<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

31.10.11

Callcenter adé: Wie die Taxi-Branche auf myTaxi reagiert

Die Smartphone-App myTaxi macht den bisherigen Taxi-Bestellprozess über Callcenter überflüssig. Die bedrohten Funkzentralen reagieren, wie man dies bereits aus anderen Industrien kennt.

 

Der digitale Wandel sorgt dafür, dass Unternehmen aus einer Vielzahl von Branchen Gefahr laufen, durch eine ausbleibende Evolution der angebotenen Produkte und Dienste sowie eine mangelnde Anpassungsfähigkeit an neue Marktdynamiken und Online-Konkurrenten die sich rapide verändernden Bedürfnisse der Kunden nicht mehr befriedigen können.

Ein ganz aktuelles Beispiel dafür sind die Taxizentralen, über die Fahrgäste zumeist telefonisch Taxis bestellen können. Taxifahrer, die auf die Leistungen der in der Regel regional aktiven Funkzentralen zurückgreifen wollen, zahlen eine monatliche Pauschale sowie eine Vermittlungsgebühr pro Fahrt und erhoffen sich auf diese Weise, die Zahl der Touren und damit ihre Umsätze zu erhöhen.

Lange Zeit hat sich an diesem für Taxifahrer vergleichsweise kostspieligen und für Fahrgäste umständlichen System nichts geändert. Doch dann kam das Hamburger Startup Intelligent Apps und zerstörte mit seiner Smartphone-App myTaxi innerhalb von anderthalb Jahren in 14 Städten die Funkzentralen-Idylle.

Mit myTaxi ersparen sich Fahrgäste den Anruf bei der Taxivermittlung. Stattdessen können sie in wenigen Schritten über die mobile App ein Taxi bestellen, die dank GPS-Ermittlung auch ganz genau weiß, wo die Abholung geschehen soll. Fahrer zahlen pro vermittelter Fahrt 0,79 Euro (in Wien 0,99 Euro) an Intelligent Apps, eine Monatsgebühr fällt nicht an.

Während die Attraktivität von myTaxi für Fahrer von der jeweiligen Stadt, der dortigen Verbreitung der App bei Verbrauchern sowie von den Gebühren der Taxizentralen abhängig ist, stellt die Anwendung für Fahrgäste einen Segen dar, zumal der Nutzwert von myTaxi mit jeder weiteren verfügbaren Region steigt.

Die Funkzentralen sehen in myTaxi nicht überraschend eine Bedrohung. Denn weil die Taxi-Bestellung über das Smartphone deutlich bequemer ist, schneller geht, eine ungefähre Fahrpreisinformation im Voraus beinhaltet und man sich die Angabe einer Adresse oder die Beschreibung des Standortes spart, ist die mobile App deutlich besser zur Befriedigung der Kundenbedürfnisse geeignet als das bisherige telefonische Verfahren.

Die etablierten Taxizentralen stehen nun vor der Entscheidung, wie sie auf die neue, überlegene Konkurrenz reagieren.

Kundenorientiert Ansatz: Dem neuen Wettbewerber mit eigener Lösung Paroli bieten

Sie akzeptieren die Tatsache, dass die Taxibestellung in Zukunft immer stärker ohne Callcenter abgewickelt wird, weil dies aus Kundensicht Vorteile bietet, und versuchen, mit einer eigenen überregionalen App dagegenzuhalten. Die iPhone- und Android-App Taxi.EU ist ein Beispiel hierfür: In mehr als 40 Städten in Deutschland und diversen Nachbarländern kann per GPS-Standortermittlung ein Taxi gerufen werden.

Der Service der Berliner Funkzentralen-Betreiberin Taxi Pay GmbH ist an das System ausgewählter Taxizentralen angeschlossen und erhebt den Anspruch, das leistungsfähigste System seiner Art in Europa zu sein - unter anderem weil Taxifahrer für die Entgegennahme von Buchungen nicht Smartphones verwenden, sondern professionelle, speziell für diesen Zweck geschaffene Hardware.

Ich war ehrlich gesagt überrascht, im Rahmen meiner Recherchen für diesen Beitrag auf eine App im Stile von Taxi.EU zu stoßen. Zumindest auf dem Papier klingt das Angebot dem von myTaxi mindestens ebenbürtig und besitzt dazu den Vorteil, in deutlich mehr Städten einsatzbereit zu sein als der Dienst der Konkurrenz aus Hamburg.

Auch der Taxiverband Deutschland plant eine deutschlandweite mobile App. Diese soll allerdings frühestens 2012 verfügbar sein.

Innovationsfeindlicher Ansatz: Dem neuen Wettbewerber Steine in den Weg legen

Einige Taxizentralen versuchen, die neue Konkurrenz durch juristische Anfeindungen oder andere fragwürdige, innovationsfeindliche Attacken an der weiteren Expansion zu hindern. Bei heise online ist von einem aktuellen Fall zu lesen, bei dem zwei Wiener Funkzentralen Taxiunternehmen, die gleichzeitig myTaxi zur Kundenakquise einsetzen, mit der Kündigung drohen.

Angeblich sollen von mit den Fahrern von über die App gebuchten Taxis Konflikte vom Zaun gebrochen worden sein, damit man sie anschließend von den Services der Funkzentrale (momentan noch immer die Existenzgrundlage für die meisten Fahrer) abschneiden konnte.

Kundenbedürfnisse sollten im Vordergrund stehen

Man nenne mich einen Idealisten, aber oberstes Ziel von Unternehmertum sollte es meiner Ansicht nach sein, die Bedürfnisse der Zielgruppe bestmöglich zu erfüllen und auf diese Weise Geld zu verdienen. Firmen, bei denen das Profitstreben den Kundenfokus in den Hintergrund treten lässt, tendieren fast automatisch zu ethisch fragwürdigem Vorgehen oder dazu, von einem stärker kundenorientierten Wettbewerber überholt zu werden.

Funkzentralen, die glauben, sie könnten myTaxi zu Fall bringen, agieren nach diesem traurigen Muster und sollten sich fragen, warum sie überhaupt im Taxigeschäft tätig sind, wenn ihnen die sich verändernden Bedürfnisse der Kundschaft so egal sind. Zumal mir keine Branche bekannt ist, in der derartiges Bewahrer-Verhalten langfristig von Erfolg gekürt war.

Natürlich ist es für etablierte Firmen eine Herausforderung, wenn ihrem bisher wasserdicht erscheinenden Geschäftsmodell durch digitale Konkurrenz die Existenzberechtigung genommen wird. Wer aber den Kunden in den Mittelpunkt stellt, statt sich dem zum Scheitern verurteilten Erhalt des Status Quo zu verschreiben, wird besser auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren können. Die Medienbranche kann davon ein Lied singen.

Update 06. Januar 2012: Im Bezug auf einige Kommentare unterhalb dieses Artikels bitte folgenden Sachverhalt berücksichtigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer