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13.01.07Kommentieren

Das geschlossene iPhone: Wiederholt Apple die Fehler der Vergangenheit?

Nach all der Aufregung über das von Apple diese Woche angekündigte iPhone stellte sich zumindest in Gadget-Kreisen schnell eine gewisse Ernüchterung ein: Das iPhone wird zwar unter dem Betriebsystem OS X laufen, aber eine geschlossene Plattform sein. Das heisst, dass die User nicht einfach Applikationen von Drittanbietern installieren können. Apple wird definieren, was auf dem iPhone läuft und was nicht.



Das erinnert leider ziemlich an die Anfangszeiten des Mac, als Apple eine erheblich geschlossenere Plattform als die Konkurrenz hatte. Während Apple versuchte, das Mac-Konzept möglichst rein und auf höchster Qualitätsstufe zu halten, bemühten sich Microsoft und IBM, so viele Drittanbieter wie möglich zum Schreiben von Software und Entwickeln von Peripherigeräten für MS-DOS-PCs zu bewegen. Wir wissen, wie dieser Philipsophiestreit endete: Die (relativ) offenere Plattform dominierte die letzten 20 Jahre PC-Geschichte. Sogar Steve Jobs höchstpersönlich <a href="http://www.

nytimes.com/2007/01/11/technology/11cnd-apple.html?_r=2&ref=business&oref=slogin&oref=slogin">äusserte sich inzwischen schon zur Geschlossenheit des iPhones:




«You don’t want your phone to be like a PC. The last thing you want is to have loaded three apps on your phone and then you go to make a call and it doesn’t work anymore. These are more like iPods than they are like computers.»


Nun ist diese Begründung natürlich sehr fadenscheinig, weil erstens Millionen von offenen Smartphones schon heute in den Netzen ohne echte Probleme funken und zweitens auch der iPod mit seinen Gazillionen von Zusatzprodukten inzwischen zumindest eine halboffene Plattform geworden ist.




Fairerweise sei gesagt, dass praktisch alle etablierten Smartphone-Plattformen mal mit einem geschlossenen Modell angefangen haben. Der Symbian-Pionier Ericsson R380 war total zu, hatte aber auch zu geringe Fähigkeiten, um gross erweitert zu werden. Das erste Windows Smartphone (Orange SPV) war geschlossen, wurde aber bald gehackt. Und der in Businesskreisen so beliebte BlackBerry war bis vor kurzem ebenfalls eine völlige geschlossene Plattform. Vielleicht ist Geschlossenheit eine notwendige Evolutionsstufe?




Sowohl Mobile Operators wie auch Businesskunden (bzw. deren IT-Abteilungen) schätzen die zusätzliche Zuverlässigkeit geschlossener Plattformen durchaus. Viele Enduser hingegen -- gerade die gadgetbegeisterten, die vielleicht $599 für ein iPhone hinblättern würden -- würden gerne zusätzliche Anwendungen installieren können, und seien es nur die inzwischen recht beliebten Java-Games. Aber auch "ernsthafte" Applikationen wie z.B. das sehr nützliche Google Maps (das beim iPhone allerdings schon eingebaut ist) kommen aus Drittquellen und benötigen eine offene Plattform.




Wie um alles in der Welt kommt Apple da auf die seltsame Idee, das iPhone vor bösen Drittapplikationen schützen zu müssen? Das ist in einer Welt lauter offener Smartphones ja wohl ein extremer Rückschritt. Nochmal Steve Jobs:




«These are devices that need to work, and you can’t do that if you load any software on them. That doesn’t mean there’s not going to be software to buy that you can load on them coming from us. It doesn’t mean we have to write it all, but it means it has to be more of a controlled environment.»


Aha, daher weht der Wind. Apple möchte an der Software für sein neues Wundergerät gern umfassend mietverdienen, genauso wie an der legal downgeloadeten Musik für den iPod. Das kann man Steve & Co. eigentlich ja nicht verübeln, genau das gleiche machen auch die Mobile Operators und die Hersteller von Spielkonsolen.




Die Frage ist nur, ob sich Apple damit in der aktuellen Marktsituation nicht selber in den Fuss schiesst. Bei einem relativ "dummen" Gerät wie einem iPod mag es akzeptabel sein, dass man nicht all zu viel an der Software herumschrauben kann. Aber das iPhone wird sich dem Direktvergleich mit seinen Konkurrenten stellen müssen, und die bieten derzeit allemal mehr Flexibilität. Bei Smartphones hat heute eine starke Entwicklercommunity einen wichtigen Einfluss, und das darf man nicht ignorieren. Mein aktuelles Telefon, das Nokia E61, hätte für mich persönlich erheblich weniger Nutzen, wenn ich nicht ein paar Applikationen von Drittanbietern einsetzen könnte.




Sieht das Steve Jobs wirklich total anders? Das kann ja eigentlich kaum sein. Es liegt der Verdacht nahe, dass Apple mit dieser radikalen Haltung jetzt einfach mal den Markt testet. Offenheit ist keine binäre Angelegenheit. Niemand hindert Apple daran, die iPhone-Plattform später stufenweise zu öffnen, genauso, wie man es mit dem iPod und früher auch mit dem Mac gemacht hat. Dass man dabei sorgfältig darauf achten wird, auch fleissig mitzuverdienen, versteht sich von selbst.

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