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17.04.08

CEO, Consulting, Consumer: Die moderne Gaunersprache

Was reden die denn da? Hinweise zur Entschlüsselung der Geheimsprache Neo-Rotwelsch.

Gaunersprache

Dem zeitgemäßen Neo-Rotwelsch hat noch niemand eine eigene Veröffentlichung gewidmet. Zwar ist uns unser 'Gaunertum' im Kern erhalten geblieben, nach wie vor geht es ihm vor allem um gelungene Eigentumsdelikte, also darum, sich möglichst straffrei an dem Vermögen anderer zu bereichern, die Sprache aber ist internationaler geworden, sie ist 'globalisiert' und 'anglizistisch', um gleich mal zwei Begriffe aus dem modernen Rotwelsch zu zitieren. Wo also einst die 'Dirnen', 'Händler' und 'Hausierer' noch 'Armbänder' fürchteten, da heißt die Gefahr heute 'Steuerfahndung', und die verbündete 'Magd' oder 'Halbschickse' lockt den 'Freier' oder 'Kunden' als 'PR-Beauftragte' mit zeitgemäß aufgebrezelten Reizen.

Zu Nutz und Frommen der ehrlichen Welt und um die verdienstvolle Arbeit des Avé-Lallemant ('Das deutsche Gaunertum'), des Herrn Günther ('Die deutsche Gaunersprache') und des Herrn von Train ('Wörterbuch der Gauner- und Diebessprache') bis in die Gegenwart fortzuführen, soll diese erste Handreichung dienen.

Asset: Früher hieß das mal 'Sore' oder 'Beute', der Gewinn also, den man sich nach einem gelungenen 'Schautenpicken' untereinander teilen konnte. Heute klingt es so: "In business and accounting, an asset is defined as a probable future economic benefit obtained or controlled by a particular entity as a result of a past transaction or event". 'Benefit'? 'Event'? Solchem Geschwalle muss ein vagantenjagender und unbedarfter Polizeioffizier heutzutage erst einmal 'auf die Schliche' kommen!


B2B: Wenn die ganze 'Mischpoche' sich versammelt, um über das zu sprechen, was die 'Koberer' (oder 'Projektentwickler') da nun wieder 'ausbaldovert' haben, dann spricht man von 'B2B-' oder 'Business-to-Business-Communication'. Ein Pläneschmieden unter gleich ökonomisch Gesinnten also. Das Objekt der Begierde heißt jetzt üblicherweise 'future trend', früher war es die 'Kawure'.

CEO: Das ist der 'Hauptmann' einer solchen Bande, der zu verhindern hat, dass nicht ein 'Sslichener' - ein 'Eingeschlichener' - die Pläne verrät an andere Banden (heute meist 'Konkurrenz' oder 'Wettbewerb' genannt) oder aber einen Teil der Gewinne 'untermackelt' oder 'privatisiert', wie der Vorgang moderner ausgedrückt heißt.


Consulting: Dieses 'Einkratzen' wird von dem 'betuchten Schmierer' ausgeführt, der jetzt 'Berater' oder 'Consultant' heißt. Er hat zu verhindern, dass nicht ein 'Lampen', also ein 'Mitwettbewerber', hinzukommt, der im letzten Moment beim 'Schränken' und 'Öffnen der Masematten' - neudeutsch: beim 'Vertragsabschluss' - stören könnte.


Consumer: Das ist jeder besitzende Mensch, denn es zu 'zinken' gilt, um sein Vermögen 'einzuschränken'. Um das Opfer zu umgarnen und sein Vertrauen zu gewinnen, wird oft eine 'Tippelschickse' vorgeschickt, heute meist 'Spokeswoman' oder 'Communication Assistant' genannt. Avé-Lalleman: "Nicht mehr der Hausierer, nicht der in Lumpen gehüllte vagierende Bettler, nicht mehr der Kesselflicker, Scherenschleifer, Leiermann, Puppenspieler und Affenführer allein ist es, der die Sicherheit des Eigentums gefährdet, alle äußeren Formen des Lebens müssen zur Maske der gaunerischen Individualität dienen". Der Besitzende - neudeutsch: Consumer - sollte daher wissen, dass niemandem mehr zu trauen ist. Schon gar nicht den Weibern ...

Downturn: Die Rede ist von jener Phase, wo schlussendlich alles 'auffliegt' und niemand mehr einen Pfifferling auf die Bande wetten würde. Heute spricht man von 'Gewinnwarnung'. Jetzt müssen alle eigenen Aktien verkauft sein, es geht um das möglichst vollständige 'Zuplanten' der Beute. Alles wirbelt, um Spuren zu verwischen, Dinge umzudeklarieren und 'steuerlich zu optimieren', zumindest aber einen 'Strohmann' aufzubauen, so dass nichts mehr zu machen ist, wenn die Polizei die Steuerfahndung die Räuberhöhle das Unternehmen stürmt betritt.


Elevator Pitch: Damit ist das 'Kaßpern' oder 'Abkaßpern' gemeint, das schnelle und heimliche Pläneverabreden (auch 'Pißchen-pee'), um günstig an neue 'Sore' zu kommen. Alles muss allen unmittelbar verständlich und schnell übermittelt sein, weil für lange 'Palaver' in diesem schnellen Gewerbe naturgemäß wenig Zeit ist, will man keinen Verdacht erregen. Generell wird dieser Vorgang auch als 'Projektentwicklung' deklariert und in geheimen 'Kassiwern' - den sogenannten 'Patenten' und 'Markenrechten' - 'gebunkert'.

...

So antiquiert ist das Rotwelsch also gar nicht. Mühelos lässt sich auf diese Art eine ununterbrochene Kontinuitätslinie ziehen von der Sprachwelt einer straßenräuberischen Vergangenheit bis in unsere höchst ehrenwerte moderne Geschäftswelt hinein. Natürlich aber ist dies hier nur eine höchst unverantwortliche Parodie und die geistige 'Fingerübung' eines minderbemittelten 'Challon-Kaßpers', der durch das offene Fenster ins Bizziness 'kobert', um zu sehen, wo hier wohl die 'Kawure' liegt ...


Eine gute Einführung bietet übrigens auch das 'Marketing Denglish Wordbook of Horrors ', wie es beim 'Ambivalenten Marketing Diskurs' zu finden ist ...

 

Wer will, kann sich ja mal an den folgenden Begriffen versuchen:

Erwartungen

Generieren

Investor

Kernkompetenzen

Keyword

Liquidität

Marktpenetration

Report

Repräsentativität

Risikokapital

Segment

Social Engineering

Spirit

Target

Turnaround

Usability

Win-Win-Situation

Zielgruppe

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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