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22.04.14

Das große Entbündeln: Für jeden Zweck eine eigene App

Social Networks und Clouddienste wie Facebook, Dropbox, LinkedIn und Twitter ändern unisono ihre Strategie und beginnen damit, für besondere Einsatzszenarien separate Apps bereitzustellen. Die Spielregeln des Ökosystems werden neu geschrieben.

AppsDie Webwirtschaft ist trotz aller vorgezeichneten Pfade immer noch für handfeste Überraschungen gut. Was sich gerade rund um die führenden sozialen Netzwerke und an Endkonsumenten gerichteten Clouddienste abspielt, hat vor zwei Jahren wohl niemand geahnt: Anstatt dass sie immer mehr Dienste unter einem Dach vereinen, setzen sie auf die große Entbündelung. Die Devise lautet nicht länger "eine Anwendung für alles", sondern "für jeden Service eine eigene App".

Facebook machte den Anfang und bietet mittlerweile neben der Haupt-App verschiedene Special-Interest-Anwendungen, von Instagram und WhatsApp über Paper bis Messenger. Wie ernst es CEO Mark Zuckerberg mit der Multi-App-Strategie ist, zeigt der Plan, die Chatfunktion komplett aus der Original-Applikation zu entfernen. Auch der Cloudpoinier Dropbox verfolgt den Ansatz verschiedener, durch eine einheitliche Nutzerverwaltung zusammengehaltener Apps, die jeweils für ein bestimmtes Anwendungsszenario die beste User Experience bieten sollen. LinkedIn sieht ebenfalls viel Potenzial darin, bestimmte Services auszulagern. Mit Pulse , LinkedIn Contacts und Cardmunch bietet das Geschäftsnetzwerk bereits einige Standalone-Apps. Ein bis zwei weitere sollen 2014 folgen. Selbst Twitter folgt dem Trend - mit Vine betreibt der Microblogginganbieter eine Video-App. Zudem versuchte er sich an einer eigenen Musik-App - diese allerdings wurde wegen ausbleibendem Erfolg schon wieder eingestellt. Aber es dürfte nicht lange dauern, bis der Zwitscherdienst die nächste separate App veröffentlicht. Twitter News vielleicht?! Aus der Not eine Tugend machen

Der scheinbare Konsens der Webriesen über den Sinn der Multi-App-Strategie darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die neue Marschrichtung teilweise schlicht aus der Not heraus geboren wurde. Als Facebook vor zwei Jahren die Übernahme von Instagram bekannt gab, ging es Firmenchef Mark Zuckerberg dabei in erster Linie darum, eine eventuelle künftige Bedrohung für das Social Network unter eigene Kontrolle zu bringen und sicherzustellen, dass sich kein anderer Wettbewerber das Foto-Sharing-Startup unter den Nagel reißt. Da eine Integration von Instagram in Facebooks Kernangebot rein praktisch kaum möglich erschien, entschloss man sich im Hause Facebook, den Dienst einfach als eigenständige Sparte weiterzubetreiben. Die Strategie verschiedener, voneinander losgelöster Apps war geboren. Mit WhatsApp wiederholt sich das Spiel. Ob das alles ultimativ Sinn ergibt, weiß heute niemand.

Ein anderes Motiv, dass die Onlinefirmen zur Entbündelung und Auslagerung gewisser Funktionen in eigenständige Applikationen bewegt, ist die Hoffnung auf eine in der Summe gesteigerte Nutzeraktivität. Wie bei der klassischen Mehrmarkenstrategie, bei der verschiedene Konsumgütermarken des selben Herstellers miteinander konkurrieren, steht am Ende die Möglichkeit, im Gesamtmarkt zusätzliche Anteile zu gewinnen. Wenn Facebooks Original-App sukzessive weniger oft von Usern aktiv verwendet wird, sie dafür aber mehr Minuten mit Instagram, WhatsApp und Messenger verbringen, ist Facebook am Ende trotzdem Profiteur. Gerade im mobilen Bereich, in dem sich im Gegensatz zur Desktop-Ära zu einem beliebigen Zeitpunkt der Großteil der Aufmerksamkeit eines Users auf einen einzigen Dienst beziehungsweise auf eine App richtet, ist jede Minute, in der Anwender sich nicht mit der App der Konkurrenz befassen, ein kleiner Sieg.

Neue Spielregeln im Social Web

Mit der Multi-App-Strategie verändern sich einige Rahmenbedingungen des Social-Web-Ökosystems. Die führenden Unternehmen können plötzlich in Nischen und Segmente vorstoßen, die bisher für sie aufgrund der fehlenden Integrationsmöglichkeiten mit dem Originalprodukt unattraktiv erschienen, wie Mark Zuckerberg in diesem Interview erklärt. Dadurch erhöhen sich die Chancen für Startups fernab des klassischen Social Networkings, von den Anbietern aufgekauft zu werden. Gleichzeitig schwächen die Branchenriesen den Lock-In-Effekt, wenn sie wie Facebook bei Instagram oder WhatsApp oder wie Twitter bei Vine auf den Zwang zur Nutzung der existierenden Onlineidentität verzichten. Für User, den Wettbewerb und Neulinge sind das allerdings gute Nachrichten.

Lange Zeit sah es so aus, als gäbe es vor den "Winner takes it all"-Tendenzen der Social-Web-Sphäre kein Entkommen. Doch mit dem vom Aufstieg mobiler Geräte ausgelösten Wandel in der Internetnutzung und dem Auftauchen von Apps, die einfach ihre eigenen Spielregeln schrieben, anstatt denen der Marktgrößen des "Desktop-Internets" zu folgen und den dort etablierten Social Graph einzusetzen, gerät schlagartig die gesamte Branche in Bewegung. Instagram, WhatsApp und der von den Giganten begehrte Foto-Service Snapchat haben einige Steine ins Rollen gebracht, die sich nach und nach zu einer Lawine entwickeln. /mw

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