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02.05.13Leser-Kommentare

Das Ende der SMS: Aus der Prognose wird Wirklichkeit

2012 wurden erstmals mehr IP-basierte Nachrichten verschickt als SMS. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die SMS in den entwickelten Märkten innerhalb weniger Jahre komplett verschwindet.

SMSPrognosen über den bevorstehenden Tod der SMS gibt es schon seit Jahren. Doch bisher handelte es sich eben nur um Vorhersagen. Nicht mehr länger. Zahlreiche aktuelle Ereignisse belegen, dass die 160-Zeichen-Nachricht gut 20 Jahre nach ihrem offiziellen Debüt endgültig vor der Ablösung durch IP-basierte Kommunikationsformen steht. In wenigen Jahren dürfte sie zumindest in den Industrienationen vollständig aus der Mobilfunklandschaft verschwunden sein.

Das deutlichstes Indiz für eine derartige Entwicklung liefert eine Untersuchung des britischen Marktforschungsunternehmens Informa. Laut dieser wurden 2012 weltweit erstmals mehr Nachrichten über IP-basierte Chatmessenger verschickt als mittels der klassischen SMS. 19,1 Milliarden "Over-The-Top" Messages (OTT) täglich standen 17,6 Milliarden SMS gegenüber. Für Ende 2013 rechnet Informa mit 41 Milliarden OTT-Nachrichten pro Tag und 19,5 Milliarden versendeten SMS täglich. Das Unternehmen geht demnach zwar noch von einem leichten Anstieg des SMS-Volumens aus, vorrangig getrieben von der zunehmenden Handyverbreitung in Entwicklungsländern, sieht das entscheidende Wachstumspotenzial aber im OTT-Segment, also bei IP-basierten Kurznachrichten. Stetige Erfolgsmeldungen der Messenger-Dienste

Profiteure und Antreiber des Booms von OTT-Messages sind mobile Chat-Apps für Smartphones, von denen in jüngster Zeit am laufenden Band Erfolgsmeldungen zu vernehmen sind. So gab WhatsApp kürzlich stolz bekannt, mit über 200 Millionen aktiven Nutzern größer zu sein als Twitter. Mit laut eigenen Angaben zwölf Milliarden ausgehenden Nachrichten pro Tag steht das kalifornische Startup für den Löwenanteil der OTT-Messages, zumindest unter Berücksichtigung der Informa-Zahlen. Auch andere Anbieter sind dabei, die in puncto Funktionalität eingeschränkte und für Nutzer mit Zusatzkosten verbundene SMS auf die hinteren Plätze zu verweisen. Der japanische WhatsApp-Konkurrent Line verkündete gestern, die Marke von 150 Millionen registrierten Usern durchbrochen zu haben. Sein südkoreanischer Widersacher Kakao Talk liegt derweil bei 80 Millionen Nutzern. Chinas Antwort auf derartige Dienste, WeChat, spricht von 300 Millionen Nutzern.

Und natürlich darf man Facebook nicht vergessen. Facebook Messenger allein hatte im Januar 56 Millionen aktive Nutzer. Insgesamt verwenden mittlerweile 751 Millionen Menschen die unterschiedlichen mobilen Versionen von Facebook, viele von ihnen werden zumindest hin und wieder OTTs von ihren Mobiltelefonen aus verschicken.

Exklusive Rolle der SMS wackelt

Voraussetzung für eine endgültige Ablösung der SMS ist über die grundsätzliche Verfügbarkeit multifunktionaler und kostenloser oder kostengünstiger Chat-Apps hinaus die Ab-Werk-Integration entsprechender Services. Solange die SMS exklusiv direkt in die mobilen Betriebssysteme eingebettet ist, werden Anwender sie trotz der augenscheinlichen Nachteile weiter verwenden. Doch mittlerweile bewegt sich auch an dieser Front etwas. Frühzeitig wurde die Sonderrolle der SMS von Apple in Frage gestellt, das iMessage analog zur Kurznachricht in sein Betriebssystem iOS integrierte. Die mangelnde Unterstützung anderer Plattformen ist es, die iMessage daran hindert, der SMS noch schneller das Wasser abzugraben.

Mit Babel arbeitet Google - das es bisher verpasst hat, vom Boom der Smartphone-Messenger zu profitieren, und das deshalb mit einer Akquisition von WhatsApp liebäugeln soll - an einer eigenen Kommunikationsplattform, die nach dem Launch schnell integraler Bestandteil von Android werden dürfte. Dann würden die zwei führenden mobilen Betriebssysteme jeweils standardmäßig enthaltene SMS-Konkurrenten mitbringen, was die Häufigkeit des Einsatzes der herkömmlichen Textnachricht weiter verringern würde.

Unterdessen veröffentlicht Nokia mit dem Asha 210 das erste Smartphone überhaupt, das über einen physischen WhatsApp-Knopf verfügt und mit vorinstallierter WhatsApp-Anwendung ausgeliefert wird. Während es aus Anwendersicht im Grunde keinen Unterschied macht, ob sie das WhatsApp-Logo auf dem Display berühren oder aber einen kleinen Button betätigen, beschert es dem Chatservice dennoch ein Rampenlicht, welches der SMS verwehrt bleibt.

Facebook wiederum hat seinen Android Launcher Home so konzipiert, dass er Facebook Nachrichten und SMS unter dem selben Menüpunkt präsentiert. Klar ist, dass das soziale Netzwerk alles daran setzen wird, Anwender dazu zu bringen, Facebooks OTT-Messages anstelle einer SMS zu verwenden. Sobald das Unternehmen die Zeit reif dafür hält, wird es den Einsatz der SMS sanktionieren - etwa durch eine eingeschränkte Usability oder das Verbannen der SMS in eine separate, schwerer zugängliche App.

Schleichender Tod

Das Ende der SMS findet schleichend statt, indem Messenger-Dienste und Hersteller gleichermaßen daran arbeiten, eigene Lösungen oder die von Kooperationspartnern in den Vordergrund zu stellen. Die Mobilfunker, denen WhatsApp & Co bereits seit einiger Zeit die SMS-Umsätze verderben, wollen mit dem SMS-Nachfolger Joyn gegensteuern. Doch es spricht wenig dafür, dass dieser Plan aufgeht. Zu offensichtlich ist die Intention der Netzbetreiber, mit einer einfallslosen Dienstleistung, die User an anderer Stelle gratis oder nahezu kostenfrei erhalten, viel Geld zu verdienen. Spätestens seit dem Bekanntwerden der Drosselpläne der Deutschen Telekom gibt es keinen Grund mehr, sich in irgendeiner Form mehr als nötig von den Telekomkonzernen abhängig zu machen. Das dafür erforderliche Vertrauen haben sie verspielt.

Die entscheidenden Hindernisse, die der finalen Ablösung der SMS im Wege stehen, sind die Fragmentierung des Messenger-Marktes und die fehlende Interoperabilität der einzelnen Anbieter. Im besten Fall öffnen einzelne Akteure ihre Systeme, im schlechtesten Szenario wird eine einzige Firma das komplette Post-SMS-Segment für sich deklarieren und daraus resultierend entsprechend die Bedingungen diktieren können. Eine Garantie für ein Happy End existiert also nicht. Am absehbaren Verschwinden der SMS ändert dies allerdings nichts. /mw

Kommentare

  • Martin

    02.05.13 (08:32:50)

    Man darf auch nicht vergessen, das es immer noch Menschen gibt, die Handy ohne mobiles Internet nutzen. Diese Personen erreicht man auch bis auf weiteres nur via SMS.

  • Marcel

    02.05.13 (08:41:53)

    Es wird Zeit für den erste Mobile Multimessenger... ich habe WhatsApp mittlerweile wieder gelöscht, da mir die Zersplitterung bei der Kommunikation schon jetzt auf die Nerven geht. Facebook hat hier den großen Vorteil, dass ich es ja auch aus anderen Gründen nutze.

  • web

    02.05.13 (09:00:43)

    Meine letzte SMS habe ich Ende Januar versendet. Und das auch nur weil ich die Person nicht telefonisch erreicht habe. So ähnlich wird es wahrscheinlich bei vielen anderen auch sein. Was der SMS aber hilft weiter zu leben sind Flatrates. Meine Freundin schreibt häufig einfach noch SMS weil sie eben eine Flatrate hat. Hätte sie keine Flatrate würde auch das wegfallen. Joyn haben mehrere meiner Kommilitonen getestet und das ist wohl absoluter Murks. Schaltet sich z.B. bei 30% Akku ab, um Leistung zu sparen und weitere kleine Nervigkeiten, die andere Chat-Apps schon lange behoben haben. Gerade in Bezug auf Verlässlichkeit

  • Christoph richter

    02.05.13 (09:03:35)

    SMS verschwindet sicher nicht. Es ist perfekt als Hardware authentication für Dinge wie Banküberweisungen oder bürgerkarten. Die Wichtigkeit & vor allem der Umsatz wird schmelzen. Aber die Technologie wird noch in den nächsten 10 Jahren in den Smartphones verwendet werden.

  • Susann

    02.05.13 (10:05:18)

    Bis es soweit ist, müsste erst einmal das mobile Internet weiter ausgebaut werden. Bei Großveranstaltungen wie gestern bricht das nämlich schnell zusammen, da bleibt einem gar nichts anderes übrig als SMS zu versenden

  • Hendrik

    02.05.13 (10:13:02)

    So wünschenswert das Ende der SMS ist, so bleibt es mir dennoch ein Rätsel, weshalb Menschen massenhaft geschlossene Systeme wie die erwähnten WhatsApp, Line, WeChat oder Facebook nutzen, statt einen IM-Client zu installieren, der XMPP/Jabber spricht - was so in etwa alle sein sollten. Eine E-Mailadresse hat ohnehin jeder Internetnutzer, schon alleine, um sich bei irgendwelchen anderen Diensten registrieren zu können, und die Mehrheit der Mailanbieter koppelt diese schon lange mit einem XMPP-Account. Das heißt, nahezu jeder Internetnutzer (komisches Wort irgendwie, oder, mir fällt gerade nix besseres ein) hat einen Chataccount, über den er anbieterübergreifend (!) mit anderen chatten, Dateien verschicken, etc. kann - noch dazu kostenlos. Dennoch binden sich Unzählige an geschlossene Systeme, die z. T. auch noch Kosten verursachen. Ich verstehe es einfach nicht.

  • Dietmar

    02.05.13 (10:32:40)

    Mit den Vorhersagen ist das so eine Sache, von der ja speziell die SMS (eigentlich: der SMS) ein Liedchen singen kann, denn zunächst wurde SMS eher als ein Abfallprodukt gesehen, von der selbst die Mobilfunkkonzerne einen solchen Siegeszug nicht erwartet hätten. Rückblickend könnte man sagen, dass der treibende Motor für die schnelle und weite Verbreitung damals die Sicherheit, dass auch Empfänger die sich aktuell im Funkloch (und davon gab es damals viele) befanden, so schnell wie möglich die Nachricht erhielten, und noch viel mehr die Kostenlosigkeit bzw später die niedrigen Kosten im Verhältnis zu einem kurzen Telefongesprächs. Beide Motivatoren existieren heute weitgehend nicht mehr. Sicherlich besteht jede Technik nicht ewig. Man könnte auch das Ende von Büchern voraussagen und hätte irgendwann Recht damit. Aber irgendein Mehrwert für die Gesellschaft bleibt immer zurück. Und wenn es nur der Untergang der Rechtschreibung ist. THX 4 READING. CU ALL.

  • Chron2

    02.05.13 (10:58:20)

    Also für Bank-Tan Nummern nutze ich noch SMS. ;-)

  • Struppi

    02.05.13 (12:19:21)

    Aber das Schöne ist, man kann ja beides nutzen. Die Schneckenpost hat trotz email ja auch noch nicht ausgedient. Ich denke, so lange es Telefonnummern gibt, solange wird auch die SMS noch genutzt. Und solange es noch Menschen gibt, die nicht permanent "ihr Internet" dabei haben müssen, ist es auch notwendig.

  • Max

    02.05.13 (13:19:23)

    Ich finde Smartphones wirklich klasse aber was mich wirklich nervt ist das man dort die ganze Entwicklung die man am PC oder Telefon gemacht hat nochmal machen muss. Sei es bei der Usability oder eben wie hier bei der Fragmentierung. Am Pc hatten wir AOL-Messenger, ICQ, MSN, Jabber, Skype ... und irgendwann entwickelten sich die Multimessenger. Und jetzt haben wir den selben Dreck beim Smartphone wie vor 10 Jahren am PC. Mir als Nutzer ist es doch egal über welchen Service ich eine Nachricht bekommen habe, SMS, Twitter-DM, Facebook-Nachrichten, einen der Google-Wege, Whatsapp oder Skype ... Ich möchte einfach nur entweder direkt anworten oder wissen welche anderen Kommunikationsmöglichkeiten (Textnachricht, Datei schicken (Bild/Video/Daten), Telefonieren, Videotelefonie) ich habe. Das man die Kommunikation z.B. mittels pgp verschlüsselt ist unter dem Level eines Systemadministrators aktuell nicht zu denken.

