligen Szenario am geeignetesten erscheint. Geht es nach den Verbrauchern, wird sich hierbei die Technologie durchsetzen, die ihnen zu besten Konditionen sämtliche Entscheidungs- und “Tipp”-Arbeit abnimmt, und die gleichzeitig in Sachen Sicherheit und Datenschutz bestmögliche Leistungen erbringt.

Payback, der heimliche Joker

Der Optimismus und Tatendrang, der mittlerweile die Verwandlung des Smartphones in ein elektronisches Portemonnaie begleitet, sorgt selbst bei sonst eher konservativen Akteuren für Begehrlichkeit und Beweglichkeit: Laut einem Bericht der WirtschaftsWoche arbeitet das seit 2011 zu American Express gehörende Münchner Bonus-Programm Payback an einem eigenen Smartphone-Bezahlsystem. Während es eigentlich keinen Grund gibt, von den Süddeutschen große technische oder konzeptionelle Würfe zu erwarten, ist Payback mit laut eigenen Angaben 24 Millionen aktiven Nutzern in Deutschland eine regelrechte Macht. Die Frage “Haben Sie eine Payback-Karte” dürfte Hunderttausende oder gar Millionen Mal am Tag in deutschen Geschäften zu hören sein. Erscheint der deutsche Markt aufgrund der hohen Barquote eigentlich äußert ungeeignet für die Etablierung des Smartphones als neue Geldbörse, könnte Payback mit entsprechenden Anreizen durchaus in der Lage sein, Widerstände zu brechen. Die Verbreitung der Karte spricht eine deutliche Sprache: Wenn deutsche Konsumenten Rabatte wittern, dann sind sie durchaus bereit, alte Prinzipien - etwa die Anonymität der Barzahlung - zu opfern.

Auf nahe Zukunft sieht trotz der Zugkraft von Apple Pay alles nach einer weiteren Fragmentierung des Marktes aus. Früher oder später aber werden einige der Anbieter, die sich jetzt zu positionieren versuchen, am Wettbewerbs- und Innovationsdruck zerbrechen und dann entweder aufgeben, oder mit einem anderen Akteur eine Kooperation eingehen. Wer am Ende als Sieger aus diesem Wettkampf hervorgeht, steht noch lange nicht fest. /mw

Foto: Man paying with NFC technology on mobile phone, Shutterstock

Kommentare

  • Kirill

    07.11.14 (19:05:07)

    Endlich kommt Bewegung in Mobile Payment. Wenn die Provider MP möglichst sicher abwickeln, dann hat es auch eine Zukunft. Sonst kann ein Zwischenfall sehr schnell das Thema wieder in die Zukunft katapultieren.

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