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02.06.14

Déjà-vu: Löschung von Google-Links ist die neue Verpixelung

Datenschützer jubeln, Medien liefern Tipps zur Vorgehensweise, und Tausende wollen unbequeme Links aus den Google-Resultaten löschen lassen. Alles erinnert an das Theater um die Verpixelung von Häusern bei Google Street View vor vier Jahren.

VerpixelungEnde der vergangenen Woche hat Google als Reaktion auf das EuGh-Urteil zur Löschung von Suchergebnissen ein Onlineformular eingerichtet, über das Nutzer die Entfernung einzelner Links aus den Resultatlisten (SERPs) beantragen können. Innerhalb eines Tages seien 12.000 derartige Anliegen bei dem Internetunternehmen eingegangen, heißt es. Google will das Verfahren in den nächsten Monaten gemeinsam mit Datenschutzbehörden und anderen Stellen verfeinern.

Wie auch immer es weitergeht: Die Aufregung und die Reaktionen auf das Urteil sowie der vermeintliche Ansturm auf das Formular erinnern an die Farce rund um die Verpixelung von Häuser-Fotos bei Google Street View. Als Google seinen 3D-Kartendienst Ende 2010 in Deutschland lancierte , sahen sich einige Hausbesitzer derartig bedroht davon, dass sie Google mit tatkräftiger Unterstützung von Datenschützern und Politikern dazu zwangen, eine Möglichkeit zu schaffen, um die Unkenntlichmachung der Abbildungen ihrer Wohnungen und Anwesen einfordern zu können. Rund 250.000 entsprechende Anträge trudelten bei Google noch vor dem Debüt von Street View ein, angetrieben von einer immensen Hysterie auch in den Medien. Drei Prozent aller Häuser in den 20 deutschen Städten, in denen Street View lanciert wurde, sollen damals verpixelt worden sein. Ein Jahr später war das Thema weitgehend vom Tisch, die Nachfrage nach der Unkenntlichmachung ebbte schnell ab.

Zwischen der damaligen Einführung der Verpixelungs-Option für Street View und der heutigen Möglichkeit, einzelne Links aus den SERPs zu löschen, gibt es beachtliche Parallelen. In beiden Fällen handelt es sich lediglich um eine visuelle Korrekturmaßnahme. Trotz eventueller Verpixelung bei Street View blieb und bleibt es weiterhin möglich, einfach die jeweilige Adresse persönlich zu besuchen und heimlich in den Garten oder durch die Fenster zu blicken. Bei der Linklöschung verschwindet zwar das Suchergebnis in den Resultatlisten der europäischen Google-Versionen, jedoch nicht die jeweilige Website. Außerdem greifen von Google stattgegebene Linkentfernungen nicht für Google-Varianten anderer Länder. Wer zu einer Person oder einem Gewerbe ein umfassendes Gesamtbild erhalten möchte, der sucht künftig einfach über google.com. Die globale Vernetzung und unterschiedliche Gesetzeslagen machen's möglich und unterlaufen zwangsläufig jede Art von nur auf eine geografische Region beschränkter Sperrmaßnahme.

Zudem ist noch offen, inwieweit Google Suchende darüber in Kenntnis setzen wird, dass ein Link auf Begehren einer Person und nach Prüfung durch den Suchanbieter entfernt wurde. So verfährt das Unternehmen etwa bei Linklöschungen, die auf Basis von Urheberrechtsansprüchen juristisch durchgesetzt wurden. Sollte analog dazu künftig am Ende einer Ergebnisseite ein Vermerk zu finden sein, dass eine oder mehrere Links zu einer Namensrecherche ausgeklammert wurden, wäre dies für Suchende ein interessanter Hinweis, dass sich eine zusätzliche Suche bei einem außereuropäischen Dienst lohnen könnte.

Wenn Google in irgendeiner Form eine öffentliche Statistik darüber einführt, welche Ergebnisse es bereinigt hat, dann dürfte es auch nicht lange dauern, bis spezielle, nicht in Europa beheimatete Onlineangebote diese Links transparent für alle Interessierten zusammenstellen. Vermutlich ließe sich das auch einfach durch einen Crawler realisieren, der SERPs von google.de und google.com miteinander vergleicht. Bedenkt man, dass sowohl Pädophilen als auch Politikern Interesse am jetzt in Aussicht gestellten Verbergen ungeliebter Suchergebnisse nachgesagt wird, wäre einem derartigen Service eine erhebliche Beachtung durch Journalisten, Blogger und Bürgerrechtsorganisationen gewiss.

In Anbetracht des Déjà-vus, welches man als Beobachter der Linklösch-Debatte erleben darf, sowie der einer "europäischen Lösung" innewohnenden Ineffektivität, riechen die aktuellen Geschehnisse stark nach typischem "Datenschutztheater". Hinter diesem Begriff steht laut den Post-Privacy-Aktivisten der "datenschutzkritischen Spackeria" eine "Massnahme oder eine Sammlung von Massnahmen, die den gefühlten Schutz von Daten verbessern soll, ohne dabei die Daten funktional vor Ge- oder Missbrauch zu schützen".

Datenschutztheater mag kurzzeitig gut dafür sein, einen Sachverhalt ins Gespräch zu bringen, und es dient Anhängern eines strikten Datenschutzes dazu, sich gegenüber ihrer Klientel zu profilieren. Der dauerhafte Effekt aber muss in Frage gestellt werden. Technisch lässt sich die Löschung leicht umgehen, zudem gilt künftig: Viel interessanter als in den SERPs erscheinende Links sind die Verweise zu Websites, die von Individuen unterdrückt werden. Da Linklöscher nicht auf Googles Geheimhaltung bauen sollten, empfiehlt sich mehr denn je der Ratschlag, es lieber mit Suchmaschinenoptimierung anstelle von Löschung zu versuchen. /mw

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