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31.10.13Kommentieren

Das Smartphone: Ein venezianischer Spiegel

Unser Smartphone begleitet uns auf Schritt und Tritt. Ohne fühlen wir uns rastlos und unvollständig. Die Tatsache, dass gerade dieses Gerät unsere Überwachung so einfach macht, verdrängen wir gezwungenermaßen.

Nun, da jeder und jede über das enorme Ausmaß der Überwachung Bescheid weiß und die Regierungen nicht gerade vor Tatendrang sprudeln, könnte man meinen, es wäre besser, das von uns so geliebte Smartphone einmal beiseite zu legen, zu Hause zu lassen oder gar auszuschalten – schließlich entsteht ein Großteil unseres digitalen Ichs, das in der Folge die Server der NSA beseelt, auf diesem Gerät.

Geht aber nicht. Wir können das Smartphone nicht einfach nicht benutzen. Das Smartphone ist mehr als nur ein Gerät, mehr als beispielsweise ein Haartrockner. Durch intuitive Bedienung ist es mit uns verschmolzen, eine Erweiterung unserer selbst geworden: Unsere Fingerspitzen sind nicht mehr nur das Ende unserer Arme, viel mehr sind sie Schnittstellen zu einer Apparatur der Allmacht, die uns zu Alleskönnern und Besserwissern werden lässt. Innige Beziehung zu unserem persönlichen Supercomputer

Man denke daran, wie oft und schnell in Diskussionen das Smartphone gezückt wird, um mit Wissen aufzutrumpfen, das nicht unserem Hirn selbst, sondern lediglich diesem angedockten Außenposten entstammt; wie oft wir das Gerät benutzen, um uns zu orientieren oder wie häufig wir anstatt aus dem Fenster auf die Anzeige des Smartphones blicken, um zu erfahren, wie das Wetter ist. Jenseits dieser praktischen Hilfestellungen unterstützt uns das intelligente Telefon bei Dingen wie dem Messen der eigenen Herzfrequenz, der Kontrolle des eigenen Kalorienverbrauchs oder gar des eigenen Schlafes: Um möglichst ausgeruht aufzuwachen, gibt es eine Anwendung, die den Schlaf verfolgt und uns genau dann aufweckt, wenn wir uns nicht in einer Tiefschlafphase befinden.

Weil das Smartphone solch essentielle Tätigkeiten für uns übernimmt, hat es einen ganz besonderen Platz in unserem Alltag. Seit der Einführung von Apples „Siri und Google Now ist unser Telefon gar persönlicher Assistent, ähnlich dem Supercomputer HAL-9000― aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee Im Weltraum, wobei die Beziehung zu unserem persönlichen Supercomputer noch um einiges inniger scheint: In eine liebevoll von uns ausgesuchte Hülle verpackt ist uns der quasi-lebendige Begleiter in Hosen-, Hemd- oder Handtaschen zumeist näher ist als jeder Mitmensch; nachts liegt er wie ein menschlicher Partner neben seinem Besitzer auf dem Nachtkasten, vielleicht sogar unter dem Kopfpolster. Mittlerweile gibt es sogar spezielle „Matratzen― für das Smartphone, auf denen es sich von den Anstrengungen des Tages erholen und kabellos seine Batterien wieder aufladen kann, um uns untertags stets zur Verfügung zu stehen.

Die erste digitale Aktivität des Tages

Das Abschalten der Maschine ist für viele undenkbar geworden, bei manchen von uns stellt sich schon ein mulmiges Gefühl ein, wenn sie sich weiter als einige Meter vom geliebten Apparat entfernen; ist er ganz ausgeschaltet, fühlen wir uns, als hätte man uns ein lebenswichtiges Organ einfach abgeklemmt— die always on Generation ist in aller Munde, selbst wenn wir schlafen ist unser Telefon hellwach. Morgens sehnen wir uns schon bevor wir richtig aufgewacht sind nach der ersten zärtlichen Berührung, nach der Wiederaufnahme unserer digitalen Aktivitäten wie ein Nikotinsüchtiger nach der ersten Zigarette des Tages. Dieser Vergleich mit stofflichen Süchten ist dabei keineswegs überzogen, wie Studien zeigen: 2011 setzte ein Versuch an der Universität Maryland Probanden 24 Stunden einem vollständigen medialen Entzug aus, außer einem Festnetztelefon durfte keine Technologie benutzt werden. Insbesondere in Verbindung mit dem fehlenden Smartphone beschrieben Teilnehmer neben Symptomen wie körperlicher Rastlosigkeit ein Gefühl der Unvollständigkeit, der Einsamkeit und eine Unfähigkeit in der Welt zu Recht zu kommen, ohne permanent mit anderen in Kontakt zu stehen.

Im Alltag lässt sich dieselbe Dynamik bei einem Kinobesuch beobachten: Das gelegentliche Leuchten einer Anzeige im Dunkeln des Saales ist heute im Preis des Tickets mit inbegriffen, eine zweistündige Filmvorführung stellt bereits eine schwierige Durststrecke dar. Schließlich verspüren wir einen Zwang, im Minutentakt den Bildschirm zu kontrollieren, um die Welt permanent wahrnehmen zu können und nichts zu verpassen. Das geht so weit, das Smartphones zu einem häufigen Trennungsgrund geworden sind, weil einer der Partner, oder vielleicht sogar beide, nicht mehr davon loskommen. Längst ist das Klischee der technikverliebten Männer auf die Frauen übergesprungen: Einer Umfrage des Softwareherstellers AVG zufolge, würden 51 Prozent der Frauen eine Woche lang lieber auf Sex als auf ihr Smartphone verzichten; glaubt man einer anderen Umfrage, benutzt fast jeder zehnte US-Amerikaner das Smartphone gar während dem Sex!

Wer das bessere Smartphone hat, ist der bessere Mensch

Dass diese Abhängigkeits-Beziehung auch für das Kollektiv unangenehme Folgen haben könnte, hätten wir bereits ahnen können, als die Vorratsdatenspeicherung in den Medien diskutiert wurde und uns zum ersten Mal vor Augen geführt wurde, welche Flut an Daten wir unfreiwillig hinterlassen. Dank aggressivem Marketing der Hersteller mussten wir aber glücklicherweise nicht allzu lange darüber nachdenken. Alles, was an Zweifel in uns hochkam, wurde von einer verlockenden Aura der  Hyperindividualität übertüncht. Das Produkt ist auf uns persönlich zugeschnitten: wie es aussieht, welche Apps installiert sind, was es kann; all das entspricht unseren Wünschen, um möglichst hürden- wie bedenkenlose Nutzbarkeit zu ermöglichen. Anstatt einer gierigen Datenkrake, die von unserem Abhängigkeitsverhalten lebt, erblicken wir in den perfekt gestylten Oberflächen des Smartphones nur uns selbst, oder besser gesagt die Chance, das Ich aufzuwerten, die neuesten Funktionen an die Fingerspitzen zu koppeln und damit anderen ein Stück voraus zu sein, vielleicht potenter und wettbewerbsfähiger zu erscheinen. Für Skepsis oder einen Blick hinter diesen venezianischen Spiegel ist da kein Platz. Das Einzige was zählt, ist die frohe Erwartung der nächsten Generation von iPhone und Co., der neuesten Möglichkeiten und Aufbesserungen, denn wer das bessere Smartphone hat, ist in gewisser Hinsicht auch der bessere Mensch!

Verdrängung als einzige Option

Während wir in der Folge nächtelang vor den Geschäften campieren, stundenlang in der Schlange stehen und unglaubliche Summen von Geld ausgeben, um auch sicher unter den Ersten und Besten zu sein, ignorieren wir souverän, dass uns der fast penetrant-unterwürfige Begleiter, der uns die Welt unter die Kuppen unserer Finger legt, zur selben Zeit an die Geheimdienste ausliefert und unsere Privatsphäre zum Einsturz bringt – aber was bleibt uns denn auch anderes übrig als Verdrängung? Wir sind mit dem Smartphone verwachsen, sind zur Mensch-Maschine geworden, die auf den Ich-Apparat als Sinnes- und Kontrollorgan angewiesen ist. Doch bei aller Macht, die uns das Smartphone verleiht, hat unsere Cyborg-Existenz auch etwas jämmerlich Unselbstständiges und Verletzliches: Ohne unseren digitalen Fortsatz sind wir blind und taub gleichzeitig, ein hilfloser Invalider; mit ihm stehen wir unter permanenter Aufsicht und Beobachtung. Auf diese Weise in eine Duldungsstarre gezwungen, müssen wir uns letzten Endes doch wieder darauf verlassen, dass die Politik irgendwann entschieden für einen Datenschutz eintreten wird, der unserer mutierten Daseinsform gerecht wird und schützend die Hand über unsere armen, nur an uns selbst interessierten Cyborg-Seelen hält.

(Foto: technology concept - woman making self portrait with smartphone, Shutterstock)

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