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16.12.13Leser-Kommentare

Das Ende von Moped: Berlin ist das Anti-Sprungbrett für Social Apps

Mit der Übernahme der technischen Plattform von Moped durch 6Wunderkinder verschwindet abermals ein auf Interaktion zwischen Nutzern ausgerichtetes Startup aus Berlin von der Bildfläche. Dem Ökosystem der Hauptstadt fehlt noch immer, was erforderlich ist, um Social Apps den essentiellen Anschub zu geben.

Sprungbrett

Gelegentlich berichten wir über frisch entstandene Anbieter, deren Ansatz uns zwar zusagt, bei denen wir jedoch von Anfang an die Befürchtung haben, dass ihr Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist. Der aktuell von der Wunderlist-Macherin 6Wunderkinder übernommene Berliner Kommunikationsdienst Moped war so ein Fall. Denn die Hauptstadt hat sich in der Vergangenheit nicht gerade als Sprungbrett für soziale Apps erwiesen. Übernahme mit Gefälligkeitsverdacht

Zu Beginn konnte ich Moped, dass sich irgendwo zwischen Twitters Direktnachrichten und Smartphone-Messenger einordnen ließ und viel Aufmerksamkeit in der lokalen Presser erhielt , wenig abgewinnen. Nach einer genaueren Auseinandersetzung mit dem Tool wuchs mein Interesse aber und ich erkannte einige signifikante Vorteile gegenüber den Konkurrenten.

Doch anderthalb Jahre nach dem Launch ist die Reise für das mit einer Million Dollar von US-Investoren finanzierte Startup beendet: 6Wunderkinder kauft die Technologie hinter der Messagingplattform. Viel Geld dürfte nicht geflossen sein.

Man kann vermuten, dass es sich bei dem Deal um eine Gefälligkeit handelt. 6Wunderkinder, frisch finanziert mit 19 Millionen Dollar von Sequoia Capital, gehört zu den Firmen an der Speerspitze des momentanen Berliner Startup-Hypes. Für das Image der Branche ist es besser, wenn gescheiterte Firmen aufgekauft werden, anstatt wenn sie schlicht schließen. Wahrscheinlich können die Wunderkinder Elemente von Mopeds Kommunikationslösung tatsächlich auch für ihren Aufgabenmanager nutzen, denn diesem täten Interaktionsfeatures gut. Insofern wurden hier vermutlich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Nicht spekulieren muss man aber über das Fazit, dass es Moped nicht gelang, eine kritische Masse zu erreichen. Ohne diese kann ein Projekt, dass sich auf den kommunikativen Austausch zwischen Anwendern fokussiert und dass im isolierten Einsatz für User keinerlei eigenen Nutzwert bietet, kein Erfolg werden.

Die Gründe, die Moped daran hinderten, große Anwendermengen anzuziehen, könnten partiell auf ein nicht sofort einen glasklaren Nutzen vermittelndes Produkt zurückzuführen sein. Moped versagte darin, innerhalb weniger Sekunden ein schlagfertiges Argument dafür zu liefern, warum User es ausprobieren sollten. Anderseits war dies einst bei Twitter ähnlich - heute wird das Unternehmen an der Börse gehandelt.

Fehlende Wahrnehmung in den USA

Ich glaube, Moped litt maßgeblich darunter, dass Berlin und Deutschland ungeeignet für die Etablierung von auf die soziale Interaktion ausgerichteten Onlineservices sind. Ein erklärungsbedürftiger, zu Anfang Early Adopter und technisch versierte Anwender ansprechender Social-Web-Dienst benötigt mehr als die paar hundert oder tausend Menschen, die sich in der Hauptstadt-Szene und ihrer Peripherie tummeln und die für derartige Experimente sofort zu haben sind. Was Moped gebraucht hätte, wäre das weitaus größere Netzwerk derartiger Personen aus der US-Webwirtschaft. Doch trotz der Kapitalspritze aus den USA und der US-amerikanischen Herkunft des Moped-Gründers Schuyler Deerman ignorierte die Szene auf der anderen Seite des Atlantiks die Anwendung. Kein Wunder, sprießen dort doch jede Woche neue Messenger und Social-Angebote hervor, die oft von den persönlichen Kontakten und Verflechtungen zwischen Gründern, Investoren und Techjournalisten profitieren.

Der Erfolg oder Misserfolg von auf Netzwerkeffekte und kritische Masse angewiesenen Social-Apps entscheidet sich nicht daran, ob der jeweilige Dienst bei objektiver Betrachtung das bestmögliche Angebot liefert. Siehe WhatsApp. Viel wichtiger ist, dass in der Anfangszeit die richtigen - also zum Produkt passenden - untereinander vernetzten Multiplikatoren in aktive Anwender transformiert werden und dass dann passende Hebel betätigt werden, um auf diesem Fundament aufbauend den Nutzerkreis zu erweitern.

Berlin bietet schlechte Voraussetzungen für "social"

Für Moped, wie für nahezu alle Social-Web-Anbieter ohne isolierten Eigennutzwert, bieten Deutschland und im Prinzip ganz Europa nicht die richtige Voraussetzungen für den Launch ihrer Produkte. Warum genau das so ist, welche Rolle kulturelle Aspekte spiele und wieso sich ausgerechnet eine US-amerikanische Chat-App wie WhatsApp in Windeseile, organisch und zu Beginn ohne jede Medienpräsenz wie ein Lauffeuer bei deutschen Nutzern verbreiten konnte, Bedarf weiterer Untersuchungen (kalkulierte Datenschutzverstöße waren ein Grund).

