<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

23.05.09

Datenskandal oder doch nicht: Neue Anschuldigungen gegen Last.fm

Der US-Medienkonzern CBS, Mutter des in Deutschland beliebten Social-Music-Networks Last.fm, soll Nutzerdaten des Dienstes an die amerikanische Musikindustrie ausgehändigt haben.

last.fmFür das erfolgsverwöhnte Social-Music-Network Last.fm läuft es in diesem Jahr holpriger, als man es bei dem in London ansässigen Dienst gewohnt ist: Erst war man gezwungen, für User außerhalb der drei Kernmärkte USA, Großbritannien und Deutschland die kostenlose Kernfunktion der Radiostreams zu entfernen, und dann tauchten auch noch Vorwürfe auf, Last.fm hätte sensible Nutzerdaten an die Musikindustrie ausgehändigt.

Genau diese im Februar von TechCrunch erhobenen Anschuldigungen erhalten jetzt neue Nahrung: In einem aktuellen Artikel beschreibt Tech-Blogger Michael Arrington den Hergang der Geschichte, wie es zu den Vorwürfen gegen Last.fm kam und wie diese von dem Musikdienst und dessen US-Mutterkonzern CBS dementiert wurden. Damals sah alles danach aus, als hätte sich das Blog auf eine fehlerhafte Insider-Information verlassen und eine Falschmeldung veröffentlicht.

Statt jedoch aufzugeben, recherchierte TechCrunch weiter, tat neue Informanten auf und konkretisiert jetzt seine Vorwürfe: Demnach war es nicht Last.fm, das Daten zu den Hörgewohnheiten von Mitgliedern des Musikdienstes inklusive IP-Adressen an den amerikanischen Verband der Musikindustrie (RIAA) herausgegeben hat, sondern CBS selbst.

So sei CBS einer entsprechenden Anfrage der RIAA (bzw. einzelner Labels) nachgekommen, hätte diese jedoch nur unter dem Vorwand "für interne Verwendung" an die Londoner Last.fm-Zentrale weitergeleitet. Gemäß Arrington erfuhr man bei Last.fm erst im Nachhinein, was mit den an CBS übermittelten Daten geschehen sollte. Da war es schon zu spät.

Auch wenn man den jüngsten TechCrunch-Artikel mit gewisser Vorsicht genießen sollte, ist eines klar: Niemand gräbt nach mehreren Monaten eine Geschichte aus, bei der er damals nicht sonderlich gut aussah, ohne dieses Mal über wirklich stichfeste Informationen zu verfügen. Gemäß der Interpretation von Arrington hat CBS mit seinem Dementi im Februar schlichtweg gelogen. In den Augen des Bloggers hat der Medienkonzern nicht nur entgegen der eigenen Datenschutzrichtlinien agiert, sondern auch Datenschutzgesetze der EU gebrochen.

Ohne eine klare Stellungnahme von CBS oder Last.fm lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht klären, inwieweit eine Herausgabe von Nutzerdaten (in der beschriebenen Form) stattgefunden hat oder nicht. Konstatieren kann man aber bereits jetzt einen deutlichen Image- und Vertrauensschaden für Last.fm. Dass Mitglieder sich in Zukunft genaue überlegen werden, ob sie ihre Hörgewohnheiten und aus unterschiedlichen Quellen stammenden Musiksammlungen weiterhin über Last.fm aufzeichnen lassen wollen, ist sehr wahrscheinlich.

Selbst wenn Last.fm keine oder nur eine geringe Schuld an einer eventuellen Datenherausgabe trifft, so sind dies die offensichtlichen Konsequenzen einer Akquisition: Solange man selbst der Herr im eigenen Unternehmen ist, lässt sich autonom und eigenständig handeln. Sobald man aber Teil eines größeren Konzerns ist, sind Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg nicht mehr auszuschließen. Last.fm muss dies allen Anscheins nach gerade am eigenen Leib erfahren.

Wir haben Last.fm um eine Stellungnahme gebeten und aktualisieren den Beitrag, wenn es neue Erkenntnisse gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer