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25.07.12

Demokratisierung von Wissen: Jugendliche begeistern sich für Wikipedia

Vier von fünf 10- bis 15-Jährigen in Deutschland nutzen Online-Nachschlagwerke. Einen besseren Beleg für die von der Digitalisierung ermöglichte Demokratisierung von Wissen gibt es kaum.

Vielleicht kennt ihr diese Argumentation - vorrangig ist sie von Vertretern der älteren Generation oder notorischen Skeptikern des digitalen Zeitalters zu hören: Junge Leute würden immer dümmer, spielten den ganzen Tag nur noch am Rechner und haben keine Manieren. Kurzum: In den Augen der Pessimisten geht alles bergab, und Informationstechnologie beschleunigt diesen Prozess. In einem derartigen Schlagabtausch kann man noch so oft darauf verweisen, dass mit Computern, Smartphones und dem Netz auch völlig neue Formen des Engagements, der persönlichen Weiterbildung und des Zugangs zu Informationen entstehen - sprich, dass gerade diejenigen, die in der analogen Vergangenheit am weitesten vom für ein erfolgreiches Leben notwendigen Wissen entfernt waren, aus der Digitalisierung besonders große Vorteile ziehen. Analogromantiker überzeugt dies nicht. Sie sind fest davon überzeugt, dass speziell Jugendliche ihre Zeit am Rechner ausschließlich mit "bösen" Dingen wie Killerspielen, albernen YouTube-Clips und Pornos verbringen, aber nicht mit solchen Angeboten, die sie im Leben voran bringen.

Das Statistische Bundesamt liefert nun einen schönen Beleg dafür, dass diese düstere Perspektive nicht der Realität entspricht (via Golem): Rund 72 Prozent aller Internetnutzer in Deutschland ab zehn Jahren haben im ersten Quartal 2011 Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia genutzt. In der Altersgruppe zwischen 10 und 15 Jahren lag dieser Wert sogar bei 82 Prozent. Laut dem Marktforschungsinstitut TNS Infratest sind in der Bevölkerungsgruppe der 14-bis 30-Jährigen in Deutschland 97 Prozent Onlinenutzer. Dies bedeutet, dass praktisch alle jungen Menschen hierzulande zumindest gelegentlich ins Netz gehen, was wiederum heißt, dass vier von fünf Jugendlichen in Deutschland Onlinenachschlagewerke verwenden.

Und jetzt die Preisfrage: Wie viele Kinder und Teenager haben wohl vor 30 Jahren, also im Jahr 1982, gelegentlich einen Blick in ein Lexikon geworfen? Eine Statistik konnte ich dazu leider nicht auftreiben, wage aber die Behauptung, dass es deutlich weniger waren als 82 Prozent. Gerade in den Haushalten, die man heutzutage gerne als "bildungsfremd" bezeichnet, dürften nur selten die rund zwei Dutzend Bände der Brockhaus Enzyklopädie anzutreffen gewesen sein.

Wer möchte, kann natürlich auch auch hier wieder Einwände finden: Immerhin noch 18 Prozent der Jugendlichen scheinen sich nicht für Wikipedia & Co (wobei das "& Co" hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt wird) zu interessieren. Hinzukommen eventuelle Zweifel an der Qualität eines auf User-Generated-Content basierenden Nachschlagewerks - wobei diese mittlerweile eigentlich widerlegt wurde wurden. Und bei den 82 Prozent, die bei Wikipedia recherchieren, ist natürlich unklar, was genau sie nachschlagen. Vielleicht, wer Johann Wolfgang von Goethe war, vielleicht aber auch, wie es zur Entstehung von Chuck Norris Facts kam oder wann mit der nächsten Version von Duke Nukem zu rechnen ist.

Letztlich ist es aber egal, wie trivial oder scheinbar belanglos die bei Wikipedia recherchierten Themen auch sind - ein Wissenszuwachs ist mit jeder Minute verbunden, die sich Kinder und Jugendliche der Online-Enzyklopädie widmen. Und im Gegensatz zu herkömmlichen Lexika haben die zahlreichen Verlinkungen zur Folge, von einem gesuchten Begriff schnell auf ganz andere Artikeln und Informationen zu stoßen.

Die enorme Reichweite von Onlinenachschlagewerken bei jungen Nutzern ist ein eindeutiger Beweis für die durch die Digitalisierung ausgelöste Demokratisierung von Wissen. Ungeachtet von sozialem Status, familiärem und akademischem Hintergrund sowie der finanziellen Situation kann nahezu jeder junge Mensch in Deutschland auf einen in seiner Form bisher nicht gekannten Wissensschatz zugreifen. Die Statistik des Bundesamts belegt, dass diese Möglichkeit auch in einem sehr großen Umfang wahrgenommen wird.

Selbst wenn es sich Ewiggestrige nicht vorstellen können: Vielleicht ist die mit moderner Informationstechnologie und dem Internet aufgewachsene Generation besser und intelligenter als ihr Ruf?

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