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30.09.13

Trend-Thema Verschlüsselung: Wie es Boxcryptor seit den Snowden-Enthüllungen erging

Auch wenn vielen Bürger das Interesse fehlt, sich intensiv mit dem Überwachungsskandal zu befassen - Verschlüsselungssoftware steht stärker im Rampenlicht als je zuvor. Die Gründer von Boxcryptor berichten, welche Folgen dies hat.

Auch wenn die Meldungen zur Überwachung des Internets durch Geheimdienste die Bevölkerung augenscheinlich relativ kalt zu lassen scheinen , ist seit dem Beginn der Snowden-Enthüllungen ein massiver Anstieg der Medienerwähnungen von Onlinediensten und Softwareprodukten zu beobachten, die Usern bei der Absicherung und Verschlüsselung ihrer Internetnutzung helfen. Selbst wenn die Ereignisse für Bürger, Gesellschaft und Demokratie unerfreulich sind, so scheint es auch Nutznießer des Skandals zu geben. Wie etwa Boxcryptor, das Augsburger Startup, dessen Software Anwendern dabei hilft, ihre bei einschlägigen Cloud-Storage-Anbietern abgelegten Dateien zu verschlüsseln. Im Gespräch mit den Gründern und Geschäftsführern Andrea Pfundmeier und Robert Freudenreich wird jedoch deutlich: Für die Bayern haben die Snowden-Leaks nicht nur positive Folgen. Erklärungsbedarf nimmt ab

"Natürlich ist das Thema Privatsphäre und Datenschutz derzeit unheimlich präsent. Vor zwei Jahren mussten wir den Leuten noch erklären, wieso sie ihre Dateien in der Cloud verschlüsseln sollten. Heute fällt die Argumentation für den Einsatz von Boxcryptor deutlich leichter", erklärt Co-Founder Freudenreich. Für Boxcryptor führten die Enthüllungen auch umgehend zu gestiegenen Downloadzahlen des für Windows, Mac OS X, Linux, iOS, Android und Chrome angebotenen Dienstes. Im Monat August betrug das Nutzerwachstum 40 Prozent mehr als im Vormonat, die verkauften Firmenpakete lagen sogar 60 Prozent über dem Juli. Die Werte pegelten sich danach jedoch wieder auf einem etwas niedrigeren Wert ein. Das Boxcryptor-Gründergespann hat folgende Theorie: Anfänglich gaben die Meldungen zu den Überwachungen ihrem Angebot und anderen Securitydiensten Rückenwind. Doch je mehr Einzelheiten bekannt wurden, desto stärker wuchs das allgemeine Misstrauen von Anwendern auch gegenüber Sicherheitstools. Speziell nachdem von durch die NSA erzwungenen Hintertüren in eine Vielzahl von Programmen die Rede war.

"Trust Nobody"

Zum Teil herrsche bei sensiblen Anwendern das Mantra "trust nobody" - "traue niemandem", was es auch denjenigen Anbietern schwer macht, die sich als die "Guten" sehen. "Wir haben viele E-Mails von Nutzern bekommen, die gefragt haben, ob es bei uns ebenfalls eine Backdoor für Geheimdienste gebe. Natürlich nicht", so Freudenreich. "Wir sind ein deutsches Unternehmen, unterliegen keiner US-Gesetzgebung, und in Deutschland beziehungsweise der EU gibt es kein Gesetz, dass einen Anbieter von Verschlüsselungssoftware dazu zwingen kann, eine Backdoor einzubauen".

"In der Summe überwiegen die positiven Aspekte der Leaks für Boxcryptor", sagt Mitgründerin Andrea Pfundmeier. Aber das mittlerweile 13-köpfige Team müsse mitunter einige Zeit dafür aufwenden, um die zahlreichen Reaktionen, Anfragen und Kundenwünsche zu berücksichtigen. "Nachdem kürzlich bekannt wurde, dass auch marktübliche Zufallsgeneratoren von der NSA manipuliert wurden, stellten wir kurzfristig ein Update für unsere Windows-Software bereit, bei der Nutzer eigene Schlüssel generieren können", beschreibt Pfundmeier die Flexibilität, die dieser Tage erforderlich ist.

Security bleibt Nische

Generell zeigt sich das Duo zufrieden mit der Geschäftsentwicklung. Im August habe Boxcryptor das erste Mal einen positiven Cashflow erwirtschaftet, das Unternehmen sei nah dran, in diesem Jahr die Marke von einer Million Euro Umsatz zu knacken. Über eine Million Mal wurde die Boxcryptor-Software bisher heruntergeladen. Während Privatnutzer vorrangig die kostenfrei angebotene Basisversion einsetzen, kommen die Premium-Accounts vor allem bei Firmen an. 70 Prozent der verkauften Lizenzen entfallen auf Geschäftskunden. Hierauf soll in Zukunft auch noch stärker der Fokus gelegt werden. Security bleibe ein Nischenthema, besonders bei Privatnutzern, da machen sich die Gründer keine Illusionen. Dies sei auch der Grund, wieso schon vor über einem Jahr stattgefundene Gespräche mit den Cloud-Giganten des Silicon Valley bisher nicht zu nennenswerten Ergebnissen in Form von Kooperationen geführt haben. "Wenn sich bei Dropbox fünf Prozent der Nutzer eine zusätzliche Verschlüsselung wünschen, dann baut der Speicherdienst dafür nicht extra sein Produkt um", gibt Freudenreich zu bedenken. Und: Wenn man bei Boxcryptor sein Passwort verliert, dann sind die Daten für immer dahin. Dass dieses nicht in der Cloud gespeichert ist, gehört ja explizit zu den Sicherheitsfeatures von Boxcryptor. Für die reichweitenstarken Clouddienste wäre es laut Freudenreich ein zu großes Risiko, eine derartige Funktionalität zu integrieren. Auch Übernahmeangebote von den US-Speicherfirmen gab es bisher keine. Andrea Pfundmeier sieht das positiv: Nutzer würden Boxcryptor ja genau deshalb verwenden, weil es nicht an einen einzigen Service gebunden ist sondern eine Vielzahl von Cloudanbietern unterstützt.

Die Cloud sicher machen - nicht nur Storage

Ende 2011 nahm Boxcryptor eine halbe Million Euro Seedkapital von Business Angels aus dem Security-Bereich auf. Davon sei noch genug auf der Bank, betont Freudenreich. Er und seine Mitstreiterin sind sich seit dem Debüt vor zwei Jahren einig, bei der Wachtumsstrategie auf Nachhaltigkeit und eine niedrige Burnrate zu setzen. "Unser Ziel war noch nie, einen auf dicke Hose zu machen", so die freilich für ein Startup recht konservativ klingende Perspektive von CEO Freudenreich. Wobei er und Pfundmeier darauf hinweisen, dass die Entwicklung eines Security-Produkts nach anderen Spielregeln verläuft als die einer klassischen Consumer-App.

Die bewusst artikulierte Bodenständigkeit des CEO-Duos bedeutet allerdings nicht, dass von Boxcryptor künftig keine großen Sprünge zu erwarten sind. "Unser Ziel war es von Anfang an, ein "Trust Provider" für die Cloud zu werden. Die Verschlüsselung von Cloudspeicher ist dabei nur das erste Produkt in einem größeren Portfolio", beschreibt Pfundmeier die Vision. "Jetzt machen wir Cloudstorage sicher. Später andere Clouddienste". /mw

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