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09.03.11

Datenschutzhysterie: Die EU sagt dem Cookie den Kampf an

Eine neue EU-Richtlinie zwingt Betreiber von Websites dazu, für das Ablegen von Cookies die Zustimmung der Besucher einzuholen. Ein derartiges Unterfangen verdeutlicht, wie plakativer Datenschutz langfristigem Denken im Wege steht.

 

Aktualisiert

Die EU hat Cookies den Kampf angesagt. Cookies sind kleine Textdateien, die Websites auf den Rechnern ihrer Besucher ablegen, um auf Basis der Kenntnis der Userpräferenzen zum Beispiel relevantere Anzeigen ausliefern zu können. Die durch Cookies geschaffene Möglichkeit zur Wiederkennung von Anwendern wird auch dafür genutzt, um regelmäßigen Nutzern einer Site das wiederholte Anmelden zu ersparen (die "Angemeldet bleiben"-Funktion beim Login-Prozess diverser Social-Web-Dienste dürfte jeder kennen).

Eine neue EU-Richtlinie soll nun erreichen, dass User besser über die Cookie-Aktivitäten im Kontext ihrer Internetnutzung informiert werden. Der Weg dahin: Anwender sollen Websites, die ein Cookie auf ihren Rechnern ablegen möchten, dafür explizit ihre Zustimmung geben müssen. Ohne das Einverständnis des Benutzers darf kein Cookie an diesen übertragen werden. Ausgenommen von dieser Anforderung sind lediglich Cookies, die beim Onlineshopping den Inhalt des Warenkorbs festhalten (Update: Je nach Auslegung der Direktive ließen sich weitere Ausnahmen konstruieren -> siehe Kommentare).

Als erstes EU-Land plant Großbritannien, die Direktive zum 25. Mai in die Tat umzusetzen und in Gesetzform zu gießen.

Doch (einmal mehr) ignorieren Europas Politiker bei ihrer sich immer mehr zum fragwürdigen, aber stolz propagierten europäischen Alleinstellungsmerkmal entwickelnden Suche nach der nächsten Datenschutzinitiative die Langzeitfolgen für die europäische Internetwirtschaft sowie vergessen die charakteristische Eigenheit des Internets, keine Ländergrenzen zu kennen.

Während die Direktive, sofern sie in allen EU-Staaten umgesetzt werden sollte, innerhalb der Union angesiedelte Webfirmen vor die komplizierte Frage stellt, wie sie die für einen reibungslosen Betrieb sowie ihr Geschäftsmodell erforderlichen Daten über Anwenderpräferenzen bekommen, ohne User mit Popups und zusätzlichen Abfragen zu überschütten, brauchen sich Websites mit Sitz außerhalb der EU darüber nicht den Kopf zerbrechen.

Es sind datenschutzfixierte Gesetzesinitiativen und Regulierungsmaßnahmen wie diese, die US-Firmen schon seit langem einen erheblichen Wettbewerbsvorteil im Internet verschaffen. Während ein Social Network wie Facebook die europäischen Vorstellung von Datenschutz und Privatsphäre wiederholte Male mit Füßen tritt (was, so widersprüchlich es klingt, partiell Facebooks Erfolg ausmacht) und im Prinzip (abgesehen von Geldbußen) kaum bestraft werden kann, müssen Startups auf dem alten Kontinent einen juristischen Spießroutenlauf überstehen, wollen sie ressourcenzehrende und energieraubende Rechtsstreitigkeiten vermeiden.

Während ein europäisches Cookie-Gesetz das Ungleichgewicht zwischen dem Silicon Valley und den deutlich schwächeren europäischen Technologiezentren weiter verstärkt, wirft die Entscheidung davon abgesehen eine pragmatische Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens auf:

Die EU will mit der Richtlinie die Freiheiten für so genannte verhaltensbasierte Werbung einschränken, die sich an den Präferenzen und Gewohnheiten der Nutzer orientiert. Doch ohne Cookies und andere Tracking-Technologien bleibt Onlinewerbung für Nutzer irrelevant, uninteressant und mitunter frustrierend. Dabei schreit das Netz, dessen zahlreiche kostenfreien Internetdienste die Werbevermarktung als Existenzgrundlage nutzen, nach besserer Werbung, nicht nach schlechter.

Indem der Gesetzgeber die Anpassung von Onlinewerbung an Nutzerinteressen verhindert, wird kurzfristig dem Privatsphäre-Aufschrei-Reflex mancher Nutzer und Politiker Rechnung getragen, aber in keiner Form an die mittel- und langfristigen Konsequenzen gedacht - und diese betreffen alle, nicht nur Betreiber von Websites.

Der in Europa mit hoher Priorität versehene Verbraucherschutz ist ohne Zweifel eine sehr positive Errungenschaft. Doch die aktuelle Richtlinie gibt eher den Anschein neuer Bürokratie, als dass sie Konsumenten aus einer (in diesem Sachverhalt nicht existierenden) problematischen Lage befreien würde. Zumal Nutzer jedes Browsers Cookies problemlos deaktivieren können, wenn ihnen danach ist.

Passender Lesetipp in diesem Zusammenhang: "Please Track Me and Personalize My Ads"

Update: Beachtet auch die Kommentare für ergänzende Informationen.

Update 2: heise online hat einen Artikel mit weiteren Hintergründen veröffentlicht.

(Foto: stock.xchng)

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