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25.04.13 12:00, von Martin Weigert

Das Netz und die News-Blase: Nachrichten werden überbewertet

Erfolgreiche Menschen sind informierte Menschen, erst recht in der Internetbranche. Doch Nachrichten werden überbewertet.


BlaseIn den vergangenen anderthalb Wochen befand ich mich auf einem kleinen Roadtrip mit Freunden und versuchte, weitestgehend dem Verhalten zu entsprechen, das man gemeinhin als "Urlaub" bezeichnet: nämlich nicht zu arbeiten. Größtenteils gelang mir dies auch. Die Artikel unter meinem Namen waren vorproduziert, den Blick in das E-Mail-Postfach beschränkte ich auf wenige Minuten täglich und auch dem Konsum meiner RSS-Feeds widmete ich deutlich weniger Zeit als sonst üblich. Ganz wollte ich mich von der Nachrichtenlange innerhalb der Webbranche jedoch nicht abkoppeln. Erstens ist es als Branchenbeobachter meines Erachtens nach essentiell, über die großen und kleinen Ereignisse innerhalb des Sektors informiert zu sein - Wissen, welches man nach der Rückkehr in den Arbeitsalltag für Artikel benötigt - und zweitens macht es auch ganz einfach viel Spaß. Denn wie bei vielen leidenschaftlichen Bloggern, Tech-Journalisten und sonstigen Berichterstattern ist der Blick auf das Netzgeschehen für mich nicht nur Beruf, sondern auch Hobby. Allerdings muss ich gestehen: Lange nicht mehr empfand ich es als so ernüchternd und teilweise langweilig, während meiner kurzen "Auszeit" die Berichte rund um das Treiben innerhalb der Webszene zu lesen. Inhalte ohne Substanz

Nicht dass mein Interesse für die Branchen verloren gegangen wäre. Wie eh und je verschlang ich gut recherchierte, informative und inspirierende Texte zu den vielschichtigen Themen der Technologie- und Netzwelt, die ich auf unterschiedlichen Wegen zusammentrug und zu einem geeigneten Zeitpunkt auf meinem iPad konsumierte. Doch gleichzeitig wurde mir klar, wie vergänglich der Großteil der Nachrichten und Analysen, die Tag für Tag in schier unbegrenzter Menge ins Netz gestellt werden, eigentlich sind. Geschätzt fehlten 80 Prozent der Texte, die ich innerhalb meiner Urlaubszeit aus meinen RSS-Abos fischte oder zumindest überflog, jede inhaltliche Substanz. Die Artikel bestanden entweder aus Gerüchten und Vorab-Ankündigungen, die am Tag darauf wiederlegt oder bestätigt wurden, aus einfallslosen Analysen ohne jede Relevanz und Inspirationsfähigkeit oder aus Schilderungen von Sachverhalten, die in dieser oder sehr ähnlicher Form schon tausendfach zuvor an selber oder anderer Stelle im Netz zu begutachten waren.

Besonders deutlich wurde dies bei der Unmenge an Texten, welche die dramatischen Ereignisse rund um den Anschlag beim Marathon in Boston durch eine Tech- und Social-Media-Brille betrachteten. Wie bei jedem größeren Vorfall mit nennenswerter Nachrichtenrelevanz wurde allerorts zum tausendstens Mal durchgekaut, wie Twitter & Co die Berichterstattung verändern, und abermals wurde die Leistung von Social Media und Bürgerjournalismus bzw -recherche mit der traditioneller Medien verglichen. 99 Prozent der Perspektiven und Gedanken kannte man zur Genüge.

Ins Auge fiel mir auch, wie zahlreiche Texte künstlich aufgeblasen werden, um eine minimale Information mit Neuigkeitswert in einen scheinbar gehaltvollen Beitrag zu verwandeln. Etwa bei Analysen zur Entwicklung von Apples Aktienkurs, bei denen irgendein sachlich mehr oder weniger zutreffendes Newshäppchen mit einer zwar korrekten, aber stark nach Konserve riechenden Zusammenfassungen der Gesamtlage des Lifestyle-Elektronikunternehmens kombiniert wird.

Konsumiert weniger Nachrichten!

Eine schöne Abwechslung von meiner Unzufriedenheit mit dem, was mir von den Tech-Medien an Urlaubslektüre geboten wurde, stellte dieser Beitrag bei slate.com dar, der die systemische Schwäche der heutigen Nachrichtenlandschaft kritisiert und dies am Beispiel der Ereignisse in Boston macht. "Breaking News is Broken" - wörtlich übersetzt "Eilmeldungen sind kaputt", so der Titel. Anstatt sich viele Stunden "in Echtzeit" stückchenweise mit Informationen und Fehlinformationen über aktuelle Begebenheiten bombardieren zu lassen, wäre es besser, im Nachhinein einfach zehn Minuten für einen gut zusammengefassten und recherchierten Text beim bevorzugten Nachrichtenmedium aufzuwenden, so der Autor.

Zumindest in meiner Rolle als Medien- und Newskonsument stimme ich dieser Sichtweise zu. Zu viel Zeit verschwenden wir als "Verbraucher" heute damit, uns mit Nachrichten berieseln zu lassen - bei denen es sich häufig nicht einmal um Nachrichten handelt, sondern um Nachrichtenpartikel, Gerüchte und Belanglosigkeiten, die sich in keiner Form positiv auf das Leben oder die berufliche Tätigkeit auswirken. Im Grunde ist ihr Zweck einzig und allein Unterhaltung, kaum anders als bei einer TV-Reality-Show oder einem Kreuzworträtsel. Daran ist freilich nichts verwerflich. Beim Nachrichtenkonsum fehlt uns aber häufig die Einsicht, warum wir das Gefühl haben, jedes Detail eines Bombenanschlags, einer Geiselnahme oder eines beliebigen anderen Medienevents irgendwo auf der Welt möglichst "live" mitverfolgen zu müssen, anstatt im Nachhinein mit minimalem Zeitauwand ein maximales Level an sachlich korrekter Information zu erhalten.

Die Luft aus der News-Blase lassen

Gleiches gilt auch für die Internetwirtschaft und den Technologie-Bereich. Zwar benötigen Unternehmer, Startup-Teams, Kreative, Investoren, Aktienbesitzer und Analysten möglichst aktuelle Einblicke und Informationen, um kritische und sensible Entscheidungen treffen zu können. Und rechtzeitig über neue Apps, Onlinedienste und Startup-Gründungen zu erfahren, ist für neugierige Personen und Early Adopter auch einfach eine Freude. Doch ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Luft aus der mit der Digitalisierung und dem Aufkommen von sozialen Medien sowie dem Realtime Web entstandenen News-Blase entweichen zu lassen. Der Weg dorthin läuft über die Nachrichtenkonsumenten, die sich in Newsverzicht üben und - sofern es für ihr berufliches oder privates Vorankommen nicht erforderlich ist - ganz einfach weniger Zeit damit verbringen, künstlich aufgeblähte und mit Geschmacksverstärkern aufgepeppelte Nachrichtenkost zu sich zu nehmen, die sie nie sättigt, ihnen aber viel Zeit nimmt. Wie bei Lebensmitteln ist es gar nicht so leicht, überhaupt das Vorhandensein eines Problems wahrzunehmen - bis es einem wie Schuppen von den Augen fällt.

Bis zu einem gewissen Grad werden Nachrichten überbewertet, so mein Fazit aus dieser Reflexion. Wo das ideale Maß an Informations- und Newskonsum liegt, wird von Person zu Person variieren. Die eigenen Gewohnheiten diesbezüglich aber einmal zu hinterfragen, schadet sicher nicht. Und als Redakteur und Autor nutze ich diese Erkenntnis auch dafür, an der eigenen redaktionellen und inhaltlichen Linie zu arbeiten. Denn dafür ist ja Urlaub auch da: Um gestärkt und mit neuen Ideen zurück an die Arbeit gehen zu können. /mw

(Foto: stock.xchng/calyssa)

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Kommentare: Das Netz und die News-Blase: Nachrichten werden überbewertet

Wie recht du hast! Besonders auf den Nerv geht mir das bei den ganzen Technews-Seiten! Anstatt einfach mal selber kreativ zu sein und wirklich Artikel mit Informationsgehalt zu produzieren wird nur dieses ganze belanglose Zeug gepostet.

Diese Nachricht wurde von m106 am 25.04.13 (12:11:12) kommentiert.

Rolf Dobelli: Vergessen Sie die News! http://dobelli.com/wp-content/uploads/2011/06/Dobelli_Vergessen_Sie_die_News.pdf

Diese Nachricht wurde von Jan am 25.04.13 (20:56:33) kommentiert.

Geht mir auch nach jedem Urlaub so! Man denkt sich dann: Oh mein Gott, und so n Mist lese ich jeden Tag, und finde es auch noch spannend :)

Diese Nachricht wurde von Christian Baer am 25.04.13 (21:04:03) kommentiert.

hallo martin, du sprichst mir aus der seele. news der news wegen, davon leben spiegel online & co. hast du tipps aus deinem täglichen medienkonsum für hintergründige (blog-) alternativen aus dem politik-, tech- und vc-bereich? beste grüße uwe

Diese Nachricht wurde von Uwe Frers am 26.04.13 (08:49:19) kommentiert.

Interessant zu dem Thema auch dieser Auszug aus einem Essay beim Guardian: News is bad for you – and giving up reading it will make you happier http://m.guardian.co.uk/media/2013/apr/12/news-is-bad-rolf-dobelli

Diese Nachricht wurde von igor am 26.04.13 (10:49:04) kommentiert.

Jeder 3 Techblog berichtet über neue Googledoodles. Als ob ich die nicht selbst entdecken würde. Und ja, die Techblogger sind einfach nur zur kostenlosen aber nervenden Werbeplattform der Handy&Co-Industrie geworden. Lange funktioniert dass nicht mehr.

Diese Nachricht wurde von duugle am 26.04.13 (12:20:50) kommentiert.

Inspirirender Artikel, danke! So spüre ich das auch schon eine Weile, aus Mangel an 'Alternativ-Spaß' mach ich aber immer weiter damit... Und wie Du sagst, mit Abstand betrachtet ist das alles wahnsinnig lächerlich.

Diese Nachricht wurde von Maxi am 26.04.13 (22:30:39) kommentiert.

So was gehört auf den privaten Blog...

Diese Nachricht wurde von James am 26.04.13 (22:54:23) kommentiert.

Nachrichten werden im Nachherein auch in Hinsicht auf die Printmedien überbewertet. Deren Hauptnutzen war (und ist noch) nämlich vor allem ein gesellschaftlicher und (über Abos hinaus) weniger ein individueller. Und zwar in der Hinsicht, dass die Presse eine gesellschaftliche Wächterfunktion ausübt über sämtliche andere Bereiche und man dann von Rechercheergebnissen regelmäßig in der Tagesschau erfährt. Die Übersichtsprobleme mit den Nachrichtenfluten resultieren wohl daraus, dass sich Onlinemedien und Aggregation immer noch in einem Embryonalstadium befinden und sich noch wenig tragfähige systematische inhaltliche qualitative Strukturen herausgebildet haben. Die Onlineableger der alten Printmedien haben ja noch kaum einen rechten tragfähigen Begriff von sich selbst als Onlinemedien und wie sie insbesondere ökonomisch etabliert werden. Das geht dann eben auch mit entsprechendem Chaos in der Informationsorganisation einher. Onlinemedien befinden sich noch in jeder Hinsicht im Aufbau, die gemeinen User stehen derweil im Informationsregen.

Diese Nachricht wurde von Michael am 27.04.13 (17:54:42) kommentiert.

Wie Recht Sie haben! Wundervoller Artikel mit großem Wahrheitsgehalt... Die Problematik geht noch weiter: Aus Angst und Panik, altbacken zu sein wird gerne auch Falsches berichtet und Wahrheiten verzerrt, denn Falsches nachträglich zu korrigieren scheint akzeptabler, als Falsches erst gar nicht zu berichten und non-aktuell zu wirken. Traurig.

Diese Nachricht wurde von Iwanitoo am 28.04.13 (09:20:50) kommentiert.

Witzig: Gerade befasse ich mich mit der Frage, wie ich meinen News-Konsum weiter einschränken könnte - da stosse ich auf dieses Posting hier. Mich hat der Artikel auf skate.com ebenfalls nachdenklich gemacht. Was mich darüber hinaus immer mehr nervt, ist die Tatsache, dass es sich bei gefühlt 50% der "Nachrichten" eigentlich um PR-Meldungen oder Propaganda (in irgendeiner Form) handelt. Das ist auch im Teich-Bereich nicht anders.

Diese Nachricht wurde von Thomas L. am 28.04.13 (22:28:01) kommentiert.

Meinte natürlich “slate.com”. Und “Tech-Bereich”. Schrecklich, diese Auto-Korrektur :-/ Aus unerfindlichen Gründen kann ich übrigens meinen obigen Kommentar nicht bearbeiten (Typos). Diesen hier hingegen schon. Seltsam…

Diese Nachricht wurde von Thomas L. am 28.04.13 (22:34:57) kommentiert.

Mein Tipp! "Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt." (unbekannt) Schöne Grüsse aus München Rainer Ostendorf

Diese Nachricht wurde von Rainer Ostendorf am 29.04.13 (10:31:50) kommentiert.

Passend dazu dieser Artikel in der "Times of India": "News is to the mind what sugar is to the body" http://timesofindia.indiatimes.com/home/opinion/interviews/News-is-to-the-mind-what-sugar-is-to-the-body/articleshow/19890014.cms

Diese Nachricht wurde von Rob Zen am 11.05.13 (11:18:33) kommentiert.

Danke für den Link! Schönes Zitat. Auch wenn ich ihm nicht in allen Punkten zustimme, und manche Argumente sind eher schwach.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 12.05.13 (13:05:18) kommentiert.
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