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11.03.13

Das Ende des stationären Handels: Eine Herausforderung mit der Option zum Happy End

Es spricht viel dafür, dass der stationäre Handel im Wettbewerb mit dem E-Commerce dauerhaft den Kürzeren ziehen wird. Das muss nicht zum Untergang der Innenstädte führen. Im Gegenteil.

mallEs gibt zahlreiche Befürchtungen, die Menschen im Bezug auf die Auswirkungen des immer schneller voranschreitenden technischen Fortschritts haben. Eine negative Sichtweise, die immer häufiger zu vernehmen ist, die ich persönlich aber nicht teile, ist die der vermuteten zwangsläufigen Verödung von Städten als Folge des Onlinehandels. Es mag sein, dass es in bestimmten Fällen dazu kommt - dennoch halte ich die Disruption des Handels durch den E-Commerce trotz einiger "Nebenwirkungen" für eine gesellschaftlich und ökologisch begrüßenswerte Entwicklung.

Ich spare mir jetzt das Aufzählen von allen möglichen Statistiken, die belegen, dass immer mehr Produkte im Netz gekauft werden. Das haben andere schon gemacht. Es mag Güter geben, die Konsumenten noch auf längere Sicht bevorzugt im lokalen Geschäft erwerben werden. Der Großteil unseres Shoppings wird sich jedoch bald ausschließlich im Web abspielen. Da dürften Marc Andreesen und Oliver Samwer recht haben. Die Folgen des Onlineshopping-Booms bei nicht nennenswert ansteigenden verfügbaren Einkommen der Verbraucher sind offensichtlich: Jeder Euro, der im Web ausgegeben wird, bleibt den Kassen des stationären Handels verwehrt. Entsprechend schwierig wird es für viele Läden künftig sein, wirtschaftlich über die Runden zu kommen. In den USA, wo Innenstädte häufig keine bevorzugten Shoppinggegenden darstellen, betrifft diese Problematik vor allem die riesigen Einkaufszentren, von denen es schon heute viel zu viele gibt. DeadMalls.com dokumentiert die wachsende Zahl der ausgestorbenen Malls. Bei uns werden sowohl die Zentren, aber insbesondere viele Geschäfte in den Städten unter die Räder kommen. Auch wenn dieser Wandel für das betroffene Personal temporär traurig ist, so denke ich, dass mittelfristig viele positive Effekte mit der Zentralisierung des Handels durch das Netz verbunden sind.

Das Betreiben von Ladenflächen, in denen Produkte in großer Zahl vorgehalten und präsentiert werden, damit sie vielleicht einen Monat später ein interessierter Passant erwirbt, ist eigentlich nur eine Notlösung, nicht unähnlich der Tageszeitung mit gedruckten Nachrichten vom Vortag. Weil es in der Vergangenheit für Konsumenten keine Möglichkeit gab, Produkte bei Bedarf an zentraler Stelle zu erwerben - im besten Fall direkt beim Hersteller, der sie dann fertigt - hat sich eben der Brauch etabliert, dass Hersteller über verschiedene Mittelsmänner Waren in Ladenflächen liefern lassen, in der Hoffnung, dass rein zufällig genau dort jemand an ihnen Interesse hat. Mit Werbung, Schaufenstern und Sonderangeboten wird diese Nachfrage künstlich erhöht. Wirklich intelligent ist dieses Verfahren nicht, viele wertvolle Ressourcen werden verschwendet. Man stelle sich nur vor, welche Unmengen an produzierten Gütern heute in den Verkaufsflächen und Lagerräumen von Geschäften rund um den Globus verstauben, anstatt sich in Gebrauch zu befinden. Dieses Überangebot nutzt niemandem, die Herstellung belastet jedoch die Umwelt mehr als nötig.

Beim Einkauf im Netz reduziert sich der Bedarf an "geparkten" Produkten deutlich, weil Waren eben nur noch in einigen wenigen Großlagern auf den Kauf warten. Gleichzeitig hilft das enorme Arsenal von Bestell- und Verhaltensdaten der Verbraucher im Netz in Kombination mit klugen Algorithmen, Nachfrageeinbrüche oder -spitzen rechtzeitig zu prognostizieren.

Denkt man diese Entwicklung noch einen Schritt weiter, so ließe sich zumindest für bestimmte Warengruppen das Lager ganz eliminieren - wenn also Produkte "on Demand" hergestellt werden. Anstatt dass erst produziert und daraufhin Bedarf geschaffen wird, verifizieren Hersteller im ersten Schritt, ob überhaupt Interesse besteht, und produzieren nur bei hinreichend großer Kundenzahl. Das Ganze nennt sich dann bekanntlich Crowdfunding. Auch Mass Customization geht in diese Richtung. Noch bleibt das aber alles ein Nischenphänomen, auch weil vielen Konsumenten zumindest heutzutage die Geduld fehlen dürfte, einige Wochen auf ihre Winterjacke oder ihre Bohrmaschine zu warten.

Dennoch: Mit dem Onlinehandel wird ein historischer Unfall im Ansatz korrigiert. Nicht mehr länger sind wir für die Befriedigung unserer Konsumbedürfnisse von den begrenzten Angeboten in lokalen Geschäften abhängig, aus denen wir nach einer mal kürzeren, mal längeren Anreise oder Anfahrt unfreiwillig mit leeren Händen wieder herausmarschieren und in denen Waren teilweise viel zu lange herumliegen und auf Käufer warten.

Was heißt das nun für die Städte? Sicher, in einigen bisher lebhaft wirkenden Gegenden wird es zeitweilig ruhiger werden. Allerdings wäre es eine Romantisierung, typische heutige Einkaufszonen in Innenstädten als besonders erstrebenswert anzusehen. Meist reihen sich die immer gleichen Ketten mit dem gleichen Angebot aneinander. Das Treiben in den Städten mag zwar vordergründig positive Assoziationen hervorrufen, ist aber angesichts der erreichten Uniformität eigentlich ziemlich langweilig.

Was mit den heutigen, enormen Ladenflächen in Zukunft geschieht, könnte etwa so aussehen (ich hatte dazu vor einigen Monaten einen sehr spannenden Artikel gelesen, finde aber leider den Link nicht mehr): Einige Ketten und zu bekannten Marken und Unternehmen gehörende Geschäfte werden sich halten - sei es als Showrooms oder Serviceeinrichtungen für Kunden, die Fragen zum Produkt haben. Da durch das nachlassende Interesse von Händlern die Immobilienpreise einbrechen, wird es plötzlich für unabhängige Ladenbetreiber, Cafés und andere Einrichtungen, bei denen es nicht allein um den schnöden Verkauf von Produkten geht, wieder möglich, sich in attraktiven Lagen einzumieten. Auch Kunst- und Musikgewerben, Co-Working-Spaces und andere Hotspots der Kreativität werden sich in den verfügbaren Räumen einnisten können. Plötzlich entsteht ein Mix, der in puncto Vielfalt und Attraktivität den heutigen Einkaufsgegenden deutlich überlegen ist.

Wenn ich schon andere der Romantisierung bezichtige, dann muss ich bei mir natürlich das gleiche Maß anlegen: Wahrscheinlich klingt das von mir gezeichnete Bild etwas besser, als es zumindest kurz- bis mittelfristig in vielen Gegenden kommen wird. Fakt ist aber: Wenn die heutige Struktur des lokalen Handels sich auflöst, dann droht zwar eine Verödung der Städte, sie ist aber nicht alternativlos, und womöglich führt sie sogar zu einem besseren Zustand, als wir ihn heute haben. /mw

(Foto: stock.xchng/ctr)

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