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14.07.07

"Consumerization of IT": Innovation von unten

Unter CIOs (Chief Information Officers) ist Unruhe ausgebrochen. In immer mehr Unternehmen macht sich unkontrolliert Technologie breit, die aus dem Konsumentenumfeld kommt und die man eigentlich nicht in der Firma haben will. Findet zumindest die Informatikabteilung.

"Consumerization of IT" nennen das die Analysten. Gemeint ist: Immer mehr Leute sind von der Leistungsfähigkeit ihrer heimischen PCs und privat genutzten Internetdienste so angetan, dass sie sich fragen, warum sie sich am Arbeitsplatz mit altersschwachen Rechnern und grauenvoller Grosskonzernsoftware herumschlagen müssen. Und statt sich zu ärgern, bringen sie halt die private Technologie mit an den Arbeitsplatz.

Klassisches Beispiel: Google und Yahoo bieten Konsumenten inzwischen Mailaccounts an, die gratis 2GB Kapazität bieten. Die Outlook-Mailbox am Arbeitsplatz ist hingegen oft auf 150MB oder noch weniger begrenzt. Wer oft grosse Dateien verschickt -- und wer tut das heute nicht? -- stösst da schnell an Grenzen. Immer mehr User behelfen sich damit, die grossen Files halt schnell per Web über Gmail zu versenden. Dass dadurch teilweise vertrauliche Unternehmensdaten fröhlich im Internet herumschwirren, stört sie nicht weiter.

Den CIO stört das hingegen sehr wohl.

Gartner, Haus- und Hofanalystenfirma der meisten Grosskonzern-CIOs, berichtet schon länger über das Thema und hat auch schon den Schuldigen gefunden: Die "Digital Natives", gern auch "Generation MySpace" genannt, wachsen mit all diesem Internet-Zeug auf und finden es nur ganz selbstverständlich, dass man Gmail, Skype oder Basecamp auch im Job benutzen sollte. Manche bringen sogar ihr schickes, schnelles MacBook zur Arbeit mit und hängen es ans Firmennetz an, statt sich mit dem prähistorischen Firmen-Dell herumzuärgern.

Interessanterweise rät Gartner aber nicht dazu, das alles per Befehl von oben einfach abzustellen. Im Gegenteil: Informatikabteilungen sollten sich gut anschauen, was es im Konsumentenbereich an interessanten Neuerungen gibt und selektiv die besten Dinge adaptieren, raten die Analysten. Consumerization sei gar der wichtigste technologische Trend des nächsten Jahrzehnts, und die Mehrheit der neu eingeführten IT-Tools in Unternehmen werde aus dem Konsumentenbereich kommen. Die sonst so trockenen Analysten schwingen sich in ihren Berichten gar zur etwas abgehobenen Befreiungsprosa empor:

"IT consumerization is about more than devices, software and access. It represents a mind-set, an

intensifier of social interaction, an assumption of choice and freedom, and a new means of

participation."

Bei so viel optimistischen Hype wird es den meisten Informatikchefs schwindlig, schliesse ich aus eigenen Gesprächen mit einigen betroffenen CIOs. Vor dem geistigen Auge sehen sie Horden von unter dreissigjährigen Mitarbeitern (die alle so ähnlich aussehen wie der Kerl aus der Mac-Werbung), die selbstverständlich beim kleinsten Problem mit all der neumodischen Technik dann schliesslich doch wieder hilfesuchend in der Informatikabteilung auflaufen. Geheime Firmendokumente schwirren irgendwo im öffentlichen Netz herum, bis es irgendwann zum Skandal kommt, für den dann natürlich die Informatikabteilung verantwortlich gemacht wird. Angestellte bloggen fröhlich Firmengeheimnisse in die Welt hinaus. Und irgendwann taucht auch noch der CEO auf, der statt dem Blackberry lieber ein schickes iPhone will, aber bitte mit der gleichen Push-Mail-Funktionalität. Kein Wunder, dass sich viele CIOs von so viel Innovationsdruck sehr überfordert vorkommen.

Nüchtern betrachtet macht die ganze Entwicklung durchaus Sinn. Die meisten Anbieter von Enterprise-IT sind vom Crash 2001-2004 noch so geschockt, dass sie kaum noch echte Innovation hervorbringen. Die grossen Softwarehersteller beschäftigen sich grösstenteils damit, Konkurrenten aufzukaufen. Zwischendrin bringen sie immer noch fettere neue Produktversionen heraus, um den Kunden wieder mal eine Upgradegebühr abknöpfen zu können. Die schlanken, leistungsfähigen und billigen Dienste aus dem Internet erscheinen da jedem neutralen Betrachter ungleich attraktiver.

In vielen Firmen muss unter immer grösserem Zeitdruck gearbeitet werden, und zwar längst geographisch verteilt und intensiv über Unternehmensgrenzen hinweg. Die globale Wirtschaft verlangt immer schnellere Anpassungsprozesse, und da hat niemand Zeit, auf die typischerweise recht langsame zentrale IT zu warten, wenn man mal schnell einen virtuellen Treffpunkt fürs Projektteam braucht. Ein irgendwo gehostetes Wiki ist da wesentlich praktischer.

Zudem: Immer mehr Firmen verlangen explizit oder implizit, dass die Angestellten auch durchaus in der Freizeit per Mail und Telefon erreichbar sind. Wenn die Arbeit immer mehr in den Privatbereich eindringt, warum soll die umgekehrte Bewegung nicht auch gelten? Warum soll man den Firmenlaptop, den man sowieso fast immer dabeihat, nicht auch für seine private Musiksammlung nutzen?

Die IT-Abteilung wird links und rechts überholt und weiss meistens nicht, wie sie auf all das reagieren soll. Der Supportaufwand ist oft nicht so gross wie befürchtet, weil es für die jüngere Generation heute selbstverständlich ist, den eigenen PC irgendwie am Laufen zu halten. Aber trotzdem: Der Verdacht liegt nahe, dass das schöne kreative Chaos irgendwann nur noch im Chaos endet. Und dann bleiben die Aufräumarbeiten wieder an den Informatikern hängen.

Um auf einen anderen Artikel in diesem Blog zurückzukommen: Das hatten wir schon mal. Auch der heute allgegenwärtige PC wurde primär aus dem privaten Bereich in die Unternehmen hineingetragen. In den meisten Firmen sind die ersten PCs kaum von der zentralen IT aufgestellt worden. Vielmehr hat einfach jemand mal so ein Ding mitgebracht, weil man damit schnell Probleme lösen konnte, die der alte IBM-Mainframe nur mit Mühe (und nach mindestens sechs Monaten Projektlaufzeit) in den Griff kriegen konnte.

Praktisch die gleiche Entwicklung erleben wir jetzt wieder. Und wir wissen auch, was beim letzten Mal passiert ist: Nach und nach wurde der einst wilde PC domestiziert, die Systeme wurden zentral wartbar gemacht, und der PC wurde nicht zur zum selbstverständlichen, sondern auch voll kontrollierten Teil der Infrastruktur. Und doch: Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass der IT-User im Jahr 2007 ungleich viel mehr Freiheit hat als der IT-User vor dreissig Jahren.

Und auch heute überlegt sich die IT-Branche bereits fleissig, wie man die wilde Consumerization-Bestie wieder einfangen könnte. Erste Startups bieten bereits ihre Dienste an, um die Blogging-Aktivitäten der Angestellten zu überwachen. Natürlich nicht, um irgendjemanden in seiner Kreativität einzuschränken, versichert man sogleich, sondern nur zur Wahrung der ach so wichtigen "Compliance". Dann ist ja gut.

Die grossen Anbieter geben sich auch alle Mühe, zumindest so zu tun, als ob sie den Trend im Griff hätten. Blog- und Wiki-Software kann man inzwischen auch schon von SAP, BEA oder Oracle kaufen. Und damit sollten die Angestellten dann ja hoffentlich keinen Grund mehr haben, ausserhalb der Unternehmensmauern ihre Daten zu parken. Hofft zumindest der CIO.

Eins ist sicher: In den nächsten Jahren wird der Innovationsdruck auf Informatikabteilungen massiv bleiben. Wir werden einen interessanten Prozess erleben, in dessen Verlauf wohl viele neue Technologien Schritt für Schritt in die Unternehmensinformatik absorbiert werden. Firmen, die ein hohes Innovationstempo hinlegen wollen, fahren wohl besser damit, solchen Neuerungen sehr offen gegenüberzustehen.

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