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26.05.07Leser-Kommentare

Comeback: Das ZEITmagazin Leben

Den grossformatigen Seiten der wöchentlichen Zeit liegt wieder ein Magazin im Tabloid-Format bei. Wir haben es gründlich getestet und zu jeder redaktionellen Seite etwas geschrieben.

Zeit MagazinZeit Magazin Günter Wallraff

Das alt-neue Ding nennt sich ZEITmagazin Leben, was natürlich wieder schwierige und umständliche Umschreibungen erfordern wird, wenn man klar und unmissverständlich darauf hinweisen will. Auf dem Titel ist Harrison Ford. Nicht ganz: Es ist der als Harrison Ford verkleidete Günter Wallraff, der einen neuen Namen angenommen hat, sich mit Kontaktlinsen und falschen Haaren ausgestattet sowie im letzten Jahr mit Marathontraining verjüngt hat.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Layout ist nicht taufrisch, der Name ist zu kompliziert, Wallraff ist omnipräsent, aber super und die Leser sind glücklich über Tabloid-Formate mit Inhalt. Die breite und vielfach wohlwollende Aufnahme des Magazins deutet auf eine sichere Zukunft hin.

Und so siehts aus im Heft:

 

Seite 8: Harald Martenstein

regt sich zurecht darüber auf, dass ihm nicht der von ihm benötigte Platz im Heft zugestanden wird. Schuld daran: Die ignoranten und bösartigen Artdirektoren. Man sollte ihm ein Weblog zur Verfügung zu stellen.

Seite 10: Deutschlandkarte

Eine offenbar ständige Rubrik, in der Deutschland in Landkreise aufgeteilt und nach verschiedenen Fragen durchleuchtet wird. Die aktuelle Frage "Wo scheitern Ehen am Häufigsten?" finde ich noch nicht ganz so interessant, aber das kann ja besser werden. Idee gut, Aufwand übersichtlich (die Praktikantin füllt die Daten in eine Tabelle und drückt auf den Knopf, danach wirds grafisch aufgebrezelt), Ergebnis für den Leser spannend.

Seite 11: "Kalle sieht fern"

heisst sie, die TV-Kolumne von Matthias Kalle, diesmal über Ärzteserien. Überzeugt mich nicht, aber der Schluss ist lesenswert: "Als House gefragt wird, ob er mit dem Patienten schon über dessen Krankheit gesprochen habe, sagt er: 'Nein. Wieso? Ist er Arzt?' Sätze, die für Patienten die Hölle sind, für Zuschauer ein Genuss."

Zeit Magazin SarkozySeite 11: "Worte der Woche ... die leider NICHT gesagt wurden"

Der absolute Tiefpunkt des Hefts. Wer bloss interessiert sich für Zitate, die nicht gesagt wurden? Mein Vorschlag: Kürzt die Kolumne um die Hälfte oder um drei Viertel, aber füllt sie mit Worten, die tatsächlich gesagt wurden (denn wöchentlich wird weltweit viel Brisantes gesagt - man muss es nur finden). Sowas würde ich gerne lesen. Was die Redaktion gerne gehört hätte, interessiert mich überhaupt nicht. Solche erfundenen Zitate relativieren nur die Kraft von echten Zitaten. Dazu passen leider auch die kleinen Karikaturen der unfreiwilligen Protagonisten.

Seite 12: "Warum Männer immer falsche Sonnenbrillen kaufen"

Verdammt, ich bin ertappt: "Der Mann versagt dort, wo die Frau triumphiert". Aber ich muss die Spalte noch nicht mal lesen, um zu wissen, dass mich das nichts angehen kann. Es reicht, die Preise der fünf eingeblendeten Modelle zu lesen: Tom Ford (290 Euro) bis Ray Ban (120 Euro). Ich blättere weiter.

Seite 14: "Erinnern Sie sich?"

Einem Promi wird ein Foto vorgelegt, das irgendwann in der Vergangenheit von ihm geschossen wurde. Könnte gut werden. Nächste Woche: "Jürgen Klinsmann betrachtet ein Foto, das ihn mit Rudi Völler zeigt".

Zeit Magazin Leben Günter Wallraff

Seite 16: "Günter Wallraff ist zurück"

Das Highlight: Günter Wallraff besucht inkognito deutsche Telefonspammer und Bauernfänger. Seltsam kurz (der Beitrag wurde um die Hälfte gekürzt, mehr hier), aber grossartig. Woanders (hab vergessen, wo) ist die Frage aufgetaucht, warum es für eine solche Reportage immer Günter Wallraff braucht. Ja, warum denn? Das Ergebnis spricht doch für sich.

Seite 26: "Ich bin ein Magazinkind"

Die Schauspielerin Jessica Schwarz darf im Gespräch mit gleich zwei Redaktoren der Lancierung des ZeitMagazins nicht unförderliche Sätze sagen. Zum Beispiel: "Nein, ich liebe Zeitschriften. Ich bin ein echtes Magazinkind." Oder: "Meine grundsätzliche Freude an Zeitschriften und Zeitungen lass ich mir nicht nehmen." Oder: "Ich bin, was Zeitschriften angeht, eine Vielfresserin. Ich liebe es zum Beispiel mir einen Packen Zeitschriften zu kaufen, vom Spiegel, Gala bis Dazed and Confused." Wirkt anbiedernd.

Seite 30: "Eine wahre Liebesgeschichte"

Der erste Satz des Texts lautet "Das männliche Gedächtnis speichert offenbar anderes als das weibliche". Vermutlich lässt es auch anderes rein als das weibliche. Mein Hirn hat jedenfalls diesem Text den Eintritt verweigert. Vielleicht lag das auch an den Illustrationen, in Pastellfarben gezeichnete Menschenköpfe und diese umschwirrende Schmetterlinge. Aber vielleicht ist der ja gut. Felix sagt im Text: "Es war ein Gesamtkunstwerk. Vollkommen stimmig und rund".

Seite 34: "Ich habe einen Traum. Leslie Feist"

Kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Nachdem Harald Schmidt diese Woche in einer Kolumne erzählt hat, er habe sich eine Feist-CD gekauft.

Seite 38: "Deutschland von oben"

Ein grossartiges Panorama-Bild aus der Semperoper in Dresden. Weil es in der Mitte ist und es sich über vier Seiten erstreckt, kann man es auch herausnehmen und über das Bett hängen. Schöne Idee.

Seite 44: "Ich halte nicht viel vom Heiligenschein"

Jo "V" Ackermann legt fürs ZeitMagazin die Hand aufs Herz und gibt ein Interview, das inhaltlich ergiebig ist. Er sagt: "Was im obersten Management der Bank besprochen wird, geht nicht hinaus, das ist en famille. Im weiteren Umfeld, oft auch im Gespräch mit der Politik, ist das nicht so sicher. Positiv hervorheben möchte ich Angela Merkel. Was man mit ihr bespricht, bleibt absolut vertraulich."

Seite 54: "Helmut Lang: Mein Magnum"

Der "zurückgezogen in New York" lebende Helmut Lang hat zum 60. Geburtstag der Fotoagentur Magnum seine liebsten Bilder ausgewählt. "Vorab zeigen wir sie hier". Na ja.

Zeit Magazin LebenSeite 63: "Atelierbesuch Gilbert & George"

Hab ich so einen Besuch bei den beiden Herren nicht kürzlich woanders auch nicht gelesen? Darum auch keine Wertung. Mich frappiert nur eins: Der eine von beiden sieht ein wenig so aus wie Udo Vetter.

Seite 66: "Kunstmarkt"

Tobias Timm fragt zurecht, warum es von einem abgebildeten Gursky-Foto nur sechs Abzüge gibt. Antwort: "... nur wer auf dem Kunstmarkt bei hoher Nachfrage das Angebot künstlich verknappt, kann einen höheren Preis verlangen".

Seite 67: "Kennenlernen"

Die vor allem von Menschen über 50 genutzte Dating-Seite, die redaktionellen Inhalt und Verbraucherangebote mischt. Mich hat vor allem erstaunt, dass mir nicht erklärt wird, wie ich diese Seite nutzen kann. Es gibt Inserate und am Schluss des jeweiligen Textes steht sowas: "ZA 53467 DIE ZEIT, 20079 Hamburg". Muss man da jetzt einen Brief schreiben? Und dann? Ich glaube, da würde ich nicht schreiben - vielleicht wird mein flammender Liebesbrief dann von Zeit-Redakteuren ausgelacht. Von Online-Angeboten erwartet man seltsamerweise immer, dass alles ins Details erklärt ist.

Seite 68: "Der perfekte Mann"

Ich lese ja keine Beautykolumnen, aber die hier scheint mir ganz gut gelungen.

Seite 70: "Autotest"

Nur 81515 Euro kostet das getestete Auto. Ich glaub, ich überleg mir das mal. Davon abgesehen durchaus mutig. Der Lobpreis-Text auf SUVs könnte einige umweltbewusste Leser vor den Kopf stossen und vielleicht zu Abo-Kündigungen führen. Der ungenannte Autor (abgebildet ist Margrit Stoffels, die "Autotest-Koordinatorin", was immer das ist) schreibt zum Schluss: "Als der Umzug vorbei war, tranken wir ein Glas Feuerwasser auf sein Wohl - und darauf, dass die Ölquellen noch ein Weilchen sprudeln mögen".

Seite 73: "Wolfram Siebecks Kochwettbewerb"

Ich lese auch keine Kochkolumnen. Die im Text aufgetischten Gerichte sind aber schon spannend: "Lila Kartoffelsalat mit grüner Remoulade zu panierten Kalbshirnröschen", "Sumpfschnepfensalmis", "Konfit aus Gänsemagen auf Linsen", "Meursaultkutteln-Ravioli mit Räucheraalstückchen und Bratkartoffeln", "Hasenhirn auf Wintersalaten", "Grillwürste vom Hering mit Radieschen-Joghurt auf gedünsteten Gurkenstreifen". Wie wärs mit: "Kochen ist das neue Feuilleton"?

Seite 74: "Lassen sie uns spielen"

Mach ich auch nicht mit. Aber man weiss ja, dass die meisten Leser sich ausschliesslich mit genau diesen Seiten beschäftigen. Was mir auf diesen vier Seiten auffällt, wenn auch gar nicht negativ: Ich fühle mich vom Layout 10 oder 20 Jahre zurückversetzt.

Zeit Magazin Helmut SchmidtSeite 78: "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt"

Die letzte Seite ist eine der Wichtigsten. Hier hat man sich offenbar für einen ständigen Gast entschieden, der mit wechselnden Gesprächspartnern die Welt erklären darf. Lustig die Reaktionen darauf. Grundton: Dass ein so alter Mann, der dazu auch noch so viel raucht, noch immer so gescheite Dinge sagen kann. Uah.

Was schreiben andere darüber?

Felix Schwenzel hat die zum Magazin gelieferte Zeitung gleich mal weggeschmissen und möchte die PR-Agentur kennenlernen, die Josef Ackermann gecoacht hat. Thomas Knüwer sieht in der TV-Kolumne "Kalle sieht fern" eine Kopie von Stefan Niggemeiers FAS-Kolumne. Der Popkulturjunkie meint, sowas wie von Wallraff schon mal vor ein paar Wochen gelesen zu haben und Bonzo (in den Kommentaren) nahm an, Wallraff sei vielleicht der Junge von der alten ?Kinderschokolade?-Tafel. Malorama wünscht sich u.a. das faz-Magazin zurück: "gerade in zeiten wie diesen, in denen so viele zeitschriften so unsagbar öde und langweilig und beliebig und vorhersehbar sind, braucht man wieder dringend zeitungsmagazine." Magnus Hengge möchte "keine Tipps für den Mann lesen, welche Sonnenbrille er zu tragen habe und bitte auch keine Schauspielerinnen-Interviews ohne erkennbaren Inhalt." Metalust & Subdiskurse zu den Sonnenbrillen: "Klar, im Umfeld einer solchen Story fühlen sich Anzeigenkunden wohl."

Das Aussehen des Hefts ist auch Thema. HD Schellnack: "Biederer geht es ja nicht einmal in der Brigitte zu, Freunde." Grupetto: "Mit frischer, aber nicht besonders innovativer Optik hat es das ZEITmagazin geschafft im neuen Jahrhundert anzukommen, ohne auf klassische Elemente des Magazins zu verzichten." Dem Wortretter fiel das "langweilige und billig wirkende Layout" auf. Dagegen Florian Treiß: "Das Retro-Layout ist meiner Ansicht nach auch sehr schick." Das Blog von Gwinner mittete alle Meinungen wieder ein: "Wie man?s dreht und wendet, das neue Magazin ist einfach unausgegorenes Mittelmaß."

Gero von Randow schrieb: "Was mich wirklich freut ist die positive Aufnahme des Magazins in der Blogwelt" (noch mehr bei Technorati). Wir wolllen ihm mit diesem Satz aus dem Hirnstromblog recht geben: "Als ich heute die 'Zeit' bekam, da hatte ich Tränen in den Augen: Nach acht Jahren ist wieder ein Zeit Magazin beigelegt."

Was schreiben die Profis von der Konkurrenz?

Der Greis als Rebell

(spiegel.de, Christian Buß)
Opulent, geschmackssicher - und leider viel zu brav: Die "Zeit" hat ihre vor acht Jahren eingestellte Beilage als "Zeit-Magazin Leben" reanimiert. Das Heft bewegt sich jetzt zwischen Retro-Charme, Veteranentreffen und Personalisierungskult.

Das zweite Leben

(taz.de, Stefan Kuzmany)
Nach acht Jahren Pause liegt der "Zeit" ab heute wieder ein Magazin bei. Geleitet vom 33-jährigen Christoph Amend, verspricht das "Zeit-Magazin Leben" Verjüngung. Noch überwiegt das Altbekannte.

Geringe Einschlafgefahr

(netzeitung.de, Michael Angele)
Das müssen auch Papierhasser zugeben: Mit dem Laptop in die Badewanne steigen, ist ganz unmöglich. Ob sich das neue ZEITmagazin LEBEN besser eignet, hat Michael Angele getestet.

Giovanni di Lorenzo über das neue "Zeit-Magazin"

(dwdl.de, Thomas Lückerath)
"Die Zeit" erscheint erstmals mit dem neuen "Zeit-Magazin Leben". Giovanni di Lorenzo über Phantomschmerzen, Lampenfieber und die Formatfrage.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Florian Treiß

    26.05.07 (20:54:23)

    Ronnie, klasse Rezension von Dir! Aber eine kleine Klugscheißerei muss sein, und zwar zu Seite 11, "Worte die leider diese Woche nicht gesagt worden ist". Du meinst ja, wäre besser stattdessen gesagte Wort der Woche abzudrucken. Aber die Rubrik ist ja quasi selbst-referentiell zur normalen Zeit. Denn dort gibt es eben immer auf Seite 2 wie wichtigsten gesagten Worte der Woche.

  • Ronnie Grob

    27.05.07 (14:47:03)

    @Florian Treiss: Ok, das war mir nicht präsent. Dennoch: Die Rubrik interessiert mich in so einer Form überhaupt nicht.

  • Mainbube

    28.05.07 (17:26:44)

    Der Wallraff-Artikel ist eigentlich stinklangweilig, weil da nichts wirklich Neues erzählt wird. Ansonsten muss ich mir mal das neue Zeit-Magazin mit mehr Zeit durchlesen, ich habe es nur mit dem Wallraff-Artikel aufgenommen und fand ihn, na ja ich muss mich nicht wiederholen.

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