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20.07.12

Buzzwörter: Das Ende von "Social Media" und die Frage nach dem Web 3.0

Schon zur Hoch-Zeit des Web 2.0 im Jahr 2007 waren Spekulationen über den nächsten großen Evolutionsschritt des Internets und über die korrekte Bezeichnung dafür populär. Fünf Jahre später steht die Debatte noch immer am selben Punkt.

Als ich im Jahr 2007 mit dem Bloggen über das Geschehen in der Internetbranche begann, dominierte ein Begriff die Berichterstattung über neue Startups, Onlinedienste und Trends im Netz: Web 2.0. Die für damalige Verhältnisse neue Welt aus bunten, interaktiven Websites mit kreativen Logos, eigenwilligen Namen, Spiegeleffekten und allerlei Mitmach-Features regte die Fantasie von Nutzern wie Gründern an. Eine der Fragen, die damals schon intensiv diskutiert wurde: Was kommt nach dem Web 2.0? Eine gängige Theorie lautete: Das Web 3.0 natürlich. Doch wie genau sich dies von seinem Vorgänger unterscheiden würde, darauf gab es keine konkrete Antwort. Ein Favorit vieler war das sogenannte semantische Web. So richtig hat dies bis heute nicht Einzug gehalten.

Ende 2007 sah Internetguru Tim O’Reilly das Web 2.0 in eine Konsolidierungsphase eintreten. Zumindest der Begriff erlebte genau in diesem Jahr seinen Höhepunkt, ehe er nach und nach aus dem Vokabular der Beobachter, Blogger und Journalisten verschwand. Ersetzt wurde er nicht etwa vom "Web 3.0", sondern durch "Social Media". Social Media war sozusagen die Wiedergeburt des Web 2.0, betrachtet durch die Brille von Werbern, Marketern und Unternehmen. Die grundsätzlichen Konzepte des Web 2.0 existierten weiterhin, jedoch entwickelten die Dienste, welche aus der Konsolidierung als Sieger hervorgingen, erstmals eine derart große Reichweite und funktionelle Vielseitigkeit, dass sie gewissermaßen zu Konkurrenten der klassischen Medien avancierten.

Die endgültige Trendwende erfolgte zum Jahreswechsel 2009/2010, als das Suchvolumen des Begriffs "Social Media" das von "Web 2.0" übertraf. Während letztere Bezeichnung heutzutage in der Google-Suche zu einem Exoten geworden ist, nahmen die Recherchen nach Social Media kontinuierlich zu - bis Anfang 2012. Dann kam, was kommen musste: Zumindest Google Trends signalisiert eine sinkende Bedeutung des Begriffs, und diese Entwicklung stimmt mit dem subjektiven Eindruck überein, den man bei der täglichen Analyse des Onlinegeschehens erhält. Zu Social Media ist alles gesagt, alle Thesen, Potenziale und Risiken wurden hinreichend durchdiskutiert, und auch die berühmte Frage nach dem Social-Media-ROI ist mittlerweile ziemlich ermüdend. Ob sie gelöst wurde: unklar.

Sofern man der Suchstatistik trauen kann, wird 2011 die Hoch-Zeit der Social-Media-Euphorie gewesen sein. Natürlich werden Plattformen, Dienste und etablierte Strategie und Prozesse rund um das soziale Netz jetzt nicht einfach wieder verschwinden. Doch sie haben sich als Teil unserer aller Onlinealltage verfestigt und bieten damit nicht mehr hinreichend Neuigkeitswert, um weiterhin als unermüdlicher Diskussionsgegenstand zu dienen.

Fünf Jahre später, aber die gleiche Debatte

Nein, nun muss etwas Neues kommen. Und sofern man wie ich Social Media (oder das "Social Web") als eine Verlängerung und massentauglichere Variante des Web 2.0, aber nicht als grundsätzlich nächsten großen Schritt betrachtet, stehen wir damit heute wieder genau da, wo sich die Debatte schon vor fünf Jahren befand: Was kommt nach dem Web 2.0, und wie wird es heißen?

Bei ReadWriteWeb glaubt man , dass es sich bei der nächsten entscheidenden Phase der digitalen Evolution um das mobile Web handelt, und Autor Dan Rowinski tituliert dies auch explizit als Web 3.0. In der Tat stellt die zunehmende mobile Nutzung und die andersartigen Einsatzszenarien eine radikale Veränderung im Vergleich zum desktopbasierten Internet dar - immerhin verliert die klassische Website erheblich an Bedeutung. Doch auch das Internet der Dinge - ein nicht minder relevanter Trend im Jahr 2012 - wird nachdrücklich unsere Perspektiven auf die vernetzte Welt beeinflussen. Wer will, könnte das mobile Web sogar als einen Teil des Internet der Dinge betrachten - ausgehend von der Prämisse, das schlicht jedes elektronische Gerät in der Lage ist, mit der Cloud zu kommunizieren - egal ob die Eingabe über Touchdisplays, die menschliche Stimme, Gesten oder Knöpfe erfolgt. Aber natürlich ist auch das semantische Web noch nicht vom Tisch, genausowenig wie das automatisierte, smarte Web, welches uns ohne unser Zutun mit relevanten Informationen und Services versorgt (siehe zum Beispiel Google Now). Robert Scoble bezeichnet dies auch als "Contextual Age" ("Zeitalter des Kontext) und plant ein Buch dazu.

Es ist sinnlos, im Vorfeld zu darüber zu spekulieren, wie wir in ein bis zwei Jahren die vor uns stehende Phase des Webs bezeichnen werden. Fakt ist, dass dem Social-Media-Begriff in diesen Tagen die Puste ausgeht. Und dass sich zwar seit 2007 viel getan hat, die berühmte Frage nach dem nächsten signifikanten Schritt aber auch ein halbes Jahrzehnt später noch immer unbeantwortet bleibt. Das hätten damals die wenigsten gedacht.

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