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15.01.13

Das Netz im Jahr 2013: Im Tal der Enttäuschungen

Schon einmal, nach dem Platzen der Dotcom-Blase, durchschritt das Internet als technologische Errungenschaft Gartners "Tal der Enttäuschungen". Seitdem stiegen die Erwartungen unaufhörlich. Bis jetzt.

Als Ende der 90er Jahre das Internet als neuer Heilsbringer gefeiert wurde, stiegen alle Erwartungen ins Unermessliche. Sobald dann die Dotcom-Blase auf dem Höhepunkt der überzogenen Erwartungen zerplatzte, folgte die große Enttäuschung, bevor sich in den Folgejahren herausstellte, dass das Netz trotz des Crashs tatsächlich das Zeug dazu hat, den Alltag von Menschen und Unternehmen zu revolutionieren. Nur hielten sich die Hoffnungen anschließend im Rahmen und erreichten nicht mehr die euphorischen Zustände der New Economy. Die skizzierten Phasen entstammen natürlich Gartners Hype-Zyklus, der sich immer bestens dafür eignet, das Entwicklungsstadium neuer Technologien einzuordnen. Der Hype-Zyklus lässt sich dabei sowohl auf übergeordnete technologische Trends als auch auf den Reifegrad spezifischer Technologien anwenden. Ich bekomme in der letzten Zeit den Eindruck, als würde die digitale Landschaft nach einem längeren "Plateau" und einem darauffolgenden neuerlichen Gipfel überzogener Erwartungen im Jahr 2013 wieder ein temporäres Tal der Enttäuschungen erreichen. Allernorts zeigen sich Menschen ernüchtert von Phänomenen und Entwicklungen, die noch kurz zuvor bejubelt und mit Nachdruck eingefordert wurden. Social Media und der dadurch angetriebene Narzissmus der Nutzer sorgen mittlerweile genauso für Unmut wie der ausartende Technologie-Journalismus. Die Selbstbweiheräucherung der Startup-Szene ruft Kritiker ebenso auf den Plan wie der schlechte Einfluss des Kapitalismus auf das Netz. Facebook fehlt der einstige Reiz (was sich vielleicht heute Abend ändert), Social Reader sterben und Social Gaming ist in der Krise. Allein in den USA stehen über 1000 Jungunternehmen vor dem unfreiwilligen Ende und einstmals als besonders sexy geltende Webdienste mit Endanwenderfokus sind jetzt out. Produktivitätsapologeten befassen sich mit den negativen Folgen der Always-On-Kultur oder mit einer radikalen Simplifizierung der Onlinenutzung, die vor allem darin besteht, Webservices und Apps weniger Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, sich vom Medienfluss abzukoppeln und mit dem Twittern aufzuhören . Und Michael Arrington ist gelangweilt.

Freilich ist dies eine bunte und wilde Ansammlung von Einzelmeinungen, selektiven Beobachtungen und subjektiven Analysen. Doch nach sechs Jahren Berichterstattung über die Web- und Tech-Branche sehe ich in den letzten Monaten und Wochen ein wiederkehrendes Muster: eine allgemeine Ernüchterung und Ermüdung speziell bei denjenigen, die viele Jahre lang mit ungebrochenem Optimismus und ungeheurer Energie die Digitalisierung und ihre Folgen beklatscht haben.

Was gerade geschieht, ist nicht das Platzen irgendeiner Blase. Davon sind wir weit entfernt. Die Substanz ist da. Anwender alias Kunden sind es auch, ebenso wie Umsätze und Gewinne. Das Web hat sich zum Massenphänomen sondergleichen entwickelt, und abgesehen von einigen unbeirrbaren Offlinern macht nahezu jeder Mensch mit einem Netzzugang in der Nähe von diesem bestmöglichen Gebrauch. Gleichzeitig werden dauerhafte Herausforderungen sichtbar, unbewegliche Bremsklötze in den Köpfen, schwer an die neuen Voraussetzungen anpassbare Geschäftsmodelle und eine abwartende Haltung gegenüber einigen Konzepten selbst bei Early Adoptern. Auf die Begeisterung und den Optimismus der Web-2.0- und Social-Media-Jahre folgt Realismus. Manches geht voran wie vermutet, manches auch nicht. Vorzüge des digitalen Zeitalters und der globalen Vernetzung werden deutlich, Schattenseiten aber auch. Menschen, die sich bisher gar nicht genug im Netz herumtreiben konnten, haben plötzlich genug und suchen zumindest temporäre Auswege.

Ich glaube, 2013 erleben wir das Tal der Enttäuschungen in einem sich wiederholenden Hype-Zyklus. Manche Netzapologen und -macher brauchen eine Pause nach vielen Jahren hohen Engagements und einer intensiven Beteiligung an allen nur erdenlichen Hypes und Experimenten. Speziell diejenigen, die schon länger dabei sind.

Während wir dieses Tal durchschreiten, werden einige Relikte aus der Vorzeit auf der Strecke bleiben. Bestimmte Verhaltensmuster, Onlinedienste ohne wirklichen Mehrwert, Geschäftsmodelle, die nur kurzfristig, aber nicht auf Dauer funktionieren. Je mehr Ballast wir zurücklassen, desto energievoller und motivierter können wir das Tal wieder verlassen. Schwerfallen wird uns dies nicht, immerhin stehen momentan unzählige spannende Innovationen in den Startlöchern und kurz vor der Marktreife, von 3D-Brillen, Phablets und E-Learning über Smart Cars und Smart Cities bis zu künstlicher Intelligenz, E-Healt und dem Internet der Dinge. Im Grunde genommen gibt es weder Anlass für Langeweile noch für Enttäuschung. Man nennt es Jammern auf hohem Niveau. Doch es liegt in der Natur des Menschen, ungeduldig zu sein und das Erreichte kurze Zeit später für selbstverständlich zu halten. An diesem Punkt befinden wir uns gerade - aber wahrscheinlich nicht sehr lange.

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