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18.03.13Leser-Kommentare

Cyberbrillen: Die Technologie der Zukunft erzwingt globale Gesetze

Sofern sich ethisch korrekte Normen der Nutzung von Cyberbrillen wie Google Glass nicht von selbst entwickeln, wird der Gesetzgeber nachhelfen müssen. Doch auf Ebene einzelner Länder bringt das nichts. Digitale Technologie erzwingt globale Gesetze.

Augmented Reality GlassesMeine zwei jüngsten Artikel zu Google Glass haben für intensive und teils hitzige Kommentardiskussionen gesorgt. Kein Wunder, immerhin gibt es derzeit wohl keine an Endnutzer gerichtete Technologie, bei der die Beurteilung von Potenzialen und Risiken in ihrer Dramatik so stark von Betrachter zu Betrachter variiert. Leser Andreas Roedl hat in einem Kommentar schön pointiert erläutert, wie jede weitreichende Einführung einer neuen Technologie - etwa das Automobil - irgendwann diese regulierende Gesetze nach sich zog. "Mit der Einführung neuer Technologien werden Regeln im Umgang mit diesen Technologien notwendig. Nicht etwa, weil es einzelne Menschen gibt, die einem die Freiheit rauben wollen, sondern weil es Menschen gibt, die sich anderen Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber rücksichtslos verhalten."

Er widerspricht der von einigen Glass-Fans erklärten Vorstellung, die ethisch und moralisch korrekte Nutzung von Cyberbrillen würde sich von ganz alleine regeln. Nicht, weil nicht Personen mit gesundem Menschenverstand auch ohne Gesetze abwägen könnten, wann sie mit der eingebauten Kamera ihre Umgebung filmen und wann nicht, sondern als "Handhabe gegenüber jenen, die über keinen gesunden Menschenverstand verfügen". Always-on-Kameras benötigen Gesetze

Bedenkt man die enormen datenschutzrechtlichen Implikationen von 3D-Brillen, so halte ich Roedls Beurteilung für absolut zutreffend. Ohne Gesetze, die einen Rahmen dafür abstecken, wann auf dem Kopf oder am Körper montierte Always-on-Geräte die Geschehnisse der Umgebung aufzeichnen und in die Cloud schicken dürfen, wird es auf Dauer nicht gehen.

Doch damit entsteht ein Problem, welches sich in den letzten Jahren schon häufiger im Kontext von Datenschutzdiskussionen abgezeichnet hat: Das der zunehmend ineffektiven nationalen Gesetzgebung in einer immer stärker global vernetzten und verzahnten Welt. In der "alten Welt" ist das alles kein großes Problem: Wer mit dem Auto in ein fremdes Land will, muss sich der dortigen Straßenverkehrsordnung anpassen. Ein Entziehen von dieser Praxis ist nicht möglich. Im Netz sieht das anders aus: Das Internet funktioniert am besten, wenn Daten ungehindert Grenzen passieren können. Geschieht dies, bedeutet das aber auch, dass jedes in irgendeinem Land dieser Welt legale Webangebot auch aus Ländern erreichbar ist, wo es ganz oder in Teilen gegen geltendes Recht verstößt. Bestes Beispiel hierfür sind Social Networks aus den USA, die es aufgrund einer laxeren Rechtslage oft mit dem Datenschutz weniger genau nehmen müssen als ihre europäischen Pendants. Auch die europäische Datenschutzreform wird daran wenig ändern.

Digitale Technologie ist nationalen Gesetzen voraus

Ein anderes Beispiel dafür, wie ein nationales Gesetz im digitalen Zeitalter ausgehölt wird, ist die ebenfalls von Leser Andreas Roedl erwähnte Auflage für Hardware-Hersteller in Japan, beim Verwenden der Smartphone-Kamera ein Geräusch abzuspielen - auch wenn das Gerät auf lautlos geschaltet wurde. Das gilt für alle im Land verkauften Mobiltelefone und soll das heimliche Fotografieren von Personen, vor allem von jungen Frauen, verhindern. Doch das Gesetz betrifft nur Hardware. Und so entwickelt sich gerade eine neue iPhone-App zum Hit, welche explizit für diese Art von Bildern gedacht ist und nicht nur Schnappschüsse ohne "Blitz"-Geräusch machen kann, sondern sogar fotografiert, während ein Webbrowser auf dem Display vorgibt, dass der Fotograf sich die Zeit im Netz vertreibt. Digitale Technologie ist nationalen Gesetzen schon heute immer einen Schritt voraus, und in Zukunft wird dies noch deutlich massivere Ausmaße annehmen.

Das bringt uns zurück zu Google Glass und anderen Cyberbrillen. Sofern Staaten bestrebt sind, den Einsatz derartiger Gerätschaften gesetzlich zu regeln, stehen sie vor einem Dilemma. Nämlich, wie dies von statten gehen soll. Sicherlich ließe sich der reguläre Verkauf innerhalb der Ländergrenzen irgendwie verhindern. Doch angesichts der Begeisterung, mit der sich manche schon jetzt auf ein derartiges Gadget freuen, müsste man mit einer regen Privatimport-Aktivität rechnen. Sobald sich aber ein paar tausend Glass-Träger frei auf den Straßen bewegen, wären die Effekte eines Verkaufsverbots im Prinzip verpufft.

Die nächste Eskalationsstufe wäre dann, die Verwendung entsprechender Apparate komplett zu verbieten. Ich kann nicht beurteilen, ob dies juristisch überhaupt machbar ist, aber angenommen, dem sei so, dann würde dies bedeuten, dass Träger von Augmented-Reality-Brillen mit Strafen zu rechnen hätten, sofern sie sich mit den "Sehhilfen" blicken ließen. Selbst eine solche gepfefferte Maßnahme hätte nur eine kurze Haltbarkeitsdauer: Denn mit zunehmendem Reifegrad dürften die AR- und Kamera-Einheiten immer kleiner und damit weniger sichtbar werden - bis zu dem Punkt hin, an dem sie sich in einer Kontaktlinse unterbringen lassen. Spätestens dann ließe sich das eigene Sichtfeld mit Augmented Reality erweitern und die Umgebung filmen, ohne dass sich der "Träger" Sorgen machen muss, entlarvt zu werden.

Gobalisierung ist kein Wunschkonzert

Spielt man diese Szenarien durch, wird deutlich, dass eigentlich nur eine weitgehend globale Gesetzgebung in Bezug auf Spezifikationen, Vertrieb und Nutzung von Cyberbrillen überhaupt in der Lage sein kann, einen einigermaßen praktikablen Rechtsrahmen zu schaffen. Diese Vorstellung wirkt zum jetzigen, von durch Euro-Krise befeuertem neuen Separatismus und Nationalismus geprägten Zeitpunkt zwar mehr als utopisch. Doch die unzähligen Schlupflöcher, die im globalen Dorf rasant enorme Dimensionen annehmen, werden eine gemeinsame Gesetzgebung einer Vielzahl von Ländern zwingend erforderlich machen. Heutzutage ist üblich, zwar über Globalisierung zu sprechen, aber so zu tun, als würde diese nur einzelne Teile des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens betreffen. Die Triebkraft der Globalisierung ist die Technologie. Sie wird die Welt zwingen, enger zusammenzurücken, oder aber einstmals demokratische Staaten zu drastischen Maßnahmen greifen lassen, um die beschriebenen Schlupflöcher zu schließen. Etwa so wie in China oder im Iran.

Theoretisch gesehen haben wir folglich die Wahl zwischen einer immer stärker über Ländergrenzen hinweg arbeitenden Gesetzgebung oder einer Abkehr von den Merkmalen freiheitlich-demokratischer Gesellschaften. Ob diese Wahlmöglichkeit in der Praxis allerdings tatsächlich existiert, darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein. /mw

(Illustration: Flickr/visualpun.chCC BY-SA 2.0)

Kommentare

  • Kreisel

    18.03.13 (13:27:32)

    Das Problem dabei ist, dass dann demokratisch legitimiert (oder eben auch nicht) beispielsweise die Google Glasses für jeden verboten werden. Auch für die Leute, die es vielleicht garnicht stören würde. Es sind also nicht alle zufrieden mit dem, was sie bekommen. Wie du beschrieben hast, lässt sich in absehbarer Zukunft solch ein Verbot sowieso umschiffen. Also führt dies nicht zum Ziel. Anarchokapitialistisch à la David D. Friedman ließe sich das ganze vielleicht effizienter lösen. Verkürzt dargestellt: Ich bezahle ein Unternehmen, dass sich um die Durchsetzung meiner Rechtsvorstellungen kümmert. Ich und noch ein paar andere Leute wollen nicht durch die Nutzung von Google Glasses in ihren Persönlichkeitsrechten eingeschränkt werden. Unser Unternehmen hat ein Kapital von 100.000€ zur Verfügung. Die andere Seite will Google Glasses benutzen und damit andere in ihren Persönlichkeitsrechten einschränken. Deren Unternehmen hat ein Kapital von 200.000€ zur Verfügung. Nun kann es entweder zu einem Eklat zwischen beiden Unternehmen kommen und die eine Seite tötet schlimmstenfalls die andere. Dies würde aber zu enormen Kosten führen, also warum sollten sie dies tun? Irgendjemand muss ja für den Schaden, der dabei sehr wahrscheinlich entsteht, aufkommen. Sie gehen also zu einem Schiedsgericht (arbitration agency) und lassen dieses über den Fall urteilen. Da meine Gegenseite kapitalstärker ist, wird ein Gericht gewählt, dass das Recht dieser Seite durchsetzt. Dafür wird dann meine Seite entsprechend entschädigt. Oder beide Seiten einigen sich auf irgendwelche weiteren Kompromisse, mit denen beide Seiten zufrieden sind, und entsprechend sinkt die Entschädigung. Weiterhin handeln beide Seiten einen Vertrag aus, dass sie immer bei diesem Gericht Verhandlungen über diese Art von Fällen führen und die andere Seite entsprechend dafür entschädigt wird, dass die Fälle dort geführt werden, um diesen Prozess für spätere Fälle zu vereinfachen. Wobei ein grundsätzliches Problem an Friedmans Überlegungen ist, dass manche Menschen ihre eigenen Interessen nicht erkennen können. Aber dieses Problem gilt genauso für eine Demokratie. Ein weiteres Problem ist das ungleich verteilte Kapital in einer Gesellschaft. Hierbei wäre weiterhin zu prüfen, ob nicht verschiedene Ansichten unabhängig vom Vermögen gleichmäßig verteilt sind. Damit meine ich, ob es nicht relativ gleich viele Reiche gibt, die gegen die Todesstrafe sind, wie es Arme gibt, die dagegen sind. Da wir aber, meiner Meinung nach, auf eine gleichere Gesellschaft zusteuern, ergäbe sich hieraus nicht unbedingt ein Problem. Ein weiterer Vorteil wäre die ständige Abstimmung mit den Füßen darüber welche "rights enforcement agency" über meine Rechte wacht. Also ein Anreiz für diese Agenturen möglichst effizient zu arbeiten. Das Individuum wird gestärkt und eventuell aufkeimende Totalitarismen ließen sich leicht durch Kapitalentzug, bei Missfallen verhindern. Das sollte nur einen Denkanstoß zu einer alternativen Lösung rechtlicher Probleme geben. :) Weiterhin empfehle ich folgendes Video zum Verständnis Friedmans Ideen: http://youtu.be/DpkaLW0Jxd0 Während des Schreibens ist mir übrigens eine wunderbare Aufgabe für Google Glasses eingefallen: Die Anzeige was, wo, wann, wie erlaubt bzw. nicht erlaubt ist. :D

  • Kreisel

    18.03.13 (13:30:30)

    http://daviddfriedman.com/The_Machinery_of_Freedom_.pdf Hab ich selbst noch nicht gelesen. Aber darin differenziert er wohl seine Ideen aus.

  • Siegfried

    18.03.13 (14:12:33)

    So lange die damit produzierten Bilder, Filme u.Ä. im rein privaten Umfeld bleiben, ist es mir ziemlich wurscht, ob ich gefilmt oder abgelichtet werde. Anders sieht es aus, wenn z.B. ein Bild von mir irgendwo im Internet auftaucht. Da hört dann der Spaß auf. Was mich angeht, würde ich also ein Gesetz begrüßen, dass die Anwendung dieser Gadgets nicht weiter regelt, aber die Veröffentlichung und/oder Weitergabe an Dritte unter Strafe stellt. Das wäre vermutlich auch leichter zu kontrollieren und durchzusetzen. Etwas problematischer wird allerdings die Anwendung durch Überwachungsbehörden. Aber auch hier könnte der Gesetzgeber regulierend eingreifen.

  • Jan

    20.03.13 (05:57:02)

    Ihr wollt Gesetze? Die haben wir schon. Dort steht drin, dass niemand gegen seinen Willen gefilmt werden darf, außer er/sie steht irgendwo im Hintergrund und der Fokus ist definitiv auf etwas anderes gerichtet. Da, soweit ich das verstanden habe, diese Google Glasses aber auch mal länger auf einer hübschen Frau verweilen könnten und damit ein klares Video von dieser Frau entsteht, ist das ganze illegal. Und damit ist schon das ganze always-activated-camera erledigt, und das ist gut so. Es gibt genug schamlose Menschen, die andere illegalerweise in peinlichen Momenten filmen (s. Youtube), das müssen wir sicher nicht legitimieren.

  • Roy

    20.03.13 (07:56:56)

    ... der Betrag veranlasst mich mein Abbo von netzwertig zu kündigen. Einfach zu viel blubb. Technische Themen sollten von Experten nicht von spekulierenden Web-Textern analysiert werden.

  • Martin Weigert

    20.03.13 (08:38:37)

    Es ist eben nicht so einfach erledigt. Warum steht im Text.

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