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28.06.10

Check-In, Multitasking und Geofencing: Das Social Web wird ortsbezogen

Technische Beschränkungen und die Datenschutzsensibilität der Nutzer haben bisher das Wachstum ortsbezogener Dienste gebremst. Mit Multitasking und Geofencing wird sich dies ändern.

Wie schon häufiger erwähnt, hat sich die Funktion zum Check-In bei bestimmten Orten zum inoffiziellen Standard ortsbasierter mobiler Dienste entwickelt. Dafür gibt es zwei nennenswerte Ursachen:

Zum einen erhöht der eine manuelle Aktivität erforderlich machende Check-In die Kontrolle der Nutzer über die Publikation ihres aktuellen Standortes, und zum anderen wurde so auch der Einsatz auf dem iPhone möglich, der für Location-Dienste wichtigsten Plattform, die bisher keine Möglichkeit für die parallele Verwendung von Applikationen vorsah und somit nicht für Anwendungen in Frage kam, die den Standort der User automatisch im Hintergrund aktualisierten.

Die Folge war, dass nicht Loopt , Brightkite - Location Based Services (LBS) der ersten Stunde - oder Google Latitude den anhaltenden Location-Trend befeuerten, sondern Check-In-basierte Dienste wie Foursquare oder Gowalla . Später orientierten sich die meisten ortsbasierten Anbieter am Check-In-Prinzip und machten es zu einem der typischsten Web-Features dieses Jahres.

Doch nun hat Apple sein neues Betriebssystem iOS 4 veröffentlicht , das iPhones der vierten und dritten Generation mit einer zwar begrenzten aber doch hinreichend flexiblen Multitasking-Funktionalität ausstattet, um LBS das automatische Aktualisieren der Anwenderstandorte zu ermöglichen.

Da Android, das neben Apples iOS-Plattform zweite relevante mobile Betriebssystem für Location-Dienste, schon lange das gleichzeitige Einsetzen mehrere Anwendungen zulässt, ist damit einer der zwei Hauptgründe für den Aufstieg des Check-In-Prinzips Geschichte. Übrig bleibt der Aspekt des Schutzes der Privatsphäre.

LBS haben es schwer genug, sich von einem Early-Adopter-Produkt hin zu einem Phänomen für die breite Masse zu entwickeln. Wenn Apps fortan stetig im Hintergrund den aktuellen Standort der User veröffentlichen, dürfte dies die Motivation ohnehin durch politischen Aktionismus verunsicherter Durchschnittsnutzer , ortsbezogene Netzwerke auszuprobieren, nicht gerade erhöhen.

Die Herausforderung für derartige Handydienste besteht darin, sich die neuen, durch Multitasking eröffnenden Möglichkeiten zur Verbesserung der Funktionsweise zunutze zu machen, aber gleichzeitig Usern das Gefühl zu geben, weiterhin die volle Kontrolle über ihre Privatsphäre-Einstellung zu behalten, ohne jedoch dabei deren Komplexität zu erhöhen.

Die Technologie, mit der sich dies bewerkstelligen lassen könnte, heißt Geofencing, wörtlich übersetzt "Geoumzäunung". Geofencing teilt Koordinatenbereiche in Zellen ein und ermöglicht bei Mobiltelefonen automatische Benachrichtigung und Aktionen, sofern Anwender eine Zelle betreten oder verlassen.

Im Zuge der Veränderungen durch das neue iPhone-OS sowie den anhaltenden, eine Differenzierung vom Wettbewerb erzwingenden Boom von Location-Angeboten, scheinen Geofencing-Features zum neuen Hoffnungsträger der Startup-Welt zu werden.

Location-Dienstleister wie SimpleGeo oder Location Labs erlauben mittlerweile ihre APIs einsetzenden Startups, Geofencing zu nutzen , und auch Silicon-Valley-Ikone Robert Scoble bezog sich auf die Idee des Geofencing, als er kürzlich beschrieb, wie sich LBS bis zum Jahr 2012 seiner Ansicht nach weiterentwickeln .

In der Praxis ließe sich mit Geofencing zum Beispiel ein von vielen LBS-Nutzern nachgefragtes Feature realisieren, nämlich der automatische Check-Out. Wenn Nutzer einen von ihnen zuvor eingecheckten Ort verlassen und den virtuellen Zaun der Geofence überschreiten, könnte eine Applikation wie Foursquare einen Check-Out initieren, ohne dass die neuen Standort-Daten des Users veröffentlicht werden.

Richtig eingesetzt könnte Geofencing Anwendern den Gedanken des automatischen Publizierens von bestimmten Standorten schmackhafter machen, indem sich so z.B. Koordinatenbereiche festlegen lassen würden, in denen sich User grundsätzlich "inkognito" bewegen, wie beispielsweise im Umkreis von 500 Metern rund um den eigenen Wohnort. Sobald ein Nutzer dieses Gebiet verlässt, könnte eine Applikation nachfragen, ob nun automatisch Standorte publiziert werden sollen, oder ob nur der manuelle Check-In aktiviert sein soll.

Location Based Service befinden sich noch immer in ihrer Anfangsphase. Die Zahl der Onlinedienste, die den Standort der Nutzer berücksichtigen, wird zukünftig explodieren. Twitter mischt bereits mit, und auch Facebook will demnächst entsprechende Funktionen anbieten . Spätestens dann steht der Location-Trend vor seinem endgültigen Durchbruch.

Das Check-In-Prinzip wird vorerst Bestand haben, aber mit Optionen rund um die automatische Standorterkennung unter Einsatz von Geofencing erweitert werden. Klar ist: Was Web- und Technik-Interessierte in den vergangenen zwölf Monaten mit Foursquare, Gowalla & Co erlebt haben, ist nichts im Vergleich zu dem, was demnächst kommt. Das Social Web wird ortsbezogen und bald kaum noch wiedererkennen zu sein.

(Illustration: stock.xchng)

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