Die schlecht Eignung Deutschlands und Berlins für das Debüt internationale Ambitionen hegender sozialer Netzwerke ist keine neue Erkenntnis. Aus diesem Grund wundere ich mich, wieso es trotzdem immer wieder versucht wird, zuletzt mit Ding Dong.

Moped besaß Charme und Initiator Schuyler Deerman verdient Respekt für das Vorhaben, eine sich durch einen offenen Ansatz auszeichnende Kommunikationsplattform errichten zu wollen, die einige der Schwächen des Wettbewerbs aus dem Weg räumen sollte. Ich glaube, dass Moped durchaus eine Chance gehabt hätte - aber nicht als Startup aus Berlin oder anderen europäischen Städten. In fünf Jahren mag das hiesige Ökosystem quantitativ und qualitativ ausgewachsen genug sein, um mit derlei Diensten durchstarten zu können. Noch aber sind dafür San Francisco und das Silicon Valley die bessere Wahl. Auch Amen wäre dort meines Erachtens nach besser aufgehoben gewesen.

Moped-Gründer Schuyler Deerman wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, wieso der Dienst seine Ziele nicht erreichen konnte. /mw

(Foto: young caucasian businessman on springboard, Shutterstock)

Kommentare

  • sprain

    16.12.13 (09:11:13)

    Das Problem von Moped war doch, dass damit kein Problem gelöst sondern einfach eine weitere Messaging-App gebaut wurde.

  • Tobias

    16.12.13 (11:52:00)

    Moped war leider einfach zu erklärungsbedürftig und undifferenziert im Vergleich zu anderen Messaging Apps. Generell können aber auch deutsche Social Apps erfolgreich sein, vorausgesetzt sie treffen zum richtigen Zeitpunkt im Markt ein (Moped war für B2C Messaging zu spät), und fokussieren sich auf einen neuen Anwendungsfall oder bieten eine bessere Lösung für eine bestehenden Anwendungsfall. Whatsapp war einfache die erste wirkliche gute App im Markt. Es gab damals auch andere Messaging Apps mit bereits weit mehr Nutzern (wer erinnert sich an "Ping"), die aber weniger verlässlich, schnell und platformübergreifend waren.

  • Lena

    16.12.13 (17:14:24)

    Ich glaube das Problem liegt nicht an Moped sondern vielmehr an Berlin. Die Gründer hier, und ich bin selbst Leidtragende, beschäftigen sich viel zu sehr damit ihre MacBooks in Jutesäcken in stylishe Coworkingplaces zu tragen, dort mit anderen mittlerweile Hartz-4 Empfängern über total abgefahrene Projekte zu sinnieren um dann monatelang irgendwelche Förderprogramme zu beantragen, die komplett am Thema Startup vorbei gehen. Es gibt in Berlin eine ganze Industrie, die den Startups für falsche Hoffnungen Geld aus der Tasche zieht. Jeder darf sich Investor oder Business Angel nennen - aber keiner hat wirklich Geld. Naja, aber die Parties sind gut :-)

  • Jonas

    16.12.13 (20:09:59)

    Der Kern des Artikels gefällt mir. Ein Konzept wie Moped, das mit Foursquare- und Dropbox-Integration gleich noch die "erste Ableitung" der Early Adopter-Kurve erfordert, hat es im Massenmarkt ohnehin schwer und offensichtlich erst recht im technologiefaulen Deutschland - mE wäre das Aus in fast jeder anderen europäischen Stadt noch schneller gekommen, das hat nicht unbedingt mit Berlin zu tun. Spannend war für mich der letzte Pivot von Moped in Richtung "Corporate Communication", um das Versprechen "we fix email" doch zu realisieren. Snapchat hat mE durchaus gezeigt, dass "niche mobile messaging" als Ansatz funktionieren kann, aber hier hat die Nische nicht gereicht, vom Marketing - wie oben erwähnt - ganz zu schweigen. In Sachen Übernahme: 6WK kann das Messaging-Framework recht gut gebrauchen und erst recht 3-5 weitere, Praxis erprobte Entwickler; da muss man das Branchenimage gar nicht auf die Waagschale legen. Schade aber fürs Ökosystem, dass schon wieder - und schon wieder trotz US-Investoren - eine Berliner Firma als Käufer einspringt. Ein Firesale an Google, Pinterest, Facebook ist eben immer noch ein Firesale an Google, Pinterest, Facebook, da hat das Valley™ die Nase vorn. Und auch wenn es leider genügend Jutetaschen-Coworking-Förderprogramm-Startups in Berlin gibt: Moped war gerade keines (was auch wieder ernüchtert). Ich hoffe, dass Berlin 2014 spannende Impulse von außen bekommt. (TC Disrupt-Spätfolgen, 500 Startups, ...) -- Bonus-Kommentar: Schon kurios, dass ausgerechnet das für sein vermeintlich einfallsloses Produkt gescholtene 6Wunderkinder als einziges Hype-Startup die eigenen Ansprüche auch bestätigen kann. Ich glaube manchmal, die wenigsten Beobachter und Akteure in Berlin/ DE haben verstanden, was Tech-Startups erfolgreich macht und was nicht. Hauptsache, das XING-Profil ist aktuell.

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