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08.11.12

Coursera, Udacity und edX: Wie "Online-Unis" den Offline-Alltag bereichern

Immer mehr international renommierte Unis sowie eigenständige Angebote bieten Online-Kurse kostenlos und ohne Zugangsbeschränkungen an. Auch hiesige Studenten können von diesen Services profitieren. Wir stellen die wichtigsten Anbieter vor.

Übervoller Hörsaal? Dröger Prof? Die wenigen guten Dozenten sind selten da, weil die lieber Beratertätigkeiten nachgehen und Vorlesungen stattdessen von ihren Assis geben lassen? Der coole Prof vom letzten Semester, der sogar die komplexesten Sachverhalte so erklären konnte, dass man sie verstanden hat, hat einen Ruf nach Stanford bekommen und ist gegangen? Wer sich in diesem Szenario wiederfindet, ist mit großer Wahrscheinlichkeit gerade an einer großen deutschen Uni in einem Massenstudiengang eingeschrieben.

Den typischen Motivations-Durchhängern im Studium begegnet man am besten mit neuen Reizpunkten und Impulsen. Auch nach Stanford gehen? Besser wär's vielleicht, aber das passt leider gerade nicht ins Budget. Sich Stanford über die Angebote offener E-Learning-Plattformen auf den Bildschirm holen? Besser als nichts, aber lohnt sich das? Ja!Motivation durch Inhalte anstatt durch Credit Points

Meinung einer Coursera-NutzerinMOOCs, "Massive Open Online Courses", sind Onlinekurse, die frei und kostenlos zugänglich sind. Einst auf wenige IT-Themen beschränkt, wird mittlerweile ein breites Inhalte-Spektrum aus unterschiedlichen Studiengängen angeboten und darüber ein internationales Publikum angesprochen. Ursprünglich initiiert von nur wenigen US-Bildungsträgern engagieren sich in diesem Umfeld mittlerweile weltweit immer mehr Universitäten in Eigenregie, oder aber haben sich für ihre Online-Angebote zu Netzwerken zusammengeschlossen. Vorab: Zur Zeit geht es primär um das Interesse der Teilnehmer am jeweiligen Themenfeld und nicht um "Scheine". Anbieterübergreifend sind zunächst alle Angebote kostenlos und dabei ohne Prüfungszwang.

Manche Dienstleister bieten zwar für bestimmte Kurse auch Abschlussprüfungen und den Erwerb entsprechender Zertifikate an, hierbei gibt es jedoch noch keine einheitlichen Standards: Einige Unis nehmen online bereits Prüfungen ab, andere (unter anderem Princeton) verweigern bei Web-Angeboten gänzlich die Vergabe von Leistungsnachweisen jeder Art, da "Online" ein hohes Betrugsrisiko bestehen würde und man darüber seine Reputation gefährdet sieht. Wiederum andere (MIT, Harvard) testen bereits den Einsatz von regionalen Zentren, in denen Prüflinge unter Aufsicht am Rechner Abschlusstests absolvieren können - vergleichbar staatlich anerkannten Fernstudiengängen in Deutschland - so dass Zertifikate zukünftig auch ein entsprechendes Gewicht erlangen und auf dem Arbeitsmarkt Akzeptanz finden.

Bis dato sind jedoch auch solche Zertifikate generell nicht auf eigene Leistungen in regulären Präsenz- oder Kombistudiengängen anrechenbar. Allen Angeboten ist also gemein, dass bei den Interessenten eine intrinsische Motivation im Vordergrund steht und nicht das Sammeln von Leistungsnachweisen.

Dozenten, die "Online" nicht als lästige Pflicht, sondern als Chance begreifen. Auch für sich selbst.

Das Engagement vieler Dozenten kommt dabei nicht von ungefähr: Das Hochschulwesen gilt allgemein - und in den USA im Besonderen - als ein schwieriges Arbeitsumfeld. Karrierechancen ergeben sich auch hier nicht zwangsläufig durch besondere Fähigkeiten, Kenntnisse und Ambitionen, sondern auch durch die Herkunft, das persönliche Netzwerk oder das "richtige" Parteibuch. Auf den Punkt: Wer in den USA als Lehrender "der richtigen Familie" oder einem "alten Hochschuladel" entstammt, der hat auch auf dem Campus die besseren Karrierechancen. "Online" bietet vielen Dozenten neue Möglichkeiten: Wer anstatt jährlich 1.000 Studenten auf dem Campus weltweit 100.000 Online-Teilnehmer von seinen Fähigkeiten in der Wissensvermittlung überzeugen oder gar dafür begeistern kann, dem eröffnen sich darüber auch neue Möglichkeiten, das eigene Profil zu schärfen und seine Reputation zu stärken: Noch kostenlos, gilt diese Form der Online-Bildung - wieder - als ein Zukunftsmarkt, an dem auch Unternehmen zwecks Personalrekrutierung und Weiterbildung ein immer größeres Interesse zeigen, wovon letztlich auch die besten Online-Dozenten profitieren werden.

Ob der Antrieb jedoch nun aus Spaß an der Lehre und neuen Methoden oder aber aus Eigennutz erfolgt, ist für die Lernenden letztlich nicht von Belang. Wichtig ist für diese nur, dass das "Produkt" gut ist.

Überblick über die wichtigsten Anbieter offener E-Learning-Plattformen

Längst bieten dabei nicht mehr nur bekannte US-Universitäten Kurse in Eigenregie an, sondern stellen diese auch in Kooperation mit anderen international anerkannten Hochschulen über gemeinsam genutzte Netzwerke zur Verfügung. Die weltweit größte Plattform ist Coursera, ein Anbieter, über den, initiiert von einigen US-Eliteuniversitäten, mittlerweile von weltweit 33 Universitäten insgesamt 198 Kurse aus verschiedensten Themenbereichen zur Verfügung gestellt werden. Von der Entwicklung benutzerfreundlicher User Interfaces, über Geschichte, Design, die Struktur und Evolution Sozialer Netzwerke, bis hin zu Kursen über professionelles Songwriting reicht hier das Spektrum. Zur Orientierung sind dabei oftmals bereits sämtliche Lehrvideos vor der Anmeldung für ein Modul abrufbar und jedermann zugänglich, wie hier am Beispiel eines Kurses zum Thema Gamification. Für viele Angebote werden Zertifikate nach erfolgreichem Abschluss vergeben. Ein umfangreiches Angebot, semantische Suche, übersichtliche Gliederung, prägnante Kursbeschreibungen und ansprechende Video-Teaser wecken die Neugier und machen Lust auf mehr.

Udacity ist ein Projekt des deutschen Professors Sebastian Thrun, der die Entstehungsgeschichte seiner Plattform hier in einem Interview beschreibt. Das Portal richtet sich im Gegensatz zu Coursera ausschließlich an angehende Programmierer und Entwickler, für die Video-Kurse, gestaffelt nach unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, zu verschiedenen Themen angeboten werden. Das Spektrum reicht dabei von Veranstaltungen zur Einführung in Computer Science, bis hin zu Angewandter Kryptographie. Die Video-Sessions werden dabei jeweils von Professor Thrun oder von Gastdozenten renommierter US-Universitäten abgehalten. Das Portal präsentiert sich gleichermaßen klar, übersichtlich und aufgeräumt und dennoch modern: Anmelden kann man sich per Social Login via Twitter oder Facebook, ausführliche Ausschnitte lassen sich aber bereits ohne Login direkt via Browser starten. Die Plattform ist dabei selbsterklärend aufgebaut und in den Videos geht es oft auch unterhaltsam zu. Das Angebot ist kostenlos, die Zertifikate ebenfalls. Der einfache Zugang durch ein ansprechendes "Klick & Learn"-Interface, ziehen den Nutzer sofort ins Geschehen.

Bei edX hingegen geht es "trocken" zu. Das MIT und die Hochschulen Harvard, Berkeley und Texas System stellen zusammen insgesamt nur neun Module, ausschließlich aus dem Bereich "Computer Science", zur Verfügung. Das Angebot präsentiert sich nüchtern und richtet sich an ein Fachpublikum, das nicht "abgeholt" werden muss, sondern mit Interesse und Vorkenntnissen gezielt nach Web-Angeboten dieser Art sucht. Kurse und Zertifikate sind auch hier kostenlos. Im Gegensatz zu den beiden anderen Anbietern, die nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch E-Learning selbst weiterentwickeln wollen, fällt dieses Angebot ab: Wo die beiden Wettbewerber mit Design-Elementen,  knackigen Video-Teasern und übersichtlichen Kursbeschreibungen glänzen können, macht sich bei edX dröger Uni-Mief breit: In den Kursbeschreibungen nimmt die Vita der jeweiligen Dozenten oft weit mehr Raum ein, als die Informationen zum Thema oder zum Kurs selbst. Die Geschichte ergrauter Herren mit riesigen Nerd-Brillen aus den 1970er Jahren, die linkisch in die Kamera schauen. Ein Besuch bei edX fühlt sich mitunter an, wie das Lesen des Klappentextes eines "Standardwerkes" und eignet sich deshalb nur bedingt für Einsteiger in die jeweiligen Themenbereiche.

Am Beispiel eines Moduls, das alle drei Plattformen in ähnlicher Form anbieten, lassen sich die inhaltlichen Unterschiede verdeutlichen. "Einführung in die Programmierung mit Python": Bei Coursera steht das "Interesse wecken" im Vordergrund, bei Udacity ein ganzheitliches Lehrmodell, (Warum sollte man eigentlich programmieren können? -> Wo fängt man überhaupt an? -> Warum eignet sich gerade Python für den Einstieg? -> Wie funktioniert Python?) und bei edX wird es lediglich als eine Grundlage betrachtet, die man kennen sollte, um sich dann komplexeren Themen widmen zu können.

Bei allen Anbieter ist die Unterrichtssprache Englisch, der Schwierigkeitsgrad jeweils jedoch moderat: Da sich die Kurse an ein internationales Publikum richten, wird in der Regel relativ langsam und akzentuiert gesprochen, so dass sich den Ausführungen auch mit eingerostetem Schulenglisch folgen ließe. Eine Liste, in der das komplette Angebot der genannten Services als Gesamtübersicht dargestellt wird, gibt es hier. Eine kleine deutsche Re-Interpretation der englischsprachigen MOOC betreibt das Hasso Plattner Institut.

Fazit: Online-Kurse haben das Hochschulwesen noch nicht umgekrempelt, bereichern es aber

Ich hatte über die Video-Trailer und Tutorials einiger Kurse das Gefühl, dass es oftmals wirklich darum geht, Interesse zu wecken und Menschen für seine Inhalte begeistern zu wollen. Ein Gewinn für junge Leute, die sich orientieren wollen, aber ihre Richtung noch nicht gefunden haben. Auch Berufstätige, die für den Job ihre Kenntnisse zu einst "ungeliebten" Themen auffrischen müssen, profitieren von solchen Angeboten. Studenten, die sich, im Bezug auf das Eingangsszenario, vielleicht gerade in einer Krise befinden, können durch die zusätzliche Nutzung dieser externen Quellen ebenfalls profitieren: Zum einen inhaltlich, zum anderen mitunter vielleicht auch nur durch den Motivationsschub, den ein etwaiger Perspektivwechsel mit sich bringen kann: "Wie wird eigentlich das, an dem ich gerade festhänge oder über das ich mich gerade ärgere, woanders und von jemand anderem unterrichtet?". Wer sich diese Frage über Online-Kurse selbst beantworten kann, hat auch die Chance, darüber einen neuen Antrieb für sein ins Stocken geratenes Präsenzstudium zu bekommen.

Derlei Massenkurse allzu euphorisch als die "Zukunft der Bildung" zu bezeichnen, ist zu vermessen, als eine zusätzliche Ressource und mögliche Impulsgeber für das Fortkommen in der eigenen Ausbildungssituation an, eignen sie sich aber zweifellos.

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