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26.02.14Leser-Kommentare

Das Internet ist kein Spielzeug mehr: Wer über Technologie berichtet, trägt Verantwortung

Die Zeiten, in denen das Internet und digitale Technologie vor allem ein Spielzeug waren, sind vorbei. Mittlerweile geht es um die Zukunft unserer Gesellschaft - und um viele Milliarden. Wer über diese Themen berichtet, trägt eine ziemliche Verantwortung.

SpielzeugDas Internet und verwandte Technologien sind nicht mehr die Spielzeuge von einst, die Interessierte in kindliche Begeisterungsstürme ausbrechen ließen. Heute ist das Netz der Motor der Welt.

Ohne digitale Technologie geht nichts mehr. Und die Firmen, die einst, frisch aus den Garagen gekrochen, unsere Fantasie anregten, gehören heute zum milliardenschweren Establishment. Ihre Visionen sind nicht verschwunden. Doch ihre Macht, die Zwänge der Wirtschaft sowie die Bedürfnisse von Geldgebern und Aktionären erfordern es von ihnen, ohne Rücksicht auf Ideale zu agieren. Nicht Bosheit treibt sie an, sondern das System. Es herrscht purer Pragmatismus: Ob Kooperationen mit Geheimdiensten, Aufweichung der Netzneutralität, Verletzungen des Datenschutzes, Aufkäufe zum Nachteil von Anwendern, massive Steuervermeidung oder aggressiver Lobbyismus - was in den Augen der Technologiegiganten sein muss, muss eben sein.

Aufgrund dieses Wandels muss sich auch die Berichterstattung weiterentwickeln. Wer immer nur jubelt, der handelt verantwortungslos. Der Politik fehlt der Durchblick, um durchdachte, besonnene Entscheidungen zu treffen und komplexe Situationen rechtzeitig zu erfassen. Wir Blogger und Journalisten, die sich den ganzen Tag mit der Branche befassen, haben hier Vorteile. Und ich glaube, wir tragen eine Verantwortung, ausgewogen und kritisch die Ausbreitung der Digitalisierung zu beleuchten und zu kommentieren. Kritisch im Hinblick auf alle Seiten: Die alte Garde, die durch das Web ihre Felle davonschwimmen sieht; Nutzer, deren artikulierte Bedürfnisse oft nicht mit ihren Handlungen übereinstimmen; und Startups sowie Webkonzerne, die in ihrem energischen Expansionsdrang alles niederwälzen.

Als WirtschaftsWoche-Redakteur Michael Kroker kürzlich mit der Berliner Startup-Szene abrechnete und für eine heftige Debatte sorgte, war ich inhaltlich in vielen Punkten nicht bei ihm. Doch in seinem späteren Résume schrieb er etwas, dem ich aus vollem Herzen zustimme:

"Journalismus heißt aber in unseren Augen eben nicht “wohlwollende Begleitung” [...]. Ganz im Gegenteil: Gerade dass wir auch auf Fehlentwicklungen oder sonstige Negativ-Aspekte innerhalb der Startup-Szene hinweisen, ist ein zutiefst journalistischer Ansatz"

Für Branchenmedien mit einem ausschließlichen Fokus auf IT- und Netzthemen ist meines Erachtens nach gelegentliche wohlwollende Begleitung durchaus in Ordnung. Aber ausschließlich Partei für Startups und Netzunternehmen zu ergreifen, hieße, sich in eine PR-Maschine zu verwandeln, wie es manche US-Techblogs sind. So kann man beim inoffiziellen Silicon-Valley-Sprachrohr TechCrunch trotz Besitz von Facebook-Aktien und einer Liebesbeziehung mit einem Investor der Internetbranche als leitende Redakteurin tätig sein. Unabhängige, kritische Berichterstattung ist undenkbar. Und wir sprechen hier nicht über ein kleines Hobbyblog ohne Meinungsmacht.

Doch es braucht eine unabhängige Berichterstattung. Heute mehr denn je. Software frisst die Welt, wie es so schön heißt. Das Internet ist kein Spiel mehr, sondern voller Ernst. Technologie verändert und beeinflusst alles: Gesellschaft, Wirtschaft, Wissen, Konsum, Wohlstand. Per se allem Neuen ablehnend gegenüberzustehen, so wie es einige Leitmedien gerne praktizieren - erst recht dann, wenn Google, Facebook oder Amazon irgendetwas "verzapft" haben - ist genauso problematisch, wie immer so zu tun, als hätten die Disruptoren oder der persönliche Lieblingsdisruptor - ob er nun Apple, Google oder wie auch immer heißt - nur das Beste der Allgemeinheit im Sinn. Ich finde, von beiden Extremen gibt es noch immer viel zu viel. /mw

Foto: Young caucasian business woman playing on computer (with steering wheel), Shutterstock

Kommentare

  • Carsten Pötter

    26.02.14 (15:04:03)

    Würdest Du tatsächlich die Berichterstattung in USA und Europa gleichsetzen? Bei europäischen Blogs sehe ich z.B. eher eine neutrale bzw. abwägende Einstellung. Die traditionellen Medien hyperventilieren natürlich bei Google, Amazon,... :) Die US Blogs sind wahrscheinlich zu nah am Geschehen. Sie haben täglich mit Millionären bzw. Milliardären zu tun. Da kommt m.E. Neid auf. Das Resultat sind dann eben Leute wie Alexia Tsotsis; sie wollen einen Teil des Kuchens abhaben. Aber das konnte man eigentlich auch schon relativ früh z.B. bei Arrington erkennen.

  • Steve Nitzschner

    26.02.14 (17:02:15)

    Ich arbeite als Deutscher in Brooklyn/NY und empfinde die hiesigen Tech-Journalisten hier als weitaus informierter und tief-gründige als es in Europa der Fall ist. Auch völlig verständlich: Wenn man den ganzen Tag am Puls der Zeit sowie Höhe der Entwicklung ist und einem Journalisten auch 50-300 Pitches am Tag eingereicht werden, muss man auch das ein oder andere Thema feiern! Generell erleben wir gerade, dass sich nicht mehr viele sexy Themen bei den Journalisten durchkommen. Wann gab es denn den letzten Punk im Start-Up Biz? Wer reißt uns noch mit Technologie vom Hocker?! Ja, wir brauchen Begeisterung. Und ja, wir brauchen auch Reflektion. Ein Sodom und Gomorra einer Branche. Danke für den Artikel! Steve // CXO Compass.to

  • Martin Weigert

    26.02.14 (18:58:04)

    @ Steve Nitzschner Danke. @ Carsten Pötter Ich denke auch, dass den US-Blogs die Distanz fehlt, und sicher sind dort direkte monetäre Anreize ein größeres Problem. Aber auch bei uns gibt es ja klassische Fanboy-Diskussionen in Fachmedien, in denen dann schnell der persönliche Favorit zum Heiligen erklärt wird. Und indirekte Vorteilsnahme wie Einladungen zur Google-Party, die Aufrechterhaltung eines guten Kontakts zu Apple oder die Möglichkeit, frühzeitig neue Facebook-Services zu testen, findet auch hier statt. Bei Arrington habe ich immer das Gefühl, er ist einerseits total verstrickt in alles, hat aber andererseits kein Problem damit, auch einmal seinen "Verbündeten" unerwartet ordentlich eine virtuell reinzudrücken. (ich denke hier z.B. an seine Frage an alle Startups, wieso sie sich nicht contra NSa positionieren). Vielleicht irre ich mich, aber ich halte ihn für weitaus mehr integer als viele andere in der US-Szene.

  • Michael

    27.02.14 (14:44:03)

    Sicher brauchen Medien grundsätzlich Verantwortung, übers Internet wie über alles andere sonst. Das freie Internet ist aber, wenn jeder in ihm publizieren kann, wohl oder übel auch ein Stück weit Anarchie. Insofern kommen mit dem Internet auch viel höhere Anforderungen an Medienkompetenz auf die User zu, die Spreu vom Weizen zu trennen.

  • Jan Thomas

    28.02.14 (12:47:19)

    Hallo Martin, Ein Journalist ist nur dann ernst zu nehmen, wenn er unkorrumpiert berichtet. Er ist schließlich kein Lobbyist. Dennoch denke ich, dass ein Journalist auch eine gewisse Verantwortung hat. Diese steigt m.E. mit zunehmender Auflage / Reichweite. Je mehr Leser ich erreiche, desto besser sollte ich recherchieren. Leider hat die Wirtschaftswoche einen "Journalisten" auf ein Thema gesetzt, der sich a) von seiner reißerischen Headline hat korrumpieren lassen (der Tenor des Artikels war klar, bevor die Recherche abgeschlossen war) und der sich b) mit dem Thema Startup-Szene Berlins keinen Deut auskennt. Bei der Bitkom-Veranstaltung "From Startups to Sustainable Growth" am vergangenen Mittwoch gab es über den Qualitätsverlust der Wirtschaftswoche im allgemeinen und über Kroker (die Angela Merkel der Startup-Szene...) im Speziellen nur allgemeines Schmunzeln. Am Tisch saßen Delivery Hero (gerade 88 Mio US$ eingesammelt), Auctionata (gerade 20 Mio US$ eingesammelt) und Outfittery (gerad 13 Mio Euro eingesammelt) - offensichtlich 3 Startups, von denen Herr Kroker noch nie gehört hat - oder, falls doch, die einfach nicht zu seiner Headline passen wollen. Deswegen finde ich es amüsant, dass Du aus allen Sätzen von Herrn Kroker tatsächlich den einen richtigen herausfischt, der von ihm aber zeitgleich im völlig falschen Kontext missbraucht wird - denn wir gesagt: Ich stimme Dir vollends zu - aber Kroker hat mit "zutiefst journalistischen Ansätzen" echt nichts am Hut. Ansonsten bin ich aber total bei Dir - und stimme auch Steve Nitschner vollends zu.

  • der buklige Jaucher

    08.03.14 (03:57:36)

    Hier geht es um die, zuvor undenkbare Berührung ordinärerer Bürger, mit den tiefen Staaten, oder die tatsächlichenStrukturen informeller Netzwerke, welche massgeblichen Einfluss auf persistente Strategien und Strukturen, ausüben Einen Teil der nu wurl oda, wie manch paranoider Spinner gerne fabuliert, aber nach Snowden wohl ätzende Realität ist. Jeder kann unvermittelt in Berührung mit Dingen kommen, die man lieber nicht kennengelernt hätte.

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