  • Philipp

    02.05.13 (14:55:39)

    Es wird sich über kurz oder lang eine kostenlose Alternative für Smartphones durchsetzen. Das Prinzip aber, denke ich, wird erhalten bleiben. Zeitverschwendungen a´la WhatsApp werden sich hoffentlich nicht noch Jahre lang halten.

  • Maxi

    02.05.13 (21:26:07)

    Was bei IP-'SMS' absolut fehlt, ist a) ein offener Standard und b) ein föderiertes System wie bei E-Mail. Und nicht ohne Grund, schließlich will jeder heutige Anbieter seine Kunden an sich binden und eine größere Marktmacht erreichen. So weit ich sehen kann, gibt es da im Moment leider keine Hoffnung.

  • Adonia

    03.05.13 (00:18:23)

    SMS wird bleiben wird aber in Tarifen kaum mehr was kosten. Gibt eh überall flats.

  • fbb

    03.05.13 (01:04:47)

    Ja nun? Die Überschrift lautet "... wird Wirklichkeit". Wo? Ich hab da jetzt konkrete Sachen erwartet wie "XY streicht SMS ab 2013" oder sowas. Sorry, aber solche Überschriften regen mich auf, wenn dann nicht das geboten wird, mit dem man scheinbar Klicks sucht. - Schöne Zahlen, etc. und so, aber halt absolut nicht das, was suggeriert wird. Sowas muß ja nicht sein.

  • Martin Weigert

    03.05.13 (15:27:11)

    Die Tatsache, dass 2012 erstmals mehr OTT-Nachrichten verschickt wurden, und dass die SMS in den westlichen Ländern von allen Seiten unter Druck steht, siehst du nicht als klares Anzeichen dafür, dass es der SMS jetzt an den Kragen geht?

  • Peter

    03.05.13 (16:25:31)

    Ich glaube die Provider täten gut daran SMSe für maximal 1ct pro SMS anzubieten für die, die es nicht eh in einer Flat mit drin haben. Ich denke das würde dem Dienst nochmal einen gewaltigen Schub geben da die Interoperabilität meiner Meinung nach ein nicht zu unterschätzender Vorteil des Systems ist.

  • Uli

    04.05.13 (21:28:27)

    Es wurde schon aufgrund der Computerisierung vor 30 oder mehr Jahren in Kürze das papierlose Büro vorausgesagt. Das Ergebnis kennen wir ja. Genauso wird es der SMS ergehen. Wie schon viele Schreiber hier schliesse ich mich an, dass das die SMS noch lange nicht einen Tod erleiden muss. Hier im Forum leben viele in einer Tech-Blase. Viele normale Menschen interessiert die Technik nicht, daher nutzen Sie auch keine Smartphone und IP-basierte Messenger. Wer schon mal in der Pampa versucht hat, zu telefonieren oder eine Datenverbindung aufzubauen - der hatte Pech, aber eine SMS kann man da immer noch absetzen oder erhalten. Das spricht für die SMS - auch, dass man ohne Rücksicht die verwendeten Messenger-Systeme des Empfängers die SMS in jedem Falle zustellen lassen kann. Klar, dass man parallel dazu auch Messenger nutzt.

  • Sachar

    07.05.13 (09:01:38)

    Es mag nicht Deinen Kommunikationsgewohnheiten entsprechen, aber die SMS ist nicht tot. Gerade gestern hat die Bundesnetzagentur eine Erhebung publiziert, wonach 2012 mehr SMS verschickt wurden denn jemals zuvor. Mehr dazu hier: http://www.udldigital.de/aktuelles-aus-dem-mobilfunk-die-sms-ist-noch-lange-nicht-tot/

  • Martin Weigert

    07.05.13 (15:28:36)

    Wie im Artikel auch erwähnt: Ihre Zahl mag NOCH ansteigen, aber relativ zur Explosion der OTT-Messages tritt sie in den Hintergrund. Und sie wächst nur noch, weil sie von den meisten Providern mittlerweile notgedrungen in Form von unbegrenzten Inklusivtextnachrichten angeboten wird. Insofern sagt der Anstieg imo wenig aus. Als Umsatztreiber für Netzbetreiber ist sie zudem schon tot.

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