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19.06.13

Den Kontrollverlust akzeptieren: Über die therapeutische Wirkung des Publizierens im Internet

Wer regelmäßig eigene Meinungen im Netz publiziert, muss sich an Widerworte und Kritik gewöhnen. Der Drang, die Reaktionen anderer kontrollieren zu wollen, verschwindet schnell.

KontrolleEin gesundes Kontrollbedürfnis ist eine hilfreiche Eigenschaft, um die Herausforderungen des Lebens erfolgreich zu meistern. Doch gelegentlich wird aus diesem nützlichen Charaktermerkmal eine krankhafte Kontrollsucht. Manche Menschen gelten ganz allgemein als Kontrollfreaks, die nicht in der Lage sind, die Zügel wenigstens ein wenig zu lockern, und die nichts und niemandem vertrauen. Bei anderen zeigt sich ein überdurchschnittlich stark ausgeprägtes Kontrollverhalten nur in einzelnen Alltagsbereichen, sei es in Projekten im Job, in der Beziehung oder im Sportverein. Der Umgang mit permanenten oder selektiven Kontrollfreaks ist häufig sehr anstrengend und nichts, dem man sich gerne und freiwillig aussetzt. Für Kandidaten, die partout nicht die Kontrolle loslassen können, existieren somit klare Anreize, sich in Gelassenheit zu üben. Und ich kenne einen guten Weg dorthin: Bloggen beziehungsweise Meinungsjournalismus im Internet betreiben. Als ich letztens gefragt wurde, welche Vorteile das Bloggen mit sich führe, erwiderte ich, dass man sukzessive den Umgang mit Kritik erlernt. Bei genauerer Reflexion erkannte ich: Publiziert man hinreichend lange im Netz, so reagiert man nicht nur entspannter auf kritische Kommentare - die vollkommen berechtigt oder aus der Luft gegriffen sein können. Man verliert nach und nach auch das Bedürfnis, jede Kritik überhaupt zu Gesicht bekommen müssen.

Kritik und unterschiedliche Meinungen gehören dazu

In meinen ersten Jahren als Blogger war ich noch bestrebt, möglichst jede Äußerung auf meine Artikel zumindest zur Kenntnis genommen zu haben. Doch mein Motiv dafür war fragwürdig: Denn eigentlich ging es mir nur darum, Widerworte von Lesern oder anderen Bloggern zu entkräften. Das natürlich ist Illusion: Egal wie smart, durchdacht und genial die niedergeschriebenen Gedanken und Sachverhalten auch sein mögen (ohne mir diese Attribute anzuheften) - es wird immer gegenteilige Perspektiven geben. Im Prinzip ist es sogar ein schlechtes Zeichen, stets nur Zuspruch zu erhalten. Auch wenn sich Zuspruch natürlich kurzfristig besser anfühlt als Widerspruch. Fakt ist aber: Wer oft und regelmäßig publiziert, muss damit rechnen, kritisiert zu werden. Mal sachlich, mal persönlich und unangemessen. Das geschieht in Kommentaren, in anderen Blogs oder über einschlägige Social-Media-Kanäle, und es ist völlig normal.

Das Kontrollbedürfnis verschwindet

Aus meinem anfänglichen Bedürfnis, die Kontrolle über die Kritik an meinen Beiträgen (oder an mir) zu behalten, wurde eine Gelassenheit. Das Gefühl, unbedingt jede meine Standpunkte in Frage stellenden Äußerungen an anderer Stelle im Netz gesehen haben zu müssen, verschwand. Wer möchte, dass ein Einwand von mir wahrgenommen wird, der hält ihn mir direkt vor die Nase. Wer nur einfach eine gegensätzliche Position formulieren möchte, ohne dazu mit mir eine Diskussion zu führen oder mich per Kommentar, Trackback etc. darauf aufmerksam zu machen, der tut dies. Ich erfahre dann unter Umständen gar nichts davon, sofern ich nicht aktiv recherchiere. Früher hätte mich das gewurmt, heute stört es mich nicht mehr.

Viele Jahre des Bloggens haben mir beigebracht, dass das ständige Streben nach Kontrolle unnötig Energie kostet und zu nichts führt. Wenn jemand bei Google nach meinem Namen sucht und den ein oder anderen Verriss findet, dann ist mir das ziemlich egal. Ich darf mich auch nicht beschweren, immerhin habe ich ja mit einer womöglich provokativen, polarisierenden Haltung Widerworte und im schlimmsten Fall Beleidigungen in Kauf genommen. Entscheidend ist meines Erachtens nach nur das Gesamtbild. Aus diesem Grund sind Nutzer, die an vielen Orten im Web Inhalte veröffentlichen und kuratieren, meines Erachtens nach auch im Vorteil gegenüber der breiten, lediglich konsumierenden Masse. Denn wer Max oder Maria Muster googelt und dann nur zehn Treffer zu Content findet, der wird sehr genau hinschauen. Tauchen jedoch hunderte oder tausende Einträge auf, die sich aus einer Vielzahl von Quellen speisen - sowohl solche unter Einfluss des Recherchierten als auch solche von Dritten - dann fallen einzelne Inhalte nicht mehr so sehr ins Gewicht.

Onlinepublizisten werden zwangsläufig gelassener

Ich kann nur für mich sprechen, vermute aber, dass es anderen, regelmäßige Onlinepublizisten ähnlich geht. Ich behaupte, dass alle in den Weiten des Internets veröffentlichende Kontrollfreaks früher oder später eine nicht gekannte Gelassenheit entwickeln, oder aber alternativ ermattet aufgeben. Denn so sehr sie sich auch anstrengen, die nach und nach entstehenden Brandherde durch ausschweifende Debatten, Streitereien oder gar juristische Drohungen unter Kontrolle zu bekommen, werden sie irgendwann einsehen, dass sie daran zugrunde gehen.

Loslassen als wichtige persönliche Eigenschaft

Ich glaube, dass mir das digitale Publizieren dabei geholfen hat, einige Kontrollzwänge abzulegen, und ich bilde mir zumindest ein, dass dies auch in andere Bereiche meines Lebens ausstrahlt. Und darüber bin ich sehr froh. Denn die Fähigkeit, die Kontrolle loszulassen, scheint mir eine der wichtigsten neuen Skills in unsere von durch sich auflösende Hierarchien und ins Wanken kommende Machtstrukturen geprägten Zeit zu sein. Ein Blick in die Weltpolitik genügt, um zu sehen, wie überall kontrollsüchtige ältere Herrscher mit einem für sie völlig unbekannten, mit bisherigen Instrumenten nicht zu bekämpfenden Kontrollverlust konfrontiert werden. Einfach mit der Faust auf den Tisch zu hauen und sich darauf zu verlassen, dass dann alles nach Plan verläuft, funktioniert nicht mehr. Wer dann auf Teufel komm raus die Kontrolle zurückzuerlangen versucht, der begibt sich zwangsläufig auf den Weg nach unten.

Kontrollsucht ist heute mehr denn je eine Schwäche. Wer an dieser arbeiten möchte, dem kann ich nur empfehlen, sich über längere Zeit publizistisch im Netz zu betätigen. /mw

(Foto: stock.xchng/scataudo)

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