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10.11.14Leser-Kommentare

D21-Digital-Index: Pikante Details und erhellende Einsichten aus Internet-Deutschland

33.000 Menschen in Deutschland wurden für den D21-Digital-Index zu ihrem Internetverhalten befragt. Der Ergebnisbericht liefert abgesehen von einigen erwartungsgemäßen Resultaten auch überraschende Erkenntnisse und - für manche - unangenehme Wahrheiten.

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Initiative D21, ein Zusammenschluss von laut eigenen Angaben annähernd 200 Mitgliedsunternehmen und -organisationen aller Branchen sowie politischen Partnern von Bund und Ländern, die Studie "Digital-Index 2014". Rund 33.000 Menschen in Deutschland wurden dafür zu ihrem Internetnutzungsverhalten befragt. Neben den Einzelergebnissen steht bei dem Bericht ein Indexwert im Vordergrund, der den Digitalisierungsgrad einzelner Gruppen wiedergibt und sich aus den vier Kriterien Offenheit (Gewichtung 20 Prozent), Kompetenz (40 Prozent), Zugang (30 Prozent) und Nutzungsvielfalt (10 Prozent) zusammensetzt.

Ein Blick auf derartige Studien ist ein wenig wie der Gang zu einem opulenten Frühstücksbuffet: Nimmt man sich nicht etwas Zeit und ist sehr hungrig, dann schafft man es kaum, einen vollständigen Überblick zu erhalten und die wirklichen Höhepunkte zu identifizieren. Aus diesem Grund habe ich mir am Wochenende die Ergebnisse des Digital-Index 2014 mit dem richtigen Appetit und ohne Hektik genauer angesehen. Und siehe da: Abgesehen von den offensichtlichen und leider erwartungsgemäßen Resultaten ("Deutschland ist Land des digitalen Stillstands", FAZ), die sich den Presseberichten entnehmen ließen, fanden sich in der Auswertung auch einige erleuchtende und unerwartete Einsichten. Im Folgenden hebe ich die meines Erachtens nach besonders interessanten Punkte hervor. Den vollständigen Bericht als PDF gibt es hier.

Kurz zur Einführung: Die Altersgruppe mit dem höchsten Digitalisierungsgrad ist die der 20- bis 29-Jährigen mit einem Wert von 69,2 (von 100 möglichen Punkten). Dicht dahinter landen die 14- bis 19-Jährigen mit 65,7. Die 30- bis 39-Jährigen sind auch noch recht gut dran. Sie kommen auf 63.6. Ab da geht's langsam abwärts. Deutschlands Jugend und Jungebliebene sind also insgesamt sehr viel digitalaffiner als ältere Generationen - was natürlich nicht überraschend kommt.

Jugendliche mit geringer Bildung sind so digitalaffin wie ältere Akademiker 

Eine der spannendsten Erkenntnisse des Berichts ist die egalisierende Eigenschaft der Digitalaffinität im Hinblick auf unterschiedliche Bildungsniveaus und Altersgruppen. Grundsätzlich gilt zwar weiterhin, dass der Digitalisierungsgrad mit der Höhe der Bildung insgesamt steigt. Bei jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren allerdings ist die Lücke weitaus geringer. Liegen bei der Gesamtheit der Befragten ganze 19,9 Indexpunkte zwischen dem Digitalisierungsgrad von Personen mit geringer Bildung und denen mit hoher Bildung, sind es bei den Jüngeren nur 10,9. Bei jungen Menschen entscheidet der Bildungsgrad damit weniger über die Art und Weise der Internetnutzung und -kompetenz als bei den Älteren.

Ein besonders pikantes Detail: Der Indexwert der Jugendlichen mit geringer Bildung liegt fast auf der Höhe des Indexwertes aller Befragten mit hoher Bildung. Die digitalen Qualitäten und Anwendungsverhalten deutscher Durchschnittsnutzer mit hoher Bildung unterscheiden sich damit so gut wie gar nicht von denen junger Menschen mit geringer Bildung. Das sind gute Nachrichten für die Zukunft, denn demnach ist das Risiko bildungsferner Schichten, von der Digitalisierung abgehängt zu werden, weitaus geringer als manchmal angenommen; nicht größer jedenfalls, als dass gebildete ältere Semester von der Digitalisierung abgehängt werden.

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Tablets - die gleichberechtigten Gadgets

Bei den deutschen Internetnutzern sind Frauen nach wie vor in der Minderheit - und das gilt ausnahmslos für jede Kategorie der Zugriffsgeräte. Allerdings ist der Geschlechterunterschied bei den Tablet-Nutzern am geringsten. 29 Prozent der Männer verwenden ein Tablet und 26 Prozent der Frauen.

Geräte &amp; Geschlecht

Weniger als ein Drittel haben das Internet wirklich in ihren Alltag integriert

Wie die folgende Darstellung zeigt, stimmen nur 27 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass für sie ein Wegfall des Internets sehr negative Auswirkungen auf ihre tägliches Leben hätte. Daraus lässt sich schließen, dass für die Mehrzahl der Deutschen das Internet nach wie vor nur ein gelegentlich zum Einsatz kommendes Mittel zum Zweck darstellt, und dass nach wie vor rigoros zwischen online und offline aka "Cyberspace vs echtes Leben" unterschieden wird.

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Weniger Social Networking, weniger verfasste Beiträge in Blogs und Foren

Das Beliebtheitsranking verschiedener Online-Aktivitäten entspricht ungefähr den Erwartungen. Allerdings gibt es einige Überraschungen: So überwiegen bei den Punkten "Beiträge in Foren/Blogs schreiben", "Inhalte aus dem Internet downloaden" sowie "Soziale Netzwerke nutzen" deutlich die Zahl der User, die ihr Verhalten gegenüber 2013 reduziert haben. Der Rückgang bei den Downloads darf als Erfolg legaler Streamingdienste gewertet werden (die nicht erfasst wurden). Dass aber Social Networking bei vielen Nutzern reduziert wurden, kann durchaus verwundern. Chat-Apps könnten Schuld sein (die nicht erfasst wurden). Foren und Blogs werden zwar gelesen, aber offenbar haben viele keine Lust mehr, mit eigenen Inhalten zu partizipieren. Was natürlich sehr schade ist.

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Risikoeinschätzung: Je älter, desto pessimistischer

Man kennt sie vielleicht: Menschen, die noch vor dem Internet aufgewachsen sind und die sich jetzt besorgt über den nachlässigen Umgang und das fehlende Risikobewusstsein der Jugend im Internet äußern. Die Umfrage reflektiert diese verbreitete Haltung: Je jünger, desto weniger ausgeprägt ist die Furcht vor verschiedenen Formen der Internetkriminalität. Je älter, desto besorgter sind die Nutzer.

Im Lichte des zuvor erläuterten höheren Digitalisierungsgrades bei Jungen entsteht jedoch der begründete Eindruck, dass die ausgeprägte Sorge der älteren Generationen nicht auf Fakten oder Kompetenz basiert, sondern auf dem Hörensagen und der fehlenden Fachkenntnis.

Risiko

Je ländlicher, desto geringer der Digitalisierungsgrad

Auf dem Land gibt es noch immer Probleme, was eine vernünftige Breitbandanbindung angeht. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass der Digitalisierungsgrad der Deutschen stark von der Bevölkerungszahl am Wohnort abhängt. Selbst in Großstädten mit bis zu 500.000 Einwohnern lassen sich noch merkliche Rückstände zu Ballungsgbieten mit über 500.000 Einwohnern feststellen.10

Der widersprüchliche Internetnutzer

Es ist kein Geheimnis, dass die kommunizierten Bedürfnisse und Meinungen von Menschen nicht immer mit ihren Handlungen übereinstimmen. Beim Thema Datenschutz und Sicherheit wird dies sehr deutlich: Ganze 78 Prozent der Befragten finden es nicht akzeptabel, dass sie im Tausch für einen Service, zum Beispiele eine App, anderen Zugriff auf ihre persönlichen Daten geben. Und doch funktionieren alle führenden Social Networks in Deutschland genau nach diesem Verfahren. Zuletzt lag die Zahl aktiver Facebook-Nutzer aus Deutschland bei 27 Millionen, was in etwa jedem zweiten Internetnutzer in Deutschland entspricht. Nicht wenige der Befragten scheinen also nicht sonderlich prinzipenfest zu sein.

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Ein ähnlicher Widerspruch lässt sich bei der Priorisierung zwischen Einfachheit und Sicherheit erkennen. Eine signifikante Mehrzahl zieht, wenn sie sich entscheiden müsste, Sicherheit gegenüber Einfachheit vor. Und doch ist es der traditionell löchrige, dafür äußerst simple Chat-Dienst WhatsApp, der in Deutschland über 30 Millionen aktive Anwender vorweisen kann. Wirklich sichere Alternativen - die es mittlerweile zahlreich gibt - bleiben Randphänomene.

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Kommentare

  • Struppi

    10.11.14 (13:05:20)

    Was ich mich frage ob für Menschen "Sicherheit" im zusammenhang mit dem Internet überhaupt klar ist, was gemeint ist? Bzw. was ist gemeint? Ist die Sicherheit gemeint, dass keine Terroristen ihre Taten planen können? Oder dass ich nicht von Kriminellen beraubt werde? Oder das ich nicht belauscht werde? Das sind drei völligst unterschiedliche Aspekte mit unterschiedlichen Auswirkungen für den Internetbenutzer, können aber jeweils als "Sicherheit" benannt werden. Daher sind die Antworten bei der Frage ob Sicherheit oder Einfachheit kaum aussagekräftig. Du beziehst dich auf die Sicherheit der Daten bzw. des belauscht werden, ich meine vieleicht die Sicherheit vor Kriminalität, wo ich die Bequemlichkeit vorziehen würde und wenn es um die viel beschworene Terrorgefahr geht, bin ich sogar der Meinung, dass sie nur gross geredet wird, um Überwachung im grossen Stil zu organsisieren. Na, Umfragen eben ;) - ich erlebe in meinem Umfeld auch eine völlig andere Welt, wie sie im Internet vermittelt wird. Das jeder ein smartphone hat und ständig "on" ist nur dort so. Die meisten Wissen nicht was Twitter wirklich ist.

  • Florian

    10.11.14 (14:50:12)

    Wie ernst kann man Studien zur Internetnutzung nehmen, in denen Pornografie nicht vorkommt? :)

  • web

    10.11.14 (17:07:21)

    Mich wundert der geringe Anteil von 27% bei der Aussage: "Wenn es das Internet morgen nicht mehr gäbe, hätte das sehr negative Auswirkungen auf mein tägliches Leben". Bei ca. 30 Millionen Whatsapp-Nutzern in Deutschland frage ich mich hier, ob tatsächlich alle Nutzer verstanden haben, was "das Internet" überhaupt ist. Wird als "das Internet" lediglich Websites (Blogs, Nachrichten-Websites, Wikipedia, …) assoziiiert, oder eben auch die Kommunikation über Apps wie bspw. Whatsapp, iMessage oder gar den Facebook Messenger. Oder herrscht hier eher das Verständnis von SMS, die ja nicht "das Internet" sind? Daher empfinde ich diesen Wert alleingestellt als wenig aussagekräftig. Möglicherweise hast du aber dazu in dem Bericht weitergehende Informationen oder kannst diese Aussage mit anderen Werten bekräftigen? Ansonsten vielen Dank, dass du hier weitere Zahlen aus dem Bericht herausgesucht und bewertet hast.

  • Lars Hahn

    10.11.14 (17:34:01)

    Vielen Dank, Martin für die große Mühe der Zusammenfassung des Berichts. Schade ist nur wieder, dass hier wieder nur Quantitäten abgefragt werden. Deine Schlussfolgerung, dass junge Bildungsferne quasi genauso webaffin wie ältere Akademiker sind und das für die Zukunft hoffen lässt, teile ich nicht. Denn die Webnutzung und die Selbsteinschätzung sagt weder was über Medienkonpetenz, noch über Bildung aus. Oder anders: Nicht jeder Whatsapper wird die Fachkraft von morgen.

  • Martin Weigert

    10.11.14 (17:51:09)

    @ struppi und web Ja sicherlich steht manchmal die Frage im Raum, ob die Befragten wirklich begreifen, was sie da gerade antworten. Das ist eine der systemischen Schwächen von derartigen Umfragen. @ Lars Also Kompetenz ist ja mit 40 Prozent der am schwersten gewichtete Einflussfaktor für den Digitalisierungsgrad. Der Kompetenzwert ergab sich nicht aus Selbsteinschätzung sondern aus Abfrage verschiedener Begriffe aus der digitalen Sphäre. "Nicht jeder Whatsapper wird die Fachkraft von morgen." Das stimmt natürlich. Entscheidender ist aber imo die umgedrehte Feststellung: "Jemand, der nicht zu den Whatsappern gehört (steht hier stellvertretend für moderne Online-Kommunikationsdienste, also Threema-/Telegram-Nutzer bitte nicht schreien), wird keine Fachkraft von morgen."

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