<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

22.04.09

Bundesverband Musikindustrie: Internet-Filter als Geschäftsmodellschutz

Nerdcore hat mich an einen Absatz in diesem vielleicht lesenswertesten Artikel zum Thema Kinderpornographie-Sperren in der c't erinnert, auf den ich auch noch einmal eingehen wollte:

Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hakte sich sogleich bei der Ministerin ein: „Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums.“ Das ist die mühsam verklausulierte Forderung, unliebsame P2P-Linkseiten auf die Sperrliste zu hieven.

Wir sehen hier den Vertreter einer Industrie, die sich weigert, ihre Geschäftsmodelle an die Veränderungen in ihrem Markt anzupassen und stattdessen fordert, dass diese Veränderungen wieder verschwinden. Das Problem ist hier natürlich, dass eine Industrie mehr Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als ihr zustehen. Der Musikindustrie steht nicht zu, mit zu entscheiden, was im Internet gefiltert wird und was nicht. Genau das ist aber die (implizit angekündigte) Forderung. Ganz abgesehen von der grundlegenden Problematik mit Internet-Filtern.

Ein Filtern von sogenannten "P2P-Linkseiten" wäre allein aufgrund der schwierigen Klassifizierung der Sites ein unverhältnismässiger Eingriff in das Internet, der noch mehr Rechtsunsicherheit in das Internet in Deutschland einbringen würde, als es bereits unter der aktuellen Gesetzgebung der Fall ist .

Von da wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt zum Beispiel YouTube zu sperren, wenn man dort den Lizenzforderungen der Rechteinhaber nicht nachkommt. Eine passende Argumentation dafür würden die Vertreter der Musikindustrie, deren Opportunismus längst keine Grenzen mehr kennt, schon finden.

Ein weiteres Problem hier ist, dass es in einer Marktwirtschaft nicht die Aufgabe der Regierung ist, sicherzustellen, dass veraltete Geschäftsmodelle profitabel bleiben. Wie ich vor geraumer Zeit schrieb:

Markt bedeutet eben nicht nur unverschämt hohe Renditen sondern auch Untergang, wenn man sich nicht an Veränderungen der Umwelt anpassen kann oder will.

Die Musikindustrie hatte durch Veränderungen ihres Marktes die letzten 15 Jahre des vergangenen Jahrhunderts recht hohe Renditen eingefahren. Durch den Umstieg der Konsumenten von Vinyl auf CD konnten ganze Backkataloge ein weiteres Mal unter das Volk gebracht werden. Jetzt ist man mit einer ebenso umwälzenden Veränderung des Marktes konfrontiert, nur verändern sich dieses Mal auch die Geschäftsmodelle selbst. Und weil man sich nicht ändern will, ruft man nach der Regierung und Gesetzen und Regelungen gegen diese Veränderungen.

Das ist in etwa so, als hätten die Vinyl-Presswerke Ende der Achtziger ein allgemeines CD-Verbot verlangt. Absurd? Aber ja.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer