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24.11.11Leser-Kommentare

Debatte zu Facebooks "Frictionless Sharing": Differenzen über die Bedeutung von Daten

Mit Verspätung hat Facebooks vor zwei Monaten vorgestelltes "Frictionless Sharing" in dieser Woche für eine breite Debatte gesorgt. Es geht dabei im Kern darum, welche Daten wem Nutzen stiften.

 

Anfang Oktober beschrieb ich in diesem Artikel, wieso Facebooks mit den neuen Open Graph Apps eingeführtes “Frictionless Sharing” – zu Deutsch “”reibungsloses Teilen” - nach meinem Empfinden eine schlechte Idee ist. Das grundsätzliche Prinzip: Applikationen, denen Facebook Zugriff auf die neue Schnittstelle gestattet, können (nach einmaliger Einwilligung des Anwenders) automatisiert Nutzeraktivitäten zu dem Social Network schicken, die dort auf verschiedene Weise dargestellt und aggregiert werden.

Mein entscheidender Kritikpunkt an dem System: Nicht jedes konsumierte Musikstück, Onlinevideo oder Contentelement möchten wir automatisch anderen empfehlen, weshalb sich die Nutzung dieser Daten als Qualitätsfilter und Personalisierungsinstrument in Grenzen hält.

Die breite Mediendebatte zu Frictionless Sharing hat ungewöhnlich lange auf sich warten lassen, brach dann aber schließlich in dieser Woche mit voller Wucht los. Auslöser war ein Artikel von CNET, der die Behauptung aufstellte, dass Facebooks jüngster Vorstoß Sharing ruinieren würde - sowohl, weil neue Open Graph Apps jeweils eine Installation erfordern und dem neugierigen Nutzer damit die Sicht auf den Inhalt versperren, den sie per Klick auf eine Aktivität der Freunde eigentlich sehen wollten, als auch aufgrund der schieren Menge an automatisch generierten "Empfehlungen", mit denen Facebook-Mitglieder künftig überhäuft werden, und die in ihrer Aussagekraft erheblich schwächer sind als aktive, manuelle Empfehlungen (via Like- oder Share-Button).

Heftige Diskussion entbrannt

CNET-Autorin Molly Wood sorgte mit ihrem Beitrag für eine heftige Diskussion. TechCrunch-Kolumnist und frischgebackener Investor MG Siegler verglich die Kritik an Frictionless Sharing mit dem Aufschrei, der auf die Einführung des Facebook-Newsfeeds im Jahr 2006 folgte. "Die Betätigung des Share-Buttons zum Teilen von Inhalten ist Geschichte. Die Zukunft liegt im automatischen Sharing mit der Option für Nutzer, dieses in Einzelfällen zu unterbinden", ist sich Siegler sicher.

Auch Richard MacManus von ReadWriteWeb geht davon aus, dass reibungsloses Teilen für zukünftige Internetgenerationen zu einer Selbstverständlichkeit werden wird (nicht nur bei Facebook), und sein Kollege Marshall Kirkpatrick sieht - trotz Kritik an der Art der konkreten Umsetzung - großes Potenzial sowohl im spezifischen Fall Facebook, aber auch generell darin, von Menschen passiv generierte Datenströme nutzbar zu machen.

Robert Scoble beschreibt, wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg einmal mehr Experimente wagt, an die sich sonst niemand herantraut, und erklärt, dass er dank Frictionless Sharing in den vergangenen zwei Monaten neue Inhalte entdeckt und mehr über sein eigenes Nutzungsverhalten gelernt hat. Die Google+-Diskussion, die er damit anstieß, ist zumindest in ihren Ausmaßen beeindruckend.

Bloggende deutschsprachige Beobachter sehen Facebooks Neuerung skeptischer. André Vatter schließt sich CNETs Appell an, Applikationen zu meiden, die automatisch Aktivitäten der Mediennutzung bei Facebook posten (wie der Social Reader der Washington Post oder der des Wall Street Journal), und Thomas Knüwer befürchtet eine noch weiter fortschreitende Boulevardisierung des Journalismus, weil Frictionless Sharing einmal mehr diejenigen mit Viralität innerhalb des Facebook-Netzwerks belohnt, die dramatisch texten und auf reißerische Überschriften setzen.

Frictionless Sharing verhilft Uralt-Artikeln zu Comeback

Ein Uralt-Artikel wird erneut zum QuotenhitEreignisse bei der Onlineausgabe der britischen Zeitung Independent (die mit Frictionless Sharing experimentiert) stützen seine These: So haben sich laut FT Tech Hub Blog (Beitrag von 18. November, via) in letzter Zeit uralte Beiträge aus den 90er Jahren mit sensationslüsternen Überschriften à la "Sean, 12, is the youngest father" und “Scotland’s ugliest woman honoured” dank einer viralen Verbreitung bei Facebook zu den populärsten Artikeln entwickelt. Zum Zeitpunkt des Schreibens rangiert auf Platz 4 der "Most Shared"-Texte auf independent.co.uk ein Beitrag von 1997.

Nutzung ist nicht gleich Empfehlung

Besser kann das Kernproblem von Frictionless Sharing kaum illustriert werden: Eingestaubte Inhalte, die über aktive Empfehlungen via Like- und Share-Button wohl kaum noch an die Spitze der Am-Meisten-Gelesen-Charts gelangen würden, erhalten durch das automatisierte Publizieren der gelesenen Beiträge eine enorme Reichweite. In dem Moment, in dem Leser merken, dass ein Artikel vor 14 Jahren veröffentlicht wurde, haben bereits X ihrer Facebook-Kontake auf die Link-"Empfehlung" im Ticker oder auf dem Profil geklickt.

Die Debatte um Frictionless Sharing ist aber weit mehr als eine kleine Meinungsverschiedenheit über den künftigen Kurs von Facebook. Für viele Kommentatoren geht es darum, sich zu profilieren und eine möglichst zutreffende Prognose über das abzugeben, was in den nächsten Jahren passieren wird und darüber, welche Daten wem Nutzen stiften könnten.

Vorhersagen als Profilierungsinstrument

Gerade passionierte Tech-Berichterstatter wissen nur zu gut, dass der zukünftige Nutzen von neuartigen Technologien und Systemen - speziell im Bereich des Social Web - nicht immer sofort offensichtlich ist. Niemand möchte sich eine rückwirkend betrachtet fatale Fehleinschätzung leisten, wie sie von vielen klugen Köpfen in den ersten Monaten und Jahren über Twitter zu hören war ("nutzlos" etc.). Fast noch schlimmer ist es, in einen Topf mit notorischen Fortschrittsverweigerern geworfen zu werden.

Zu proklamieren, das automatisierte Publizieren von Nutzungsaktivitäten rund um den Medienkonsum sei die Zukunft, erscheint da wie der weitaus bequemere Weg, zumal es für auf ihren Ruf bedachte Branchenexperten im Nachhinein immer vorteilhafter ist, sich in einer progressiven Vorhersage geirrt, statt die Intensität, Geschwindigkeit und Ausmaße des digitalen Wandels unterschätzt zu haben.

Trend zur passiven Datenaufzeichnung

Gleichzeitig zeigen die bisherigen Vorgänge der digitalen Welt, dass das Aufzeichnen und Veröffentlichen von teilweise auch passiven Daten immer stärker zunimmt. Wenn Marshall Kirkpatrick von ReadWriteWeb wie oben beschrieben in der Nutzbarmachung dieser Daten enorme Chancen sieht, dann hat er damit natürlich recht.

Ich selbst habe zum Beispiel kürzlich die Radar-Funktion des Locationdienstes foursquare aktiviert, der nun im Hintergrund permanent den Standort meines Smartphones analysiert und mich abhängig von diesem über für mich relevante Ereignisse/Orte informiert. Der Musikdienst Last.fm erlaubt schon seit vielen Jahren das Protokollieren angehörter Songs, um daraus Statistiken zu den Hörgewöhnheiten und Empfehlungen anderer Interpreten zu generieren. Und mobile Apps wie runtastic und Runkeeper können automatisiert allerlei Meta- und Umfelddaten rund um sportliche Aktivitäten aufzeichnen.

Dass der vernetzte Mensch in Zukunft am laufenden Band verschiedene Arten von Daten generiert und an Dienste in der Cloud schickt, die damit (hoffentlich) Sinnvolles und Nützliches anstellen, daran besteht für mich kein Zweifel - weil es sich auch schon heute deutlich abzeichnet.

Datenaufzeichnung und -veröffentlichung sind zwei paar Schuhe

Doch was anschließend mit diesen Daten passiert und inwieweit bei allen Datentypen gleichermaßen ein automatisiertes, kleinteiliges Zugänglichmachen für den gesamten Social Graph sinnvoll ist, steht nach meiner Beurteilung auf einem ganz anderen Blatt. Nicht das passive Aufzeichen aller Daten ist der Knackpunkt, sondern das ungefilterte Veröffentlichen selbiger (Filtersouveränität hin oder her).

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es Facebook gelingt, das reibungslose Teilen zur Norm zu machen, und dass uns in einigen Jahren die derzeitige Debatte unglaublich altmodisch erscheinen wird. Vielleicht vollbringt es das soziale Netzwerk auch, auf Basis des Frictionless Sharing tatsächlich neue Wege der Personalisierung und Maßschneiderung von Inhalten zu schaffen, die bessere Resultate liefern als auf dem aktiven Empfehlen durch Ein-Klick-Gesten basierende Systeme.

Momentan aber gibt es nur einen einzigen echten Nutznießer des Vorstoßes: Facebook selbst, das mit mehr Daten seine Vermarktung noch effektiver und effizienter gestalten kann. Dagegen spricht auch nichts - so lange die damit verbundenen Änderungen auch für die Anwender zu Verbesserungen führen. Beim Frictionless Sharing sehe ich diese nicht. Anwendern entstehen mentale Kosten, weil sie nun noch mehr als bisher darauf achten müssen, wann welche App welche Berechtigungen von ihnen erfragt. Was sie dafür erhalten, ist die Gelegenheit zu Serendipität - "die zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem". Doch wären von den Facebook-Freunden bewusst getätigte Empfehlungen dafür nicht eigentlich die deutlich bessere Grundlage?

Kommentare

  • Thomas

    24.11.11 (18:21:02)

    Gute Arbeit. Meiner Meinung nach einer der besten bisher erschienenen Artikel zu dem Thema.

  • Martin Weigert

    24.11.11 (18:23:40)

    Danke!

  • Konrad Erzberger

    24.11.11 (21:28:33)

    Wir bauen gerade ein neues, kostenloses, unhackbares, Internet für alle Menschen, weltweit. Boden- UND satellitengestützt. Insofern: Danke, Martin.

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