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07.03.14

Crowdinvesting: Raumrendite will alle zu Immobilienspekulanten machen

Das Münchner Startup Raumrendite verspricht Privatinvestoren, mit kleinen Beteiligungen an Immobiliengeschäften ausgezeichnete Renditen einzufahren - eine eher kontroverse Variante des Crowdinvesting-Prinzips.

Raumrendite Mit Crowdfunding inklusive seiner profitorientierten Unterform Crowdinvesting lassen sich Projekte, Produkte und unternehmerische Vorhaben heute auf eine Art finanzieren und realisieren, die es in der analogen Vergangenheit nicht gab. Weil die bedarfsgetriebene Schwarmfinanzierung demokratisch abläuft und schon so oft scheinbar Unmögliches möglich gemacht hat, existiert vergleichsweise wenig Kritik an dieser Methode der Kapitalbeschaffung. Als wesentliche Angriffspunkte sind eigentlich nur zu optimistische Produktroadmaps beziehungsweise überschätzte Fähigkeiten von Projektinitiatoren sowie unklare Renditeaussichten (beim Crowdinvesting) zu nennen. Dass der Crowdfundingansatz aber auch kontroversere Ausmaße annehmen kann, zeigt jetzt das heute offiziell gestartete Münchner Dienst  Raumrendite . Hoffen auf den hohen Verkaufsgewinn

Bei Raumrendite können Privatpersonen in Immobilien investieren - laut Firmenangaben ohne Vorkenntnisse. Mit einem Betrag von 100 bis 10.000 Euro sind sie dabei. Das Unternehmen des Gründer-Ehepaares Robert Dotzauer und Nadja Dotzauer kauft Immobilien an und bietet sie anschließend Nutzern als Investitionsobjekt. Investoren erhalten eine garantierte Rendite im Dreh von 2,5 Prozent pro Jahr und stimmen einer vorab festgelegten Projektdauer zu. Nach dieser will Raumrendite das jeweilige Objekt mit möglichst hohem Gewinn wieder abstoßen. Investoren winken dann anteilige Auszahlungen aus den während des Projektverlaufs gebildeten Rücklagen aus Mieteinnahmen sowie aus den Verkaufserlösen.

Ausgewählt werden die von Raumrendite erworbenen Objekte von "Immobilien-Experten auf Basis von Wertsteigerungspotenzial, Investitionsrisiken, Werterhalt und Sicherheit". Zum Debüt findet sich nur eine Immobilie auf der Site, eine vermietete Eigentumswohnung in Berlin-Wedding mit einem Objektwert von 81.640 Euro. Nach Projektende im Jahr 2024 erwartet das Unternehmen laut eigenen Angaben einen Verkaufserlös von 173.944 Euro. In der Projektbeschreibung ist zu lesen, dass das Objekt noch bis zum Jahr 2020 der Mietpreisbindung unterliege, weshalb eine "Anpassung bis dorthin leider nicht möglich" sei. Doch durch die "Unterbewertung des gesamten Stadtteiles" würden die "zukünftig unter dem Mietpreisspiegel liegenden Mieten mehr als ausgeglichen".

Nach Aussage einer Raumrendite-Sprecherin finanziert sich das Startup derzeit aus der Privateinlage der Gründer. "Hiermit ist der Geschäftsbetrieb längerfristig gesichert und es können Immobilien angekauft werden, die wiederum der Crowd zur Beteiligung angeboten werden". Offen bleibt, wie umfangreich die Privateinlage ist und inwieweit diese für den Ankauf weiterer Immobilien durch Raumrendite ausreicht. Da zum Debüt lediglich ein Objekt angepriesen wird, entsteht zumindest der Verdacht, dass Raumrendite für den Erwerb der nächsten Immobilie auf das Kapital angewiesen ist, das Privatinvestoren in die Weddinger Immobilie pumpen. Das würde auf sehr wackeliges wirtschaftliches Fundament hindeuten. Insofern wäre die Bereitstellung weiterer Immobilien durchaus vertrauensfördernd.

Crowdinvesting ohne gesamtwirtschaftlichen Mehrwert?

Einmal von der Sicherheit und Eignung als Kapitalanlage abgesehen, die ich an dieser Stelle nicht beurteilen möchte, habe ich ein Problem mit der Gegenüberstellung von Raumrendite und anderen Crowdfundingansätzen. Denn während bei der erfolgreichen Schwarmfinanzierung von Produkten oder Firmen immer etwas (im Idealfall) Bleibendes geschaffen wird, entsteht bei Raumrendite über die Rendite der Geldgeber hinaus kein weiterer Mehrwert oder kollektiver Nutzen. Es werden schlicht private Gelder genutzt, um Immobilienspekulationen zu betreiben, deren einziger Sinn und Zweck es ist, das Kapital der Investoren zu vermehren. Die sonst mit Crowdfunding assoziierten positiven Aspekte für die Gesamtwirtschaft und Gesellschaft entfallen bei Raumrendite.

Raumrendite-Gründer Robert Dotzauer blickt naturgemäß etwas anders auf den Nutzen seines Dienstes: "Mit Raumrendite geht es uns nicht wie beim klassischen Crowdfunding um die Schaffung oder Finanzierung neuer Projekte, sondern um die Öffnung des boomenden Immobilienmarkts für private Kleinanleger, also die Crowd. Wir wollen, dass auch Mittelschicht-Verdiener die Wahl bekommen, in welche Investitionsklasse sie ihr Geld investieren. Bisher galt in der Regel: Wer viel Geld investiert, erhält hohe Renditen; wer wenig Geld investiert, erhält kleine Renditen. Wir brechen das Zepter für die Kleinanleger und bieten ihnen die Möglichkeit, ohne große Vorkenntnisse oder Zeitaufwand mit niedrigen Beträgen ab 100 Euro in den sonst überwiegend Großinvestoren vorbehaltenen, renditestarken Immobilienmarkt zu investieren. Als positiven Nebeneffekt wollen wir erreichen, dass die Menschen sich mehr Gedanken, um die Vermehrung ihres Geldes machen und nicht gezwungen sind zuzusehen, wie ihr Geld auf dem Sparbuch jährlich weniger wird." (Zitat nachträglich hinzugefügt)

Eine leicht andere Ausrichtung hat der ebenfalls aus München stammende Raumrendite-Rivale Kapitalfreunde. Auch dieser ruft Privatpersonen dazu auf, sich mit kleinen Summen (ab 250 Euro) an Immobilien zu beteiligen. Allerdings geht es dort um zu finanzierende Neubauten, was schon besser zur Ideologie des Crowdfundings passt. Momentan läuft bei dem Dienst allerdings keine Aktion.

Was Raumrendite angeht, müssen User selbst entscheiden, ob es sich für sie um eine akzeptable und ethisch vertretbare Anlageform handelt. So richtig glaube ich den Machern nicht, dass ihr Konzept überhaupt auf Dauer funktionieren kann. Zumal die Website zum heutigen Debüt noch voller Darstellungsfehler ist (Nachtrag 16:00: Mittlerweile wurden diese behoben). Bedenkt man, dass der Dienst am Geld der Nutzer interessiert ist und eigentlich alles dafür tun müsste, um Seriosität auszustrahlen, dürfte dies eigentlich nicht passieren.

Link:  Raumrendite

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