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31.03.08

Chefredakteur ade -- News werden sozial

"If the news is that important, it will find me."

Diesen Satz formulierte laut New York Times ein amerikanischer College Student anlässlich einer Studie über das Medienverhalten junger Leute. Wahrscheinlich gibt dieser Satz verblüffend perfekt wieder, wie die neue Medienwelt funktionieren wird -- und heute schon funktioniert.

Was ist damit gemeint? Im Prinzip sagt dieser Satz aus, dass Nachrichten immer mehr vom Pull- zum sozialen Push-Medium werden. Wir gehen als Medienkonsumenten nicht mehr rituell in regelmässigen Abständen zur Newsquelle -- so, wie man früher morgens die Zeitung gelesen oder brav zu einer festgelegten Zeit die Tageschau geguckt hat --, sondern wir warten ab, welche Nachrichten sich als relevant genug herausstellen, dass sie uns von anderen empfohlen werden.

Immer weniger bestimmen professionelle Medienschaffende, welche News wir als wichtig empfinden. News werden sozial. Empfehlungen anderer Leute -- Freunde, Arbeitskollegen, Geschäftspartner, Gleichgesinnte -- werden wichtiger als das, was Redaktionen als berichtenswert empfinden.

Die Vehikel dafür sehen wir jetzt schon überall: Angefangen vom einfachen Link auf eine Story, die uns jemand per E-Mail sendet, über Aggregationssites wie Techmeme oder Rivva, soziale Newssites wie Digg oder facts.ch , bis hin zu Newsreadern mit Austauschfunktionen wie Google Reader. Auch Websites, die primär eine soziale Funktion erfüllen -- Facebook oder Twitter beispielsweise -- werden immer mehr als Kanal genutzt, mit dem man andere Leute auf interessante Meldungen aufmerksam machen kann.

Im Internet sind zwei Dinge fundamental anders als in klassischen Medien: Erstens ist das Platzangebot im Prinzip unbegrenzt, und daher steht das News-Rohmaterial in fast unerschöpflichen Mengen und enormer Vielfalt zur Verfügung. Zwischen professionell produzierten Inhalten und Amateur-Content wird faktisch nicht mehr unterschieden. Und zweitens ist es für Konsumenten extrem einfach und billig (im Sinn von Kosten und Zeit) geworden, ihren engeren oder erweiterten Bekanntenkreis auf interessante Nachrichten hinzuweisen. Kein Vergleich mit den guten alten Zeiten, als man noch Zeitungsartikel ausschneiden, kopieren und physisch verschicken musste. Heute genügt ein Klick auf "Digg this" oder "Artikel versenden".

Diese neue Methode der Newsselektion ist nicht nur effizienter angesichts immer weiter anschwellender Informationsmengen, sie ist in vielen Fällen auch noch wesentlich zielgerichteter. Denn wer weiss schon besser als unsere Freunde und Bekannten, was uns potentiell interessieren könnte? Und wer wäre kompetenter in der Beurteilung wichtiger Themen als die Elite-Blogger, die mit ihren Links die Nachrichtenauswahl auf Techmeme oder Memeorandum bestimmen? Sicher nicht der durchschnittliche Zeitungsredakteur.

Die explizite Personalisierung von Newsquellen, bei der man seine Interessensgebiete manuell konfigurieren muss, hat sich nicht durchgesetzt. Erstens ist es zu mühsam und kompliziert, seine Interessen explizit zu formulieren, und zweitens setzt Personalisierung einen viel zu engen Filter. News sind dann interessant, wenn sie zu 70% aus Dingen bestehen, die wir selbst auch ausgewählt hätten, und zu 30% aus überraschenden Beiträgen, die in kein Raster passen. Das schaffen Social-News-Sites bereits heute in den meisten Fällen besser als redaktionell gefilterte Medien.

Ein kleiner Selbstversuch: Von den jetzt gerade aktiven 50 Meldungen auf facts.ch interessieren mich immerhin 58%. Von den 28 Links in meinem Twitter-Feed der letzten Tage waren es 61%. Von den 76 Meldungen auf Spiegel Online (Journalistisches Highlight: "Tokio Hotel ohne Stimme: Bills Bruder würde singen lernen" ) sind es hingegen nur 37%. Und das ist ein ziemlich typisches Verhältnis. Von den gerade wichtigen politischen Themen hätte ich auf Facts.ch kein einziges verpasst. Durch die Lappen gegangen wären mir als Nicht-Spiegel-Leser nur die neusten Bundesliga-Resultate sowie die Kritik der gestrigen "Wetten Dass"-Sendung (" Badespaß mit Berufsblondinen").

Klar, die Entwicklung der sozialen Medien befindet sich noch in einer ziemlich frühen Phase. Natürlich werden diese Mechanismen bisher nur von einem relativ kleinen Prozentsatz der Internetuser genutzt, aber wie immer wird es eine Frage der Zeit sein, bis Social News im Mainstream ankommen.

Bleibt nur die Frage, welche Funktion die klassischen Redaktionen in Zukunft noch übernehmen. Natürlich braucht es weiterhin Profis, die den wirklich hochwertigen Content produzieren, Recherchen anstellen, Hintergründe ausleuchten. Aber diese Leute müssen nicht mehr unbedingt für einen klassischen Medienkonzern arbeiten, sondern können auch auf anderen Wegen Visibilität gewinnen. Und eins ist klar: die Filterfunktion der klassischen Medien dürfte immer mehr zum Auslaufmodell werden.

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