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28.01.09

Das Follower-Prinzip: Mit mehr Individualismus zum besseren Web

Die Möglichkeit, sich aus kleinteiligen Elementen eine Gesamterfahrung zusammenzusetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngsten Entwicklungen des Webs. Eine Analyse.

Following me, following you.

Mein Twitter und ich

Als ich Anfang 2007 auf den heute in Userzahlen explodierenden Mikroblogging-Dienst Twitter stoß, durchlief ich die üblichen Phasen, die nahezu jeder Twitter-Nutzer kennt:

Als ich das erste Mal davon hörte, konnte ich meinen Ohren nicht trauen. Was ist so besonders an einem Dienst, der mit so vielen absurden Einschränkungen kommt, dass so viele euphorisch davon berichten? Es ergab keinen Sinn. Besonders in den US-Blogs waren die ersten Twitter-Nutzer begeistert. Twitter hatte seine erste Erfolgswelle durch das SXSW-Festival 2007. Schließlich sagte ich mir, wenn so viele intelligente Menschen begeistert sind, muss etwas dran sein, und probierte den Dienst selbst aus.

Das führte zur zweiten Phase, die jeder Twitter-Nutzer kennt: Auf einmal war ich begeistert von einem Dienst, dessen Faszination ich nur schwer Außenstehenden erklären konnte.

Irgendwann erlebte ich dann meinen ganz eigenen Twitter-Overkill. In meiner anfänglichen Euphorie hatte ich viele US-Blogger, deren Blogs ich lese, in Twitter hinzugefügt. Trotz Zeitunterschied war das Geschnatter der Us-Techexperten auch tagsüber so hoch, dass mir irgendwann die Lust an Twitter verging. Die deutschen Freunde, die ich geaddet hatte, gingen im Rauschen von Übersee unter. Nach einer Auszeit von Twitter kam ich schließlich irgendwann auf die Nobelpreis-verdächtige Idee, Twitterer, die mir keinen Nutzen oder Spaß bringen, einfach wieder rauszuwerfen. Meine Wahrnehmung von Twitter änderte sich danach wieder grundlegend. Das Gezwitscher machte wieder Spaß. Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema:

 

Das Follower-Prinzip

Das Erlebnis 'Twitter' hängt massgeblich davon ab, wem man folgt. Das ist zunächst eine ziemlich banale Erkenntnis. Aber die Implikationen sollte jeder durchdenken, der einen Webdienst plant oder die aktuellen Entwicklungen des Webs verstehen will.

Denn das Follower-Prinzip ist ein recht junges, aber sehr mächtiges Prinzip, dass sich quer durch die neuen Webdienste zieht.

Ohne dass der Anbieter zusätzliche Optionen anbieten muss, kann jeder Nutzer sich das Twitter schaffen, dass er oder sie möchte.

Ein paar Beispiele:

  • Auf der Suche nach einem einfach anzulegenden Realtime-Nachrichtenticker, den man von überall leicht erreichen kann? Auf Twitter nur Nachrichtenbots hinzufügen.
  • Immer auf dem Laufenden bleiben, was Familie und enge Freunde machen, selbst wenn man zum Beispiel in einem anderen Land wohnt? Nur ihnen folgen (nachdem man sie überredet hat, Twitter zu benutzen).
  • Twitter für Selbstmarketing einsetzen? Kollegen, Bekannten und Vorbildern aus der eigenen Branche folgen und zu Branchenthemen twittern.
  • Twitter als tägliches Bespassungstool? Den Oneliner-Machinen da draußen folgen.

Je nachdem, was man möchte, ergeben sich komplett unterschiedliche Erfahrungen mit Twitter.

Das macht zu einem Großteil die Faszination von Twitter aus.

Der Mikroblogging-Dienst ist da aber nicht allein. Auch der Lifestreaming-/ Socialmediaggregationsdienst FriendFeed setzt die individualisierende Kraft des Follower-Prinzips ein. Und das äußerst geschickt. Über die Implementation und Umsetzung der Mechanismen auf FriendFeed könnte man ganze Abhandlungen schreiben. Dazu vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt mehr.

Dass nicht jeder mit der Nutzung des Dienstes die gleichen Erfahrungen haben muss, ist auch ein Stück weit ein Garant für Erfolg, für den viel beschworenen Weg in den Mainstream:

Der Poweruser kann den Dienst so einsetzen, dass er das Maximum an Nutzen herausziehen kann, der normale Mainstream-Nutzer nutzt den Dienst entsprechend so, dass er nicht mit Tweets zugeschüttet wird und notfalls auch nur einmal am Tag reinschaut und von den eigenen Freunden zum Beispiel nichts verpasst.

 

Das Raum-Prinzip

Wie stark der Unterschied zwischen dem Follower-Prinzip und dem alten (Chat-)Raum-Prinzip ist, sieht man am grundlegend interessanten Prinzip von Telewebber, bei dem ich an dieser Front nach wie vor eine ausgeprägte Konzeptionsschwäche sehe: Im Juni letzten Jahres hatte ich Telewebber näher vorgestellt . Telewebber ist ein Webdienst, der Chaträume anbietet, die speziell auf das synchrone Kommentieren und Chatten zu den Geschehnissen im TV ausgelegt ist.

Damals schrieb ich zu Telewebber:

Fakt ist [..], dass telewebber mit dem aktuellen IRC-ähnlichen Ansatz der Chaträume nicht sehr weit kommen wird. Mit Wachstum des Dienstes sind Frustrationen der Nutzer programmiert.

Sinnvoller wäre ein Kombination dieser Räume mit dem auf den jeweiligen Nutzer und seinen Bekanntenkreis fokussierten Follower-Prinzip, wie man es vom Microblogging-Dienst Twitter oder dem Lifestreaming-Dienst friendfeed her kennt. Ich will schließlich eben nicht immer (bzw. eher selten) mit Fremden über TV-Sendungen chatten, sondern über Frisuren und Aussagen im TV mit Freunden und Bekannten ablästern.

Die Frequenz der Beiträge in den Chats zur Primetime in meinem Test damals war extrem hoch. Auch wenn man dieses Problem mittlerweile mit dem Clustern von Aktionen wie der virtuellen LaOla-Welle eindämmen konnte, zeigt es ein konzeptionelles Problem des Raum-Ansatzes:

Jeder bekommt die gleiche Erfahrung vor die Füsse geknallt. Egal, ob man sich nur mit Freunden oder mit so vielen Personen wie möglich unterhalten will, man muss sich mehr oder weniger damit abfinden, was man geboten bekommt.

Selbst mit individuell anlegbaren Räumen kann das Raum-Prinzip nie eine solche Individualisierung ermöglichen wie das Follower-Prinzip.

 

Das Pattern der Individualisierung

Das Follower-Prinzip ist nicht neu.

Die Möglichkeit, sich aus kleinteiligen Elementen eine Gesamterfahrung zusammenzusetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngsten Entwicklungen des Webs.

Blogs mit angeschlossener Möglichkeit zur Syndikation via Feed lösen in weiten Teilen nach und nach die der Gesamtheit des Raum-Prinzips folgenden Internetforen ab. Wer wünschte nicht manchmal, nur die Beiträge der interessanten Forenmitglieder zu lesen, und die Trolle und vermeintlichen Witzbolde auszublenden? Blogs in Verbindung mit Feedreadern sind essentiell genau das, wenn man die Gesamtheit der Blogs als webumfassendes Diskussionsforum betrachtet.

Das Gleiche gilt für die alten Web-Einrichtungen usenet und IRC, die mit ihren Raum-Prinzip für immer weniger Einsatzzwecke adäquat erscheinen. Wenn auch sie weiter eine Daseinsberechtigung haben, so schwindet diese doch.

Social Networks dagegen erleben einen so großen Zuspruch, weil sie das Follower-Prinzip auf die zwischenmenschlichen Beziehungen anwenden.

Auch die Webauftritte der Mainstreammedien müssen diesem Drang nach Individualisierung ein Ventil anbieten. Nach Themen getrennte Feeds ermöglichen erste Ansätze. Wichtiger wären zusätzliche Möglichkeiten, wie etwa einzelne Autoren abonnieren zu können und so weiter.

So entsteht im Feedreader ein neues individualisiertes Medienangebot, das dem Follower-Prinzip folgt. Dem gegenüber stehen die gesamtheitlichen Angebote auf den jeweiligen Websites, die jedem das gleiche Bild aufzwängen. Unabhängig davon, ob man sich für die aktuellen Sportergebnisse interessiert oder ausschließlich für diese.

 

Individualismus - c'est la resistance

Wer heute ein Startup im Social-Media-Bereich konzipiert, tut gut daran, diese Überlegungen mit einzubeziehen. Individualisierung stellt ein wesentliche Absicherung dafür dar, dass die eigenen Nutzer möglichst glücklich mit dem Angebot sind und bleiben.

Mit Wachstum einer Community kommt unweigerlich auch eine Veränderung dieser einher. Skaliert das Wesen der eigenen Community? Wenn nicht, verliert man dann nicht die ursprünglichen Poweruser? Will man das?

Man schaue sich die Startseite der Social-News-Site Digg heute und von vor zwei Jahren an. Die Themen sind nicht mehr vergleichbar. Damit sich die ursprünglichen User auch weiterhin wohlfühlen, hat Digg über die Jahre immer mehr Funktionen hinzugefügt, die eine individuellere Sicht auf die Digg-Themen ermöglicht und den Blick weg von der Startseite bringen soll. So gibt es die "Friends Activity"-Seite, auf der man - ganz Follower-Prinzip - sieht, wofür die geaddeten Freunde gevotet haben. Für viele Nutzer dürfte diese Seite weitaus spannender sein, als die eigentliche Startseite.

Natürlich ist die Startseite von Digg auch wichtig. So wie Aggregatoren generell wichtig sind, um in Zeiten des Webs eine Öffentlichkeit und Kontext zu schaffen. Das Ende der Massenmedien bedeutet den Anfang der Aggregatoren.

Aber: Communities haben auf den Startseiten und Aggregatoren nichts zu suchen. Denn dort kommt mit den Communities sonst nur das Schlechte der alten Medien wieder zum Vorschein: Der kleinste gemeinsame Nenner. Und Gruppendenken in Reinform.

Das beste Ergebnis entsteht immer noch, wenn die durch Aggregation entstandene Öffentlichkeit Nebenprodukt und nicht Anlass für die Community ist. Deshalb (unter anderem) liefert auch zum Beispiel Rivva bessere Ergebnisse als YiGG .

Und für die Nutzer läuft es sowieso immer darauf hinaus, wie man das Beste aus dem Einsatz eines Webdienstes holen kann. Das individualisierende Follower-Prinzip stellt genau das sicher.

Und zum Abschluss auf Twitter umgemünzt, heißt das:

Dein Twitter ist, wem Du folgst.

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