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23.10.07

"Crossing the Chasm" und die Krise der Blogosphäre

Steckt die Blogosphäre in einer Krise?

Ganz so schlimm ist es wohl nicht, aber die Zeiten waren auch schon mal besser. Die Jubelmeldungen über das unglaubliche Wachstum der Blogosphäre sind weitgehend verstummt. Zwar wächst die Zahl der Blogs immer noch stark, aber mit deutlich geringerer Geschwindigkeit. In den einschlägigen Blog-Hitlisten tummeln sich zumindest an der Spitze seit Jahren immer die üblichen Verdächtigen, die sich fleissig gegenseitig verlinken, um ihr Technorati-Ranking hoch zu halten. Und prominente Blogger beklagen sich darüber, dass Filterdienste wie Techmeme immer stärker professionelle Medien gewichten, auf Kosten der klassischen Blogs.

Mit Technorati und Six Apart haben in den letzten Monaten zwei der prominentesten Blog-Startups ihre CEOs ausgetauscht und experimentieren etwas ratlos mit neuen Businessmodellen herum. Blog-Technologiefirmen sind nicht mehr das grosse Thema, alle reden dafür jetzt über Social Networking und finden Facebook toll.

Was ist da los? Eine Antwort findet man vielleicht in einem der grössten Klassiker der Innovationsliteratur, "Crossing the Chasm" von Geoffrey Moore.

Moores berühmtes Diagramm zeigt, wie sich eine neue Technologie bzw. ein neuer Produkttyp im Laufe der Zeit durch verschiedene Benutzergruppen vorarbeiten muss:

Die grösste Herausforderung liegt dabei nicht darin, die frühen Zielgruppen ("Technology Enthusiasts" und "Visionaries") zu erreichen. Wirklich schwierig ist die Überwindung der Kluft ("Chasm") zu den pragmatischeren Kunden im Mainstream.

Sieger in einem Markt wird dabei oft derjenige, der als erster diese Mainstream-Kunden überzeugt, wenn auch vielleicht nicht mit dem besten oder innovativsten Produkt. Beispiele dafür gibt es reichlich: Microsoft, nicht Apple, verkaufte den Pragmatikern erfolgreich PCs mit grafischer Benutzeroberfläche. Dafür fand Apple als erste Firma die richtige Formel dafür, MP3-Player für den Mainstream tauglich zu machen. Google lieferte als erste Suchmaschine brauchbare Resultate auch für Otto Normaluser, der sich nicht mit raffinierter Query-Syntax herumschlagen wollte. Aber manchmal schafft es eine Technologie auch trotz mehrerer Anläufe nicht in den Mainstream. Der Tablet-PC ist ein typisches Beispiel.

Ich glaube, dass die Blogosphäre genau an diesem "Chasm" angekommen ist und sich etwas schwer damit tut, die Kluft zum Mainstream zu überwinden. Wer heute (regelmässig) ein Blog schreibt, gehört immer noch zu den Pionieren. Den meisten Studien nach sind das deutlich weniger als 10% der Bevölkerung. Und die Gruppe der Leute, die häufig Blogs liest, ist auch nicht so sensationell gross: Zwar haben beispielsweise 40% der Amerikaner schon mal Blogs gelesen, aber nur 20% davon (also ca. 8% der Bevölkerung) tun das bisher täglich. In Europa sind die Zahlen wohl noch geringer.

Was noch hinzukommt: Unter den derzeitigen Top 10 Blog-Websites in den USA befinden sich fünf (tmz.com, perezhilton.com, Engadget, Gizmodo, Thatsfit) die inhaltlich und strukturell mehr mit "normalen" Content-Sites zu tun haben als mit klassischen Blogs. Diese Sites verwenden zwar ein Blog-Format, aber beschäftigen professionelle Redakteure und finanzieren sich über Werbung und Sponsoring, sind also klar kommerzielle Verlagsprodukte. Mit user-generated Content im Sinne klassischer Blogs haben diese Angebote nicht mehr viel zu tun.

Und das ist auch in Ordnung. Denn die Blogosphäre kann es nur aus dem Innovatoren-Ghetto heraus in den Mainstream schaffen, wenn sie vielseitiger, substanzhaltiger und für normale User zugänglicher wird.

Normaluser sind nicht interessiert an selbstreferentiellen, eine-Hand-wäscht-die-andere Technorati-Rankings. Sie wollen nicht wissen, wie Trackbacks oder die Subtilitäten von RSS-Feeds (Nehm ich jetzt Atom oder RSS 2.0?) funktionieren. Sie interessieren sich nicht dafür, wer die "A-Lister" sind, sondern nur dafür, wo sie für ihre eigenen Interessensgebiete die besten Inhalte finden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Blogosphäre sich weiterentwickeln und so den "Chasm" überwinden und sich im Mainstream etablieren kann. Denn die Dinge, die das Bloggen und Blog-Lesen so faszinierend machen -- erfrischende Unmittelbarkeit, klare Meinungen, heftige Diskussionen, ungewöhnliche Einsichten -- sind zweifelsfrei auch für grössere Zielgruppen interessant.

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