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11.11.11

Brisanter Entschluss: US-Behörde zwingt Facebook zum Opt-In-Verfahren

Die US-Handelskommission FTC hat Facebook die Auflage erteilt, für Änderungen an den Privatsphäre-Einstellungen grundsätzlich vorab das Einverständnis der Nutzer einzuholen. Im schlimmsten Fall wird dies Facebooks Entwicklungstempo drastisch verlangsamen.

 

Foto: stock.xchng

Aktualisiert

Nutzer von Internetdiensten wünschen sich zwar (bewusst oder unbewusst) eine Weiterentwicklung des Angebots, haben aber eine Tendenz, signifikante Änderungen zumindest anfänglich abzulehnen - erst recht wenn sie mit abgewandelten Privatsphäre-Einstellungen einhergehen. Facebook, das weltgrößte soziale Netzwerk, hat deshalb über die Jahre signifikante Neuerungen stets im Opt-Out statt im Opt-In-Verfahren eingeführt.

Opt-Out bedeutet, dass eine neue Funktionalität oder Einstellung für Anwender automatisch aktiviert wird. Sofern sie diese nicht wünschen, erhalten sie nachträglich die Gelegenheit, sie wieder abzuschalten. Beim Opt-In hingegen werden Nutzer vor die Wahl gestellt, ob sie die Neuerung freischalten wollen.

Aus Sicht von Onlinediensten, die sich davor schützen wollen, auf der Stelle zu treten und einzurosten, ist das Opt-Out-Verfahren der deutlich effektivere Weg, potenziell kontroverse Änderungen durchzusetzen. Erfahrungsgemäß nutzen nur relativ wenige User die nachgelagerte Möglichkeit der Deaktivierung. Bei Anwendern hingegen sorgt dieser Ansatz leicht für ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, besonders wenn die Neuerungen ihre Datenschutz- und Privatsphäre-Einstellungen tangieren.

Berühmt-berüchtigte Opt-Out-Fälle von Facebook waren die Einführung neuer Datenschutzeinstellungen Ende 2009 , welche Status Updates in der Standardfassung öffentlich machte, sowie die Aktivierung der (in Deutschland umstrittenen) Gesichtserkennung. Manchmal ändern sich Funktionen auch wie von Geisterhand .

Glaubt man einer Vereinbarung zwischem dem sozialen Netzwerk und der US-Handelsbehörde Federal Trade Commission (FTC), wird Facebook zukünftig bei die Modifizierung von Datenschutzeinstellungen nur noch auf Opt-In setzen. Seit zwei Jahren verhandelt die FTC mit Facebook über die Frage, in welchem Ausmaß das Unternehmen eigenhändig an den Nutzer-Kontrollmechanismen zum Schutz der Privatsphäre schrauben darf. Die jetzt erzielte Einigung gilt nicht rückwirkend. [Update] In den kommenden Wochen soll der Schritt endgültig besiegelt werden. Betroffen sind von dem Schritt sämtliche Veränderungen an den Datenschutzeinstellungen, die rückwirkend die Sichtbarkeit der von Nutzern eingestellten Inhalte modifizieren. Ausgeklammert wären nach bisherigen Informationen demnach lediglich neue Funktionen, die bisher nicht von den existierenden Datenschutzoptionen abgedeckt werden. [Update Ende]

Die Abmachung mit der FTC - die sich neben ihrer Aufgabe als Wettbewerbshüterin auch für den Verbraucherschutz einsetzt - sieht außerdem eine regelmäßige Prüfung von Facebooks Datenschutzwerkzeugen durch eine unabhängige Firma vor, und zwar mit einer Laufzeit von 20 Jahren.

Man kann sich ausmalen, dass Facebook einer für das Unternehmen derartig einschneidenden Auflage nur unter großem Druck zustimmen würde. Immerhin erschwert es dem kalifornischen Netzwerkgiganten in Zukunft drastisch die Einführung neuer, weitreichender Features. Angesichts der mittlerweile erreichten Komplexität der Plattform hat nahezu jede nennenswerte Erweiterung oder Überarbeitung auch Auswirkungen auf die Privatsphäre-Einstellungen der Anwender.

Für die 800 Millionen aktiven Facebook-Mitglieder ist dies kurzfristig gesehen eine sehr erfreuliche Nachricht, weil sie die Gewissheit haben, dass ihr gewähltes Privatsphäreniveau von Facebook nicht ohne vorheriges Nachfragen angetastet werden darf.

Mittelfristig jedoch besteht das Risiko, dass sich das soziale Netzwerke nicht mehr im selben Tempo weiterentwickelt wie bisher. Hätte es die FTC-Auflage bereits im Jahr 2006 gebeben, wäre Facebook mitunter nicht einmal in der Lage gewesen, den zu Anfang von Mitgliedern heftig kritisierten Newsfeed zu lancieren (ein Opt-Out existierte nicht einmal). Heute ist dieser nicht nur das Herzstück von Facebook, sondern zum Standard-Element jeglicher Social-Web-Anwendungen geworden.

Zwischen den unmittelbaren Mitbestimmungsansprüchen sowie Bewahrerbestrebungen und den langfristigen, teilweise unausgesprochenen Erwartungen an eine stetige Weiterentwickung existiert bei Internetnutzern seit jeher eine erhebliche Diskrepanz. MySpace verlor unter anderem deshalb gegen Facebook, weil es konzeptionell auf der Stelle trat. In dem Moment, in dem Facebook keine Evolution mehr erkennen lässt, wird es verletzlich. Der FTC-Entschluss ist deshalb brisant, denn er bindet Facebook zu einem gewissen Teil die Hände.

Davon abgesehen ist es aber beruhigend zu wissen, dass die US-Behörden Facebook im Auge haben und dass das soziale Netzwerk entgegen gelegentlicher Behauptungen hiesiger Datenschutz-Verfechter nicht außerhalb jeglicher Kontrolle agiert.

(Foto: stock.xchng)

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