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08.01.14Leser-Kommentare

Der Abschied vom Lenkrad: Die Automobilbranche steht vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte

Auch wenn noch nicht alle Hürden aus dem Weg geräumt sind: Autonome Fahrzeuge werden kommen und die Automobilbranche kräftig durcheinander wirbeln.

Selbstfahrendes Auto

Jens Hansen ist Zukunftsforscher. Sein besonderer Fokus liegt dabei auf Innovationen, die das Potenzial für echte Durchbrüche haben und damit ganze Branchen auf den Kopf stellen. Mehr auf Zukunftsstark sowie facebook.com/zukunftsstark.

Es ist schon über 100 Jahre her, dass Pioniere wie Carl Benz oder Henry Ford wichtige Grundsteine für den Erfolg der Automobilindustrie gelegt haben. Seit dieser Zeit ist der Automobilbau in Deutschland zu einer der wichtigsten Säulen der Wirtschaft geworden und gehört zu den Spitzenreitern bei den Investitionen in neue Technologien. Genau eine dieser neuen Technologien wird die Industrie in den nächsten 20 Jahren vor enorme Herausforderungen stellen und einen großen Umbruch im Markt herbeiführen. Bei dieser Innovation handelt es sich weder um die Elektromobilität noch die Brennstoffzelle oder den Leichtbau. Vielmehr geht es um das autonome Auto, das die Branche auf den Kopf stellen wird. Was sich hinter dem autonomen Auto verbirgt

Durch intelligente Technik kann sich das autonome Fahrzeug ganz ohne menschlichen Fahrer in der Stadt und über Land bewegen. Dabei bringt es seine Insassen selbstständig an den gewünschten Zielort. Im Anschluss kann es sich auch ohne Passagiere weiterbewegen und beispielsweise eine Parkmöglichkeit aufsuchen, Energie tanken oder den Standort eines neuen Passagiers anfahren.

Als Zukunftsvision ist ein solches Auto bereits vor Jahren in verschiedenen Filmen in Erscheinung getreten. Von Knight Rider bis hin zu Minority Report hat es viele Zuschauer in seinen Bann gezogen. Heute sind diese Visionen schon zu großen Teilen Realität geworden. So haben viele namhafte Autohersteller von Mercedes über VW bis hin zu Nissan-Renault Testwagen in der Erprobung. Selbst Google hat in Zusammenarbeit mit Conti einen eigenen Testwagen auf die Straße gebracht. Auch wenn der Fahrer immer noch bereit stehen muss, um bei Bedarf ins Geschehen einzugreifen, können die Testwagen schon in vielen Verkehrssituationen eigenständig agieren und in Sekundenbruchteilen die nötigen Entscheidungen treffen.

Wie wir das autonome Auto nutzen werden

Zurzeit gehen die Automobilhersteller das Thema fahrerloses Auto noch etwas zurückhaltend an. In den Forschungslabors wird zwar schon viel ausprobiert, der Öffentlichkeit dann jedoch eher als Assistenzsystem zur Entlastung des Fahrers verkauft. Zu sehr ist das Auto durch teures Marketing emotional aufgeladen, als dass der Fahrer sich von seinem Auto von heute auf morgen nur noch fahren lassen könnte. Wo bliebe dann die "Freude am Fahren"? Noch freuen sich viele Beteiligten, dass Umfragen bei Kunden noch leichte Vorbehalte gegenüber dem selbstfahrenden Fahrzeug zu Tage bringen. Doch diese Zeit wird wohl bald vorbei sein, wenn die Kunden ein voll autonomes Auto selbst erleben können. Dann konkurriert diese "Freude am Fahren" plötzlich mit entspannt Zeitung lesen, Video schauen, ein bisschen Schlafen, die Arbeit vom Vortag aufholen oder dem morgendlichen Frühstück. Alles Dinge, die bequem im Auto erledigt werden können, wenn sich das Fahrzeug selbständig steuert.

Neben dieser Option, die Fahrzeiten anderweitig zu nutzen, bietet das autonome Auto auch zusätzlich Servicequalitäten. Viel besprochen wird oft die Fähigkeit, sich selbstständig einen Parkplatz zu suchen, doch die Möglichkeiten gehen noch viel weiter: die Kinder von der Schule abholen, ein Päckchen zur Post bringen oder Einkäufe tätigen - hier kann das Fahrzeug viel Arbeit abnehmen und die Aufgaben selbstständig erledigen. Am Ende wird der Kunde einfach ausprobieren, welche Möglichkeiten und Einsatzzwecke ihm noch nützlich erscheinen.

Warum sich das autonome Auto durchsetzen wird

Wie groß wird der Widerstand sein, die eigene Autonomie beim Autofahren aufzugeben? Zu Beginn bei einigen echten Lust-Fahrern vielleicht etwas größer. Doch am Ende will sich ja auch weder im Flugzeug noch in der Bahn oder im Bus jemand neben Piloten, Busfahrer oder Lokomotivführer setzen und das Steuer übernehmen. Die genannten Nutzungsmöglichkeiten sprechen für sich und werden viele Kunden in ihren Bann ziehen. Doch es gibt noch weitere Handfeste Argumenten, die für die flächendeckende Einführung des autonomen Autos sprechen.

Das fahrerlose Auto wird erheblich sicherer sein als Autofahren heutzutage. Die Gründe dafür sind einfach: Der digitale Fahrer wird nicht müde, trinkt keinen Alkohol, hält den Abstand ein, beachtet die Geschwindigkeit in Abhängigkeit von der Straßensituation und gilt auch ohne große Kilometerzahl nicht als Fahranfänger. Damit sind die zur Zeit häufigsten Unfallursachen entschärft. Mit ausgeklügelter Sensorik hat das Auto das gesamte Umfeld im Blick. Chip-Hersteller wie Nvidia sind schon dabei, besondere Prozessoren zu entwickeln, die die dabei anfallenden großen Datenmengen in Echtzeit verarbeiten können. Da der Elektronik die "Schrecksekunde" von menschlichen Fahrern unbekannt ist, kann das Auto auf alle Situationen im Straßenalltag sofort reagieren. Damit wird Autofahren in Zukunft genau so sicher wie Bahnfahren oder Fliegen werden.

Auch die Umwelt kann profitieren. Intelligente Verkehrssteuerung verhindert Staus, macht viele Bremsvorgänge überflüssig und lässt die Motoren im Optimalbereich laufen. Durch einen direkten Zugriff auf jedes einzelne Fahrzeug ist eine noch viel genauere Steuerung möglich als über die bisherigen Konzepte.

Welche neuen Mobilitätsdienstleistungen entstehen

Das fahrerlose Fahrzeug bietet die Möglichkeit, bestehende Mobilitätsdienstleistungen zu überdenken und ganz neu zu gestalten. Sein größter Vorteil: Es kann auf "Zuruf" an jeden beliebigen Ort kommen und bietet damit die gleiche Flexibilität wie ein Taxi - und das zu erheblich günstigeren Preisen. Damit wird neben dem Taxi auch in einem Zuge das traditionelle Carsharing abgelöst. Teure Stand- und Wartezeiten fallen einfach weg. Auch feste Standplätze sind nicht mehr nötig, was die Dienstleistung mit Autonomen Autos im Vergleich zum Teilauto auch in Außenbezirken von Städten und im ländlichen Raum wirtschaftlich macht. Insbesondere für längere Strecken können sich Nutzer auch zu "Adhoc-Fahrgemeinschaften" zusammenfinden und beispielsweise gemeinsam zur Arbeit pendeln.

Ob die dafür benötigten Flotten an autonomen Autos durch einen kommerziellen Anbieter bereitgestellt werden oder sich sogar aus einem Pool von temporär verfügbaren Privatfahrzeugen speisen, wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall werden die neuen Geschäftsmodelle bestehende Ansätze in Bedrängnis bringen und bei einer günstigen Kostenstruktur selbst Anbieter des Nah- und Fernverkehrs nachdenklich machen.

Warum viele Autohersteller diese Innovation nicht überleben werden

Ganz eindeutig werden die Absatzzahlen der Automobilhersteller zurückgehen. Mit dem autonomen Auto werden einfach weniger Fahrzeuge gebraucht, um eine gute Mobilität für breite Bevölkerungsschichten sicherzustellen. Durch das Aufkommen neuer Mobilitätsdienstleistungen wird sich der reine Verkauf des Autos schnell von einem Geschäft mit Kunden und ihren individuellen Bedürfnissen hin zu einem eher standardisierten B2B-Massengeschäft wandeln.

Die neuen Mobilitätsdienstleister werden ihre Serviceleistung in den Mittelpunkt stellen, werbetechnisch aufladen und das Fahrzeug dabei in die zweite Reihe verweisen. Damit verlieren die mit so viel Aufwand inszenierten Automarken einiges an Glanz. Ausgeklügelte Zubehörlisten und emotionale Werbespots werden einer kühlen Kostenkalkulation weichen, die mehr an das Verhältnis von Flugzeugherstellern, Fluggesellschaften und Passagieren erinnert. Es ist wohl eher selten, dass Kunden einen Flug danach buchen, ob sich der Sitzplatz am Ende in einem Flugzeug von Airbus, Boeing oder Bombardier befindet. Ein noch extremeres Beispiel liefert der Logistik-Dienstleister UPS. Hier bekommen die Fahrzeuge im Rahmen eines UPS-Brandings teilweise sogar eine eigenständige Karosserie und verlieren damit ihre gesamte Markenherkunft.

Wie können die Automobilhersteller darauf reagieren? Es gibt verschiedene Optionen, beispielsweise die Fokussierung auf die verbleibenden vornehmlich hochpreisig einkaufenden Individualkunden oder die klare Ausrichtung auf den B2B- Massenmarkt mit dem Ziel einen Großteil der Konkurrenz durch Kosteneffizienz aus dem Geschäft zu drängen. Jeder der Hersteller hat für die jeweiligen Strategien eine andere Ausgangsposition. Auch Hersteller ohne eigene Automobilmarke könnten Fahrzeuge anbieten, wie sich beispielsweise bei der Zusammenarbeit von Conti und Google erkennen lässt. Damit könnten plötzlich traditionelle Automobilhersteller mit ihren Zulieferern den Platz wechseln.

Besonders spannend ist auch, wer bei diesem Umbruch am Ende das beste Potenzial und eine gute Strategie besitzt, um Mobilitätsanbieter zu werden. Wer hier nur auf die Automobilhersteller blickt, übersieht viele andere Player. Neue Fähigkeiten sind gefragt wie beispielsweise IT-Kompetenz oder die Möglichkeit eine große Kundengruppe über Smartphone oder Webangebote anzusprechen und zu vernetzen. Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang, dass Google über die Open Automotive Alliance gerade dabei ist, sein Betriebssystem Android stärker in die gesamte Autoinfrastruktur zu integrieren. Damit wäre das Fahrzeug mit der Außenwelt vernetzt. Ist dieser Schritt erst einmal gemacht, lassen sich viele neue Konzepte über die offenen Android Plattform realisieren.

Das Autonome Auto - eine Durchbruchinnovation, die Märkte auf den Kopf stellen wird

Das autonome Auto bringt für den Nutzer viele Vorteile und wird unser Leben erheblich bereichern. Im Gegensatz dazu wird es für die Automobilhersteller die größte strategische Herausforderung der nächsten zehn bis 20 Jahre sein. Wer hier patzt, wird vom Markt verschwinden. Denn es handelt sich nicht nur um eine weitere technische Innovation sondern um einen wirklich Durchbruch. Es geht um eine neue Art der Mobilität und völlig veränderte Geschäftsmodelle der Automobilindustrie. Doch andere dürfen sich nicht zurücklehnen. Auch für den Nahverkehr oder die Bahn kann das fahrerlose Auto eine Überraschung bringen. Geht man noch einen Schritt weiter, muss sich sogar der Einzelhandel und die Immobilienwirtschaft einmal ausführlich mit dem Thema beschäftigen.

Foto: Young business asian woman inside her car using a tablet, Shutterstock

Kommentare

  • m

    08.01.14 (09:14:30)

    Safety is more important than fun. Was ist bloss geschehen? :\

  • Ackermann

    08.01.14 (10:12:49)

    Autonome Fahrzeuge, die wie Taxi oder Carsharing, aber fahrerlos funktionieren und den Fahrgast an seinem Startort abholen sind: öffentlicher Personenverkehr. Ein weiterer Baustein im Trend "Nutzen statt Besitzen" und weg vom gewohnheitsmäßigen Nutzen des eigenen Autos.

  • Samuel

    08.01.14 (11:07:11)

    So sehr ich deine optimistischen Erwartungen teile und von den Vorteilen und Nutzen überzeugt bin: ein grosses Handycap, welches hier ausgelassen wird, ist die dazu notwendige Infrastruktur: Schnittstellen, exakte Strassenpläne, automatische Signale, usw die für das Zusammenspiel notwendig sind. Und die Frage, wie sich der gemischte Verkehr organisieren wird. Im Labor und vereinzelt auf der Strasse sind die autonomen Fahrzeuge schon weit. Aber wenn 50-50 Fahrzeuge auf der Strasse sind, und man automatisch in entlegene Orte gefahren werden will..? Denke, da ist noch ein Weg vor uns.

  • Max

    08.01.14 (14:29:21)

    Mir ist die Sichtweise zu sehr auf den Wirtschaftlichen Teil fokussiert. Mir fehlt die Diskussion darüber wie wir damit umgehen wollen wenn computergesteuerte Maschinen/Fahrzeuge Menschen verletzen oder töten, denn es wird auch weiterhin Unfälle geben. Sollen Hersteller gezwungen werden ihre Software so zu programmieren das das Auto in den Straßengraben fährt anstatt einen Fußgänger umzufahren wenn es weiß das die Insassen gut geschützt sind oder es keine Insassen gibt? Es werden in den nächsten Jahren(-zehnten) immer mehr autonome Systeme in unser Umfeld einziehen und eine Diskussion in welchen Grenzen sie operieren dürfen halte ich für dringend notwendig.

  • Thomas

    08.01.14 (16:37:15)

    Maschinen sehen besser als Menschen und reagieren schneller als Menschen, sie fahren nicht waghalsig und nicht betrunken. Ich denke die Zahl der Unfälle geht eher deutlich zurück.

  • TheRiddler

    09.01.14 (01:08:59)

    Toller Artikel. Vielen Dank!

  • Dominik Belca

    09.01.14 (08:45:42)

    Es ist halt jenseits romatisierender Vorstellungen die Praxis, die Verdruss bewirkt. Einfach mal morgens von Essen nach Köln fahren, die Stop and Go-Session könnte man wirklich sinnvoller nutzen als sich zu ärgern. No fun anymore.

  • Florian

    10.01.14 (02:59:15)

    @Thomas Das leugnet hier ja niemand. Das ändert aber nichts daran, dass die Dinge, die Max geschrieben hat, stimmen. Im Ernstfall, wenn es keine Möglichkeit mehr gibt für alle Beteiligten glimpflich zu reagieren, z.B. weil ein Fußgänger aus nächster Nähe vor das Auto springt - wie soll die Software reagieren?

  • Maximilian

    12.01.14 (21:56:04)

    Die Vorstellung, einen "privaten Taxifahrer" zu besitzen, der einem überall hin chauffiert klingt sehr verlockend. Man könnte die gewonnene Zeit viel besser nützen, zum Beispiel in der früh eine Stunde länger im Auto schlafen anstatt sich über den morgendlichen zu ärgern. Zukünftig werden Maschinen sicher noch viel mehr Tätigkeiten übernehmen, die eigentlich in den persönlichen Aufgabenbereich fallen würden. Jedoch glaube ich, dass diese Entwicklung noch einiges an Zeit brauchen wird, bis sie wirklich alltagstauglich ist.

  • W. H. Greiner

    12.01.14 (22:31:25)

    Man kann ja mal träumen. Ich würde mir so ein Auto sofort kaufen, wenn's liefer- und bezahlbar wäre: mich einfach vom Auto heimfahren lassen, wenn ich mal was getrunken habe, immer unmittelbar am Zielort aus- und wieder einsteigen (Auto sucht zwischendurch selber seinen Parkplatz), das Auto selbständig zu mir zurückkommen lassen, wenn meine Frau damit zur Arbeit gefahren ist, beim Wandern und Radfahren Auto voraus zum Zielpunkt schicken... Der Nutzen eines Autos würde sich glatt verdoppeln. Aber leider ist das noch seeehr weit weg: die momentanen Automaten können den Fahrer (der dabei immer noch fahrtüchtig und eingriffsbereit am Steuer sitzen muss) gerade mal in simplen Standardsituationen entlasten. Zu mehr wäre nicht bloß ein bißchen mehr Rechenpower notwendig, sondern ein echtes, komplettes Verständnis der jeweiligen Umwelt und Verkehrssituation. Wie weit man aber davon noch entfernt ist, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man rein maschinelle Übersetzungen von beliebigen Texten liest. Die nächsten zwanzig Jahre wird das noch nix - wetten?

  • Paul

    04.02.14 (22:50:19)

    der Gedanke hat ein riesengrosses Potential und ich bin auch der Meinung das dies die nächste Evolution der Fortbewegung sein wird. Von mir aus schon heute, würde ich sofort kaufen bzw. nutzen statt kaufen